Die Existenzanalyse Victor E. Frankls Teil 6a

Würdigung und Versuch einer kritischen Stellungnahme aus biblischer Sicht
Würdigung
Unseres Erachtens hat sich Viktor E. Frankl in seiner Zeitanalyse des 20. Jahrhunderts sehr scharfsinnig mit den gegenwärtigen, existentiellen Problemen des Menschen befaßt und eine Antwort versucht. In seiner Existenzanalyse beweist er geschichtliches Bewußtsein und Sensibilität für die Probleme unseres Jahrhunderts. Frankl hat zwar die Schule Freuds studiert, blieb ihr aber nicht verhaftet, sondern hat selbständig eine gegenwartsorientierte Psychotherapie entwickelt. Sein engagierter Aufruf zur Rehumanisierung der herkömmlichen Psychotherapie ist ohne Zweifel ein großes Verdienst, weil er den Menschen in seiner Geistigkeit und daher der Sinnfrage ernst nimmt. Unter dem Aspekt der Leib-Seele-Geist-Einheit des Menschen ist Frankl ein hervorragender Kritiker aller Reduktionismen, die den Menschen um eine Dimension verkürzen und ihm somit im wesentlichen nicht gerecht werden.
Mit seiner Interpretation von Selbstverwirklichung tritt er in eine klare Opposition zu einseitigen Strömungen von heute, indem er sagt, Selbstverwirklichung vollziehe sich im Hingegebensein an eine Sache, eine Person oder an Gott. Hier wird das «dialogische Prinzip» einer übertriebenen Selbstreflexion gegenübergestellt und der Mensch zur Befreiung von der Selbstumdrehung gebracht. Die «Flucht nach vorn», in die Begegnung, in eine Aufgabe, ist hier der Angriff gegen Sinnleere.
Einleitung zur Kritik
Kritik an Frankl zu üben, ist schwer, weil er sich selbst in vielen Fragen bescheiden verhält und einiges an Kritikmöglichkeiten selbst vorwegnimmt. Wenn wir jetzt einige Kritikpunkte erwähnen, dann sind wir uns der Schwierigkeit bewußt, dies auf der Ebene von Frankls Ansatz zu tun, denn von daher, d.h. von der Entdeckung des Sinnlosigkeitsgefühls als Neurose des 20. Jh. erscheint die Existenzanalyse stimmig. Umso wichtiger ist deswegen die Beschäftigung mit deren Denkvoraussetzungen.
Ist der Sinn wirklich, wie Frankl sagt, «eine Mauer, hinter die wir nicht weiter zurücktreten können?» Wieso ist bei der Frage nach dem Sinn des Seins das Sein von Sinn schon vorausgesetzt? (Vgl. Anm. 13 im letzten http://bibelkreis-muenchen.de/?p=1602)
Wir haben gesehen, daß Frankl durch die Beschäftigung mit dem Werk der französischen und deutschen Existentialisten wichtige und für ihn fruchtbare Erkenntnisse übernommen und verifiziert hat. Die teilweise Opposition zu atheistischen Extremen verstehen wir aus Frankls Biographie, besonders seiner jüdischen Tradition.
Im folgenden wollen wir versuchen, Frankls Existenzanalyse und sein Sinnverständnis zwischen den beiden Denktraditionen, dem Judentum und dem Existentialismus, einzuordnen, weil wir meinen, daß die Existenzanalyse eine Mischung beider darstellt. Wir wollen zeigen, daß diese Harmonisierung bei Frankl etwas ergibt, was wir eine «säkularisierte Religiosität» oder einen «religiösen Humanismus» nennen könnten.
Weil Frankl auch philosophiert und theologisiert, wollen wir Frankls Aussagen über Transzendenz und Gott vom biblischen Standpunkt her beleuchten.
