Psalm 8 Vers 5 was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst, und des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst?

Der Begriff “Mensch“
I. Hebräisch
Der Mensch ist ein einzigartiges Geschöpf, einerseits mit einmaligen Fähigkeiten ausgestattet, andererseits offenkundig verkommen, oder biblischer ausgedrückt: gefallen. Beide Umstände haben sich in der Bezeichnung für den Menschen in den verschiedenen Sprachen niedergeschlagen.
Das deutsche Wort ist mit dem altindischen Wort manusch direkt verwandt, was bei diesem Beispiel auch ein linguistisch nicht Geschulter heraushört. Nach der für mich einleuchtendsten Etymologie (= Erklärung für die Herkunft des Wortes) hängt es mit dem gemein-indogermanischen Begriff men, Geist, Sinn, Verstand zusammen, das wir lateinisch als mens kennen. Somit unterstreichen neben dem Deutschen auch andere indogermanische Sprachen wie das Schwedische (manniska), das Englische (man), nordindische Sprachen wie Hindi, Bengali, Punjabi, Nepali etc. (manusch) die Tatsache, daß der Mensch das Geschöpf ist, das vernunftbegabt ist. Man könnte Mensch ganz wörtlich als «der mit Verstand» übersetzen, vielleicht sogar «der Sinnling». Das ist sicher eine treffende Charakterisierung. Der Schöpfungsbericht in 1. Mose 1 und 2 zeigt uns in der Tat, daß Gott unter den Geschöpfen einzig mit dem Menschen kommunizieren kann, weil nur der Mensch Gott ähnlich ist, also wie dieser Einsicht besitzt. Dennoch ist der Mensch nicht das einzige mit Verstand begabte Geschöpf, das daher mit Gott reden kann; denn das tun auch Engel.
Die semitischen Sprachen, zu denen auch das Hebräische gehört, haben in ihren Bezeichnungen für Mensch andere Charakteristika hervorgehoben. Das Arabische kennt das Kollektiv nas für Menschen, das mit der Verbalwurzel -n-s, etwa gesellig sein, zusammenhängt. So sah er den Menschen insonderheit als ein soziales Wesen – auch das eine typisch (wiewohl nicht ausschließlich) menschliche Eigenschaft.
Im Alten Testament werden folgende drei Wörter gebraucht:
1. ‚adam (z.B. 1. Mose 1,26)
2. anosch (z.B. Hiob 10,4)
3. mat (z.B. 1. Mose 34,30)
Wir wollen die drei in der angegebenen Reihenfolge kurz betrachten: 1. ‚adam Es ist dies das mit Abstand häufigste Wort für Mensch; es kommt im Alten Testament 562mal vor. Es ist neben der Gattungsbezeichnung auch der Eigenname des ersten Menschen. Die drei Konsonanten ‚-d-m stehen für Erdboden, Acker, auch für rot (die Farbe des Ackers). Die Bezeichnung ‚adam will also offenkundig an die Erschaffung des Menschen aus dem Erdboden erinnern, wie das Wortspiel in 1. Mose 2,17 deutlich zeigt: «Und Gott der HERR bildete den Menschen (‚adam), Staub aus dem Erdboden (‚adama)». ‚adam könnte in Nachempfindung des Hebräischen also mit «Erdling» wiedergegeben werden. Dann würde auch für uns wie für hebräische Ohren in der Gattungsbezeichnung stets mitklingen: Ich bin lediglich aus dem Erdboden genommen, über mir steht mein Schöpfer.
Bemerkenswert ist, daß dieses Wissen um die Erschaffung des Menschen auch in den kanaanäischen Völkern des Altertums vorhanden war (wenn auch zunehmend durch Mythen verschüttet); denn im Ugaritischen wird ebenfalls adam für Mensch gesagt, und ein Titel ‚Els, des höchsten Gottes im ugaritischen Pantheon, ist ‚ab adm (wohl ‚abu ‚adami‘ zu vokalisieren) = «Vater der Menschen».
