Die Existenzanalyse Victor E. Frankls Teil 5b Die Frage nach dem Sinn

«Ich komme zwar aus der Stadt Sigmund Freuds, aber nicht aus der Zeit Freuds.» -so pflegt Frankl seine Vorträge häufig einzuleiten. (Ringen um Sinn, S. 38)
Heute leidet der Mensch unter einem Gefühl der Leere und der Sinnarmut. Die Frage nach dem Sinn des Lebens wird heute bedrängender denn je gestellt. Sie ist, ob ausgesprochen oder unausdrücklich gestellt, die wesentlichste und menschlichste aller Fragen. Kein noch so hoch entwickeltes Tier vermag diese Frage zu stellen, allein dem Menschen ist es vorbehalten, sein Leben als fragwürdig zu empfinden. Sie ist für Frankl auch nie etwas Krankhaftes oder der Ausdruck neurotischen Fehlverhaltens, wie z.B. Freud behauptet hat. Dazu erzählt Frankl von einem Patienten, der wegen Verzweiflung über sein Dasein in seine Klinik kam. Aus den Gesprächen ergab sich, daß seine Grübeleien über den Sinn des Lebens nicht, wie man vermuten könnte zu den Zeiten der Depressionen über ihn kamen; in diesen Zeiten war er vielmehr unfähig zu denken. Erst in den gesunden Phasen grübelte er über sein Leben. Demnach ist die Frage nach dem Sinn eine zutiefst gesunde und menschliche Frage. Sie ist auch nicht gebunden an Alter, Beruf, Kultur oder Geschlecht. Zwar tritt sie in besonderen Zeiten bedrängender auf, z.B. in der Pupertät, einer Zeit, in der sich die wesenhafte Problematik des Lebens sich dem geistig reifenden jungen Menschen auftut, oder zu Zeiten erschütternder Erlebnisse, sobald z.B. das eigene Leben oder das eines geliebten Menschen durch Krankheit oder Tod bedroht ist. Auch ein Selbstmörder glaubt an einen Sinn, wenn nicht des Weiterlebens, so doch des Todes.
Die Frage nach dem Sinn ist für Frankl auch der Ausdruck des Gespaltenseins des Menschen zwischen dem, was er ist und dem, was er sein sollte. Wir kennen die Meinung, der Mensch brauche sich nur darauf zu beschränken, sein Selbst und seine inneren Möglichkeiten zu verwirklichen. Frankl vermutet hinter dieser Haltung das verborgene Motiv, jene gesunde Spannung, die durch die Spannung zwischen der Realität und den Idealen, die erst zu verwirklichen sind, hervorgerufen wird oder jene Spannung zwischen Essenz und Existenz oder zwischen Sein und Sinn, zu verringern. Die Leugnung dieser Spannung bedeutet nun für viele Menschen eine frohe Botschaft, denn der Mensch braucht sich gar nicht erst um Sinn und Werte zu kümmern, da ja alles bereits in Ordnung ist. Er braucht sich nicht um Ideale zu kümmern, denn was immer der Mensch werden soll, er ist es immer schon gewesen. Der Spannung zwischen dem Sein und dem Sein-sollen muß der Mensch sich stellen, sie ist unaufhebbar und gehört zum Menschsein dazu. Frankl sagt: «Weder können, noch sollen in einem endlichen Wesen, wie dem Menschen Existenz und Essenz koinzidieren und kongruieren, im Gegenteil, der Sinn muß jeweils dem Sein voraus sein – nur dann nämlich kann der Sinn das sein, was sein eigentlicher Sinn ist: Schrittmacher des Seins zu sein. Umgekehrt sackt Existenz in sich selbst zusammen, wofern sie nicht sich selbst transzendiert, indem sie über sich selbst hinauslangt auf etwas jenseits ihrer selbst.» (Ärztliche Seelsorge, S. 78) Frankl führt an dieser Stelle ein sehr plastisches Beispiel aus der Bibel an: Während der Wanderung Israels durch die Wüste schritt Gott in Form einer Wolke bzw. einer Feuersäule dem Volk voran. D.h. nach Frankls Deutung: Der Sinn (oder Über-Sinn) war dem Sein voraus, damit letzteres dem ersten folgte. Wäre die Wolke nicht vorangeschritten, sondern inmitten des Volkes gewesen, dann wäre die Wolke nicht imstande gewesen, Israel durch die Wüste zu führen, sondern die Wolke hätte alles eingenebelt und das Volk wäre in die Irre geführt worden. (Ärztliche Seelsorge, S. 78) Frankl will also zeigen, daß der Sinn immer außerhalb des Menschen liegt und daß es darum geht, Sinn zu finden.