Freiheit oder «Determiniertheit höherer Ordnung» Ein Beispiel der Inanspruchnahme existenzphilosophischer Gedanken für existenzanalytische Zwecke ist die Benutzung des Freiheitsbegriffs in der Anthropologie Fankls. Frankl meint, den existentialistischen Freiheitsbegriff als Angriff gegen die psychologistische Anthropologie benutzen zu können, ohne die atheistischen Voraussetzungen zu teilen. «Was also ist der Mensch? Er ist das Wesen, das immer entscheidet, was es ist». (14) Diese Vorstellung vom Menschen, dessen Existenz der Essenz vorausgeht, konnte aber erst nach dem «Tod Gottes» in der Philosophie  entwickelt werden. (15) Diese Art von Freiheit ist keineswegs eine erstrebenswerte, sondern eine verzweifelte: «Der Mensch ist verurteilt, frei zu sein.» (16) Damit er diese Konsequenz einer totalen, weil einsamen Freiheit nicht ziehen muß, erklärt Frankl eine relative Freiheit, von der aus er den radikalen Existentialismus sogar wieder kritisieren kann: «Der zeitgenössische Existentialismus sieht freilich zumeist nur das Wovon der Freiheit. Aber er hat übersehen, daß das Dasein zutiefst und zuletzt Verantwortlichkeit ist. Verantwortung ist daher allemal Rückbindung der Freiheit – ein Rückverbundensein mit einer höheren Ordnung im Sinne von Gesetz – Rückbindung in diesem Sinne aber ist nicht mehr und nicht weniger religiös.» (Frankl, Z.u.V, S. 50) Hier wird u.E. das Pendeln zwischen den oben genannten Prämissen deutlich: der relative Freiheitsbegriff als inkonsequenter Existentialismus, das Beibehalten einer «höheren Ordnung» als säkularisiertes Judentum. Was aber ist mit «höherer Ordnung» gemeint? Diese Frage bringt uns zu Frankls Transzendenzverständnis. Vorher wollen wir aber noch auf Kritiker Frankls eingehen, die trotz der eben genannten Relativierung der Freiheit diese bei Frankl immer noch zu hoch gewertet sehen. Überhaupt ist das der Tenor der meisten Kritiker Frankls (Görres, Becker, Binder), daß er ein idealistisches Bild von einem freien und verantwortlichen Menschen habe, was zu einer «Unterschätzung des triebhaft Unbewußten als Quelle neurotischer Fehlhaltungen führt.» (17)
Wir wollen dieser Kritik, allerdings in einem bestimmten biblischen Sinn, rechtgeben und auch von der Tatsache des Getriebenseins nicht nur durch das Unterbewußte, sondern auch durch die Sünde sprechen. Man könnte dies als «Determiniertheit höherer Ordnung» bezeichnen, womit wir das Anliegen Freuds aufnehmen, aber vom biblischen Wirklichkeitsverständnis her erweitern. Was ist damit gemeint?
Selbst wenn der Mensch nach dem Fall einen Großteil seiner Freiheit verloren hat, so war er auch vor dem Fall (status integrationis) nur relativ frei, nämlich dadurch, daß er Geschöpf unter dem Schöpfer war. Nach dem Fall (status corruptio-nis) ist zu der kreatürlichen Begrenztheit etwas Bestimmtes hinzugekommen, ein Hang, ein Zug, ein «Trieb» zur Sünde. Dies ist alt- und neutestamentlich zu belegen (Gen. 3,13; 4,17; 6,5; Joh. 8,44; Rom. 6,17). Aber auch im Leben des Christen gibt es ein «Getrieben-Sein» besonderer Art. Jesus «treibt» seine Jünger (Mk. 6,45). Er selbst wird «vom Geist in die Wüste getrieben» (Mk. 1,12).

Man kann sagen, daß sich christliche Freiheit gerade dadurch auszeichnet, daß man sich in Dienst nehmen läßt. Paulus kann sich einen «Gefangenen», einen «Sklaven Christi» nennen, weil Freiheit die Bindung an den wahrhaft Freien, Jesus Christus, ist. Von daher bekommt Freuds Psychoanalyse eine gewisse Berechtigung, nicht im mechanistischen, deterministischen Sinn, sondern gehoben auf auf die Ebene des «Getriebenseins» durch Gott oder gottfeindliche Mächte.