Bevor wir zum nächsten Wort kommen, wollen wir uns fragen, was das bedeuten will, daß der erste Mensch und die Menschheit gleich heißen. Ich bin davon überzeugt, daß die Bibel uns durch die rein sprachliche (oder genauer: lexikalische) Identifikation der beiden Größen auch ihre sachliche Zusammengehörigkeit unterstreichen will. In der Tat lehrt das Alte Testament, daß es neben der individuellen auch eine kollektive Verantwortlichkeit des Menschen gibt; und daß das Tun des einzelnen Menschen nicht nur ihn und seine Zeitgenossen, sondern auch seine Nachfahren betrifft (siehe 2. Mose 20,5.6). So hat das Tun Adams ihn selbst, seine Frau, aber auch seine Nachkommen in schicksalsträchtiger Weise berührt. Wenn ich also Sinn und Wesen Adams, der Gattung Mensch, verstehen will, muß ich mich am Ersten dieser Gattung, an Adam orientieren. Das wird für das Verständnis der Heilsgeschichte von allergrößter Bedeutung werden: In Römer 5,12-21 sagt uns Paulus, dass
die Sünde des einen Menschen Adam die ganze Menschheit in die Sünde und in den Tod riß. So weit wäre das noch Unheilsgeschichte. Aber jetzt die Heilsgeschichte: Durch die Gerechtigkeit eines Adamskindes, Jesu Christi, des «letzten Adam» (1. Korinther 15,45), wird eine neue Menschheit wie dieser gerecht und empfängt Leben. 2. ‚änosch Die Wurzel mit den drei Konsonanten )-n-sch bedeutet krank, schwach sein. Es kommt als Verb vor in 2. Samuel 12,15, wo wir lesen: «Und der HERR schlug das Kind … und es wurde krank (wajje’an-asch).» In der Tat wurde das Kind ‚ todkrank, denn es starb innert weniger Tage. Meistens wird das Wort auch so verwendet, daß es einen Schaden bezeichnet, der unheilbar ist, wie wir Jeremía 15,18 («… mein Schlag ist anuscha, tödlich» und 30, 12 («Deine Wunde ist ‚anusch, unheilbar…») entnehmen können. So hörte der Hebräer aus dieser zweiten Bezeichnung für Mensch sofort heraus: der Schwache, der Hinfällige. Mose sagt deshalb: «Du läßt zum Staub zurückkehren den ‚änosch…» (Psalm 90,2). Und Hiob fragt seine drei Freunde, ob sie denn Gott täuschen wollten, «sowie man einen ‚änosch, einen (verführbaren) Menschen täuscht» (Hiob 13,9). Umso mehr wundert sich der Psalmist: «Was ist schon der ‚änosch, der (nichtige) Mensch, daß du seiner gedenkst?» (8,5). Oder wenn der Mensch sich in selbstvergessener Hybris vergotten will, ruft der Psalmist zu Gott: «Lege Furcht auf sie, HERR; mögen die Nationen wissen, daß sie ‚änosch, (schwache) Menschen sind!» (9,21).
Die Bibel lehrt uns, den Menschen nicht nur als körperlich, sondern vor allem als sittlich schwach und krank anzusehen. Jeremia sagt deshalb vom menschlichen Herzen: «Arglistig ist das Herz, mehr als alles, und anusch, tödlich krank ist es» (17,9). Der Mensch ist schon nach alttestamentlicher Lehre seit Adams Sünde von Geburt an sündig. Darum stellt Hiob die rhetorische Frage: «Wie könnte ein Reiner aus dem Unreinen kommen» (14,4). Und David bekennt nach seiner sündigen Tat, daß er durch und durch sündig ist; denn: «In Ungerechtigkeit bin ich geboren, und in Sünde hat mich empfangen meine Mutter» (Psalm 51,6). Das nächste Wort für Mensch geht einen Schritt weiter.
3. mat Die Wurzel mit den beiden Konsonanten m-t steht gemein-semitisch verbal für sterben, nominal für Tod. Im Hebräischen heißt Tod mot. (Entsprechend masoretischer – nach meiner Überzeugung ungerechtfertigter – Vokalisierung freilich mawät. Das w sollte als Vokal gelesen werden.) Das Wort mat für Mensch kommt nie in der Einzahl, sondern immer in der Mehrzahl metim vor, insgesamt 23mal im AT. Es ist also recht selten. Von der Grundbedeutung heißt es Sterblicher, konnte dann aber ganz einfach für Mensch stehen. Daß man erstere Bedeutung aber noch wahrnahm, zeigt z. B. Jesaja 41,14: «Fürchte dich nicht, du Wurm Jakob, ihr mete Jisra’el, Sterblichen Israels.» Der Parallelismus der beiden Versglieder zeigt ganz deutlich, daß mete Jisra’el etwa gleichbedeutend ist mit Wurm Jakobs. Recht häufig ist die idiomatische Verbindung mete mispar, wörtlich Menschen von Zahl, will sagen, eine so geringe Anzahl von Menschen, daß man sie mühelos zählen kann (1. Mose 34,30; 5. Mose 4,27; Psalm 105,12). Erstgenanntes Beispiel veranschaulicht, wie man bei mat an die Kraft- und Hilflosigkeit des Menschen dachte, sagt doch Jakob zu seinen hitzigen Söhnen: «Ihr stürzt mich ins Unglück, da ihr mich bei den Bewohnern des Landes … stinkend macht; und mir stehen nur mete mispar, ein Häuflein Sterblicher, zur Seite…»
Das Wort mat kommt zweimal in Eigennamen vor: Metuscha’el (1. Mose 4,18) und Metuschalach (1. Mose 5,21).