Damit sind wir bei der nächsten Feststellung Frankls: daß Sinngehalte immer nur gefunden werden können. Einerseits vertritt Frankl die Auffassung, daß der Sinn etwas Subjektives sei, denn jeder einzelne Mensch ist aufgefordert, den für ihn, und nur für ihn konkreten, richtigen Sinn in jeder Situation seines Lebens zu finden. Andererseits betrachtet Frankl den Sinn auch als etwas Objektives, als etwas, was der Situation jeweils innewohnt, was in ihr drinsteckt, das nicht in dem Menschen selbst liegt, ihn konfrontiert und ihn zur Entscheidung herausfordert.
Es geht für Frankl auch nie um Sinngebung; denn die Wirklichkeit ist kein Rorschachtest, in dem jeder Mensch dieselben Tintenkleckse auf seine besondere Weise interpretiert. Damit setzt sich Frankl auch entschieden von dem Standpunkt des französischen Existentialismus ab, wie er von Sartre und Camus vertreten wird. Nach ihrer Meinung steht der Mensch mit Beginn seines Lebens vor einem «leeren Schirm des Daseins», auf den es Sinn und Werte zu projizieren gilt. Sie sind davon überzeugt, daß der Mensch imstande ist, Sinn und Werte aus sich selbst zu produzieren, was sie zu der Feststellung bringt, daß der Mensch sich selbst erfindet.
Für Frankl ist der Sinn immer etwas, was den Menschen «angeht», was an ihn herantritt. Und von nichts anderem ist der Mensch tiefer durchdrungen, als von einem Willen zum Sinn.
Der Wille zum Sinn
Wir kennen alle die Meinung, daß der Mensch ursprünglich danach strebt, glücklich zu sein. Frankl stellt diese Meinung sehr in Frage, wenn er behauptet, daß der Mensch nicht ein Glücklichsein an sich anstrebt, sondern einen Grund zum Glück. Sobald nämlich ein Grund zum Glücklichsein vorhanden ist, stellt sich das Glück als Wirkung von selbst ein. Der klinische Alltag hat Frankl oft gezeigt, daß es gerade die Abwendung vom Grund zum Glück durch eine übersteigerte Hinwendung zum Glück selbst, zur Lust, dem sexualneurotischen Menschen unmöglich machte, glücklich zu werden. Frankl erklärt sich seine Beobachtungen dadurch, daß der Mensch weder von einem Willen zur Lust, noch von einem Willen zur Macht so tief erfaßt ist, wie von einem Willen zum Sinn. Daß die bisherige Psychotherapie mit ihrer starken Betonung des Lustprinzips die Sinnstrebigkeit des Menschen verkannt hat, führt Frankl auf ihr reduktionistisches Menschenbild zurück, das die Fähigkeit der Selbsttranszendenz des Menschen nicht kennt. Der Sinn ist also der Grund zum Glück, zur Lust …
Heute in unserer wissenschaftsorientierten Wohlstandsgesellschaft empfindet sich der Mensch jedoch häufig überflüssig ; er leidet an einem Gefühl der Sinnleere, das Frankl das «existentielle Vakuum» nennt, was uns in unserem nächsten Kapitel beschäftigen soll.