Konsequenzen der Dimensionalantologie
Das Wovor der Verantwortlichkeit
Die allgemeine Antwort Frankls auf die Frage, wofür der Mensch verantwortlich sei, ist: für das Leben. «Das Leben selbst ist es, das dem Menschen die Fragen stellt» (Ä.S., S. 72). Frankl weiß, daß dies konkretisiert werden muß, wie es z.B. in einer Rede an Mithäftlinge im KZ folgendermaßen geschah: «Auf jeden von uns sehe in diesen schweren Stunden… irgendjemand mit forderndem Blick herab, ein Freund oder eine Frau, ein lebendiger oder ein Toter – oder ein Gott. Und er erwarte von uns, daß wir ihn nicht enttäuschen und daß wir nicht armselig, sondern stolz zu leiden und zu sterben verstehen» (… trotzdem, S. 133).
Spätestens bei «einem Toten» als Zuschauer kann man vermuten, daß dieser «Zuschauer» hier rhetorisch dargestellt wird. Deswegen ist u.E. auch «ein Gott» eher im subjektiven, privatisierenden Sinn gemeint. Frankl spricht davon, daß für das Bewußtsein des religiösen Menschen zum Auftrag, der Auftraggeber des Lebens hinzuerlebt wird. Der religiöse Mensch erscheint ihm «psychologisch gesehen als einer, der zum Gesprochenen den Sprecher hinzuerlebt» (Ä.S., S. 73). Man könnte zwar fragen, wie denn der nichtreligiöse Mensch Gesprochenes ohne Sprecher erlebt, aber hier ist jetzt die Frage nach dem Gehalt und der Gestalt der Transzendenz bei Frankl gestellt. Dies kommt in einem Theaterstück von ihm zum Ausdruck.
Frankls Transzendenzverständnis
Mutter (treuherzig): Aber vor wem spielen wir alle? Es muß doch etwas geben, es muß doch einen geben, der uns zusieht – irgendwo. Kant: Stehen Sie das erste Mal auf einer Bühne, liebe Frau?
Mutter: Ja, mein Herr. Kant: Dann sagen Sie mir einmal, was Sie da sehen -hier (weist in den Zuschauerraum).
Mutter (blinzelnd): Ich sehe ein großes schwarzes Loch. Kant: Und wenn ich Ihnen sage, es gibt doch Zuschauer?
Mutter (blickt ihn vertrauensvoll an): Dann muß ich’s wohl glauben. Kant: Ja – (bestimmt) – Sie müssen es glauben, denn wissen können wir es nicht. Wir kennen ihn alle nicht, den großen Zuschauer unserer Lebensspiele. Er sitzt im Dunkeln – da! (weisende Geste) in irgendeiner Loge. Aber er sieht uns zu, unverwandt, glauben Sie mir, liebe Frau.