Nun ist eine zu mat analoge Bezeichnung in modernen wie klassischen europäischen Idiomen durchaus bekannt, freilich nur in dichterischer Sprache. Das gilt beispielsweise für das deutsche Sterblicher, wie auch für das griechische brotos. Aber immerhin sah man gleich den Hebräern in der Sterblichkeit ein Charakteristikum des Menschen. Was aber für das Hebräische typisch ist, sind die durchwegs demütigenden Konnotationen der Wörter für Mensch: Er ist ‚adam, Erdling, ‚änosch, Hinfälliger, mat, Todgeweihter.
Ist das alles ein Ausdruck des Pessimismus? Ich würde sagen des echt biblischen Realismus. Die Bibel zeichnet die Dinge ganz einfach so, wie sie sind. Aber ich meine, wir dürfen darüber hinaus auch eine didaktische Absicht erkennen. (Oder sollen wir sagen: eine pädagogische Absicht und uns dabei an Galater 3,24 anlehnen, wo das Gesetz paidagogos, Pädagoge, auf Christus hin genannt wird?) Das Alte Testament bereitet das im Neuen Testament geoffenbarte Heil des Menschen in Christus vor. Damit der Mensch aber das Heil erfahren kann, muß er zuerst auch fühlen, wie schwach, wie hinfällig, wie verloren er ist. Wie passend deshalb, daß gerade das Alte Testament dem Menschen die genannten Bezeichnungen gibt.
II. Griechisch
Obwohl das Griechische wie das Deutsche eine indogermanische Sprache ist, hat sein Wort für Mensch nichts mit dem deutschen oder indischen, die wir oben erwähnten, gemein. Es lautet anthropos und ist uns aus einer Reihe gebräuchlicher Fremdwörter wie etwa Anthropologie geläufig. Seine Etymologie ist undurchsichtig und gibt darum für unsere Zwecke nichts Zuverlässiges her.
Für den Griechen war der Mensch to ton panton metron das Maß aller Dinge. So denkt der Mensch ohne göttliche Offenbarung seit den Tagen, da er der Lüge Satans glaubte: «Ihr werdet sein wie Gott.» So außen sich auch das sogenannte «neue Bewußtsein», das natürlich nichts als das alte, platte Denken des sündigen, egoistischen Menschen ist.
Das Neue Testament kennt nur einen Menschen, der in Wahrheit Maß aller Dinge ist, denn er ist «Gott geoffenbart im Fleisch» (1. Timotheus 3,16), und das ist «der anthropos Christus Jesus» (1. Timotheus 2,5). Ansonsten verbindet auch das Neue Testament mit dem Wort anthropos und seinen Ableitungen anthropinos, menschlich (z. B. 1. Korinther 2,4.13), anthropareskos, menschengefällig (Epheser 6,6; Kolosser 3,22), Schwachheit, Begrenztheit; aber auch Würde, Berufung und Verantwortung. Das wird besonders deutlich, wenn unser Herr in den Evangelien und im Buch der Offenbarung überaus häufig hyios tou anthropou, Sohn des Menschen, genannt wird.
Warum wird er so genannt? Weil er als Mensch -von Gott gezeugt, von einer Jungfrau geboren – die beiden Fäden, die Sündhaftigkeit und den Ruin des Menschen einerseits, die hohe Berufung und Würde des Menschen andererseits, aufnimmt und miteinander verbindet. Wie wir oben bereits feststellten, wird Jesus Christus als «letzter Adam» bezeichnet. Als solcher bringt er die Geschichte des ersten, des gefallenen Menschen Adam an ihr Ende. Er ist aber aber auch «der zweite antbropos» (1. Korinther 15,47), der in seiner Auferstehung das Haupt und der Urheber einer neuen, einer erlösten Menschheit ist.
Erinnerte der Umstand, daß die Gattung Mensch hebräisch gleich heißt wie der erste Mensch selbst, daran, daß wir alle unter den Folgen von Adams Fall stehen, so führt das Neue Testament den Gedanken dieser Identifikation zu Ende: «Wie der von Staub (= Adam) ist, so sind auch die, welche Staub sind (= Adams Kinder); und wie der Himmlische (= Jesus Christus), so sind auch die Himmlischen (= die Christen). Und wie wir das Bild dessen von Staub getragen haben, so werden wir auch das Bild des Himmlischen tragen» (1. Korinther 15,48.49). Weil der glaubende Mensch durch den Menschen Jesus Christus neu wird, kann Paulus Timotheus einen antbropos theou, einen Menschen Gottes, nennen (1. Timotheus 6,11; 2. Timotheus 3,17). Damit ist der Kreis von Schöpfung und Erlösung geschlossen. Er wird es aber nur durch den Glauben und durch die Hingabe an den einen großen Menschen Gottes, Jesus Christus. Benedikt Peters factum März / April 1988
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