Das existentielle Vakuum
Die These von dem Willen zum Sinn bleibt bei Frankl nicht ein bloßes Postulat, vielmehr versucht er, empirisch und praktisch Forschungsergebnisse vorzuweisen. Besonders Frau Dr. Lukas, eine Schülerin Frankls, hat auf diesem Gebiet gearbeitet. Sie berichtet aus der Praxis einer Lebensberatungsstelle, daß ihre Patienten körperlich gesund, mit Gütern ausgestattet und umsorgt sind, aber über ein Gefühl der Sinnleere klagen. (Wille zum Sinn, S. 238). Oder: Ein amerikanischer Student schrieb an Frankl: «Ringsum bin ich hier in Amerika umgeben von jungen Leuten meines Alters, die verzweifelt nach einem Sinn ihres Daseins suchen. Einer meiner besten Freunde starb unlängst, weil er eben einen solchen Sinn nicht finden konnte.» (Der Mensch v.d. Frage n.d. Sinn, S. 141)
Um noch ein Beispiel herauszugreifen: Auf Frankls Vorträgen in Deutschland, Österreich und der Schweiz haben 40 % der Hörer zugegeben, unter einem Gefühl der Sinnlosigkeit zu leiden, in den USA waren es 80%. Selbst in Afrika ist das «existentielle Vakuum» immer häufiger zu beobachten (Ä.S., S. 7)
Annemarie von Forstmeier hat in 90% der Fälle von schwerem Alkoholismus ein abgründiges Sinnlosigkeitsgefühl feststellen können. (Wille zum Sinn, S. 19) Der Mensch ist heute in seinem Willen zum Sinn frustriert. Diese Frustration treibt ihn in das existentielle Vakuum, und in schweren Fällen führt sie sogar in die noogene Neurose. Das ist ein herausforderndes Fazit.
Wenn es stimmen sollte, daß der Mensch Sinn will und daß dieser Wille zum Sinn eine unverlierbare Möglichkeit im Menschen bleibt, dann ist das Scheitern des menschlichen Lebens letztlich keine Möglichkeit mehr. Mit anderen Worten: Jeder Mensch kann letztlich aus sich selbst sinnvoll leben – das ist die Konsequenz aus Frankls Menschenbild.
Sinn und Gott
Nun wollen wir uns mit der existenzanalytischen Interpretation der menschlichen Religiosität bzw. dem Verhältnis des Menschen zur Transzendenz beschäftigen. Von vornherein meint Frankl, sich davor schützen zu müssen, in ein weltanschauliches Lager – entweder ein theistisches oder atheistisches – zu fallen, indem er Religion als Thema behandelt, jedoch nur weil er es phänomenologisch als ein spezifisch menschliches Phänomen anerkennt. Für ihn kann Religion nur ein Gegenstand, nicht aber ein Standort sein. Die Psychotherapie muß sich also diesseits des Offenbarungsglaubens bewegen und die Sinnfrage diesseits der Aufgabelung – einerseits in die theistische und andererseits in die atheistische Weltanschauung – beantworten. Wenn sie solcherart das Phänomen der Gläubigkeit nicht als den Glauben an Gott, sondern als den umfassenden Sinnglauben auffasst, dann ist es durchaus legitim, wenn sie sich mit dem Phänomen des Glaubens befaßt. (Ä.S., S. 21) Mit anderen Worten: In diesem weitgefaßten Glaubensverständnis sieht sich die Existenzanalyse auch darin berechtigt, die Frage nach dem letzten Sinn, den «Über-Sinn» – der religiöse Glaube ist letztlich Glaube an einen «Über-Sinn» – zu stellen. Frankl ist Arzt, und er will sowohl dem religiösen wie dem nicht-religiösen Menschen helfen. Deshalb zentriert sich die Existenzanalyse auch um den Begriff «Logos» und nicht Gott, und deshalb treibt er auch keine «Theotherapie», sondern Logotherapie. Aber Frankl weist auf die Grundvoraussetzung menschlichen Seins hin und spricht an vielen Stellen von der Existenz der Transzendenz. Wir haben gesehen, daß Frankl menschliches Sein als Verantwortlichsein versteht. Nun unterscheidet Frankl zwischen dem religiösen und dem nicht-religiösen Menschen. Der religiöse weiß sich vor einer höheren Dimension verantwortlich. Er fragt, wenn er nach dem Sinn fragt, gleichzeitig nach Gott, während sich der nicht-religiöse Mensch vor seinem Gewissen als letzter Instanz verantwortlich weiß. Wenn der Mensch als persönliches Wesen einer höheren Dimension gegenüber verantwortlich ist, dann kann diese, so folgert Frankl, nur personal verstanden werden und spricht von dem «Du-Wort der Transzendenz», (Der unbewußte Gott, S. 52). Frankl bemerkt die Notwendigkeit einer Transzendenz, will aber keinesfalls einen Gottesbeweis liefern, er stellt sich eher einen phänomenologischen Aufweis vor, wenn er mit Franz Werfel spricht: «Der Durst beweist die sichere Existenz von Wasser». Gut scholastisch schließt Frankl per analogium von der menschlichen Dimension auf die göttliche, wenn er sagt: «Am Grunde unseres Seins liegt eine Sehnsucht, die dermaßen unstillbar ist, daß sie gar nichts anderes meinen kann als Gott» (Frankl, Anthropologische Grundlagen, S. 364). Frankl will hier nicht aus einem theoretischen Bedürfnis mit Rationalität den logischen Weg von der Immanenz zur Transzendenz gehen, sondern aus einem emotionalen Bedürfnis heraus, die Transzendenz zur «Gegebenheit» bringen.