Spinoza: Glauben Sie ihm! Sokrates: Glauben Sie uns! Mutter: Ja – ich glaube.(18)
Frankl übernimmt hier die Trennung von Glauben und Wissen bei Kant. Das bedeutet aber, daß er bezüglich der Transzendenz keine Kategorien mehr hat. Damit wird aber nicht nur die Existenz eines «Zuschauers» fraglich, sondern erst recht dessen Wesen, sein Wie-Sein. Deswegen kann man auch pessimistische Schlüsse ziehen, je nach Stimmung.(19) Frankl versucht, einen optimistischen Weg zu gehen. Wie begründet er ihn? Er nennt die Bezogenheit auf das Absolute eine Bezogenheit auf ein «Unbeziehbares», will dem Leser aber den Schrecken dieser Paradoxie nehmen, indem er diese Bezogenheit eine «Geborgenheit im Verborgenen, im Transzendenten» nennt. Dies bedeute, «der Paradoxie, wenn schon keine Lösung, so doch eine positive Wendung zu geben» (Z.u.V, S. 51). Als solche wird sie aber nur ein Mensch empfinden können, der sich im Verborgenen geborgen fühlen kann und – bedenken wir: Mit Verborgenem ist hier nicht die Heimeligkeit einer tief im Wald versteckten Hütte gemeint, sondern das unbestimmte Gefühl, daß draußen im Universum irgend etwas existiert, was vielleicht sinngebende Funktion hat, von dem man aber nichts Genaues wissen kann. Deswegen kann Frankl, wenn er die Transzendenz nicht via negativa als «das Nichtfragmentarische» oder «Nicht-relative» (Ä.S., S. 249) beschreibt, positiv nur unbestimmte Ausdrücke verwenden: «Unbe¬ziehbares, Verborgenes, Gesuchtes, Gegebenes (aber nie in seiner Washeit, nur in seiner Daßheit). Schweigend, niemals aussprechbar. Absolut (so absolut, daß es schon vermessen sei, es überhaupt als Absolutes zu beschreiben; «Ä.S., S. 249), Unwißbares, Unberechenbares (HP. S. 106).
An solchen religiösen Ag¬nostizismus muß man die Frage stellen, wie er sich solch großer Sicherheit, daß nichts Sicheres bezüglich der Transzendenz gewußt werden kann, sicher sein kann. Ein negatives Bild ist auch ein Bild, das man sich machen muß, und nicht nur Bescheidenheit, sich eben keins zu machen. Woher bezieht Frankl seine Sicherheit, bei der Vorstellung von Transzendenz als dem «ganz anderen» getroffen zu haben? Er geht davon aus, daß man über Transzendenz nichts wissen kann. Wissen könne man nur, daß das Leben einen Sinn habe, nicht aber, welchen. Damit meint Frankl, alle Sinnleugner positiv überwunden zu haben. U.E. ist es aber ein Denkfehler, zu behaupten, bei der Frage nach dem Sinn des Seins sei das Sein von Sinn schon vorausgesetzt; denn Frankl schaltet hier einfach die Möglichkeit aus, daß es auf die Frage, ob das Sein einen Sinn habe, auch die Antwort geben kann: «Nein». Damit wäre nicht das Sein geleugnet, sondern dessen Sinnhaftigkeit. Sein von Sinn ist bestreitbar, aber nicht die Tatsache, daß etwas existiert, ein Sein. Das drängende an dieser Feststellung ist aber gerade, daß der Mensch meinen will, wozu das Sein existiert, wozu etwas da ist, im Gegensatz zu seiner Nichtexistenz. Woher weiß man also von der Transzendenz, wenn man doch zu wissen meint, von ihr nichts wissen zu können? Gerade weil Frankl in seiner Existenzanalyse das Geistige als den wesentlichen Bereich des Menschen hervorhebt, ist unverständlich, warum er den Weg zur Transzendenz nicht auch über das Rationale, sondern – wie er sagt – über das Emotionale gehen will. Frankl spricht von einer Sehnsucht, aber was ist mit der Sehnsucht nach Rationalität, nach auch intellektuell befriedigenden Antworten? Frankl denkt im anthropologischen Bereich zu scharfsinnig und kategorial, als daß man ihm glauben kann, daß er mit einer nebulösen Transzendenz zufrieden ist. Fortsetzung im nächsten Teil „Dialog oder Monolog“
http://bibelkreis-muenchen.de/?p=495 Teil 1
http://bibelkreis-muenchen.de/?p=1581 Teil 2
http://bibelkreis-muenchen.de/?p=1586 Teil 3
http://bibelkreis-muenchen.de/?p=1593 Teil 4
http://bibelkreis-muenchen.de/?p=1602 Teil 5

Ein Gedanke zu „Die Existenzanalyse Victor E. Frankls Teil 6a

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