Wie definiert Frankl aber «personale Transzendenz», wenn er auf der andern Seite in der Transzendenz das «Unerreichbare», das «ganz andere» sieht? «Wir wissen, daß Gott letztlich und schlechthin undenkbar und unsagbar ist – er ist nur glaubbar, nur liebbar. Gott ist und bleibt allem Diesseitigen, Irdischen, Menschlichen, Zeitlichen gegenüber in absoluter Inkommensurrabilität» (Frankl, Anthropologische Grundlagen, S. 346).
Wer ist dann aber Gott? Bleibt der Mensch dann nicht doch letztlich sich selbst gegenübergestellt? An dieser Stelle können wir diese Frage nicht erörtern, werden aber im kritischen Teil darauf zurückkommen. Innerhalb seines Gesamtwerkes ist Frankl in seinem Buch «Der unbewußte Gott» am ausführlichsten auf die Gottesfrage eingegangen. Er vertritt dort die Auffassung von einer zwar störbaren aber letztlich unverlierbaren Gottbezogenheit jedes Menschen – ob atheistisch oder theistisch. Wenn dem nicht-religiösen Menschen seine Beziehung zu Gott auch unbewußt, ihm selbst verborgen bleibt, so kann er doch nicht seiner Gottbezogenheit entfliehen. Er fragt zwar bewußt nach dem Sinn, aber nicht -jedenfalls nicht bewußt -nach Gott. Unbewußt ist und bleibt er aber auf Gott bezogen. Jetzt drängt sich nur die Frage auf, warum sich der nicht-religiöse Mensch  gegen Gott entscheidet, wenn er doch zutiefst religiös ist, und warum er Sinn finden kann, ohne den Sinngeber zu akzeptieren? Frankls Antwort liegt nahe: «Seine Gottbezogenheit ist unauflösbar. Er kann Sinn finden, aber nicht die Sinnfülle des religiösen Menschen; denn «… er ist auf der Wegsuche … erst auf einem Vorgipfel angelangt» (Frankl «Der unbewußte Gott, S. 49). Warum geht er aber nicht weiter? «Weil er den festen Boden unter den Füßen nicht missen will; denn der eigentliche Gipfel – der ist seiner Sicht entzogen, der ist vom Nebel verhüllt, und in diesen Nebel, in dieses Ungewisse, wagt er sich nicht hinein. Dieses Wagnis leistet eben nur der religiöse Mensch» (Frankl: «Der unbewußte Gott» S. 49).
Ist der Glaube hier ein Sprung ins Nebulöse? Wenn die Gottbezogenheit jedes Menschen als unverlierbare Möglichkeit existiert und erst der religiöse Mensch wirkliche Sinnfülle erlebt, müßte es sich die Logotherapie dann nicht zur Aufgabe machen, dem Menschen seine Beziehung zu Gott bewußt zu machen, d.h. ihm einen Weg zu Gott zu zeigen?
12 «Bekanntlich eignet dem Tier bloße Umwelt, während der Mensch <Welt> hat. (Max Scheler)», Frankl, Der unbewußte Gott, S. 75.
13 «Der Sinn ist eine Mauer, hinter die wir nicht weiter zurücktreten können, die wir vielmehr annehmen müssen. Diesen letzten Sinn müssen wir deshalb annehmen, weil wir hinter ihn nicht zurücktragen können, und zwar deshalb nicht, weil bei dem Versuch, die Frage nach dem Sinn von Sein zu beantworten, das Sein von Sinn immer schon vorausgesetzt ist». Frankl. Der unbewußte Gott, S. 76.
http://bibelkreis-muenchen.de/?p=1602 Teil 5a
http://bibelkreis-muenchen.de/?p=495 Teil 1
http://bibelkreis-muenchen.de/?p=1581 Teil 2
http://bibelkreis-muenchen.de/?p=1586 Teil 3
http://bibelkreis-muenchen.de/?p=1593 Teil 4

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