Gewaltpornografie kehrt alle Errungenschaften der Gleichberechtigung um

Unsere Gesellschaft weigert sich, die Schattenseite der alle Bereiche des Alltags und des Webs durchdringenden Pornografisierung anzusprechen
Am 17.10.2011 diskutierte ich in der 17. Folge von Eins gegen Eins in Sat.1 mit der Porno-Rapperin Lady Bitch Ray, der Clubbetreiberin Dominique und dem Sexualwissenschaftler Prof. Jakob Pastötter unter der Moderation von Claus Strunz das Thema „Porno als Massenphänomen – macht das unsere Gesellschaft kaputt?“ (Auszüge hier, hier und hier). Die Sendung hatte die bisher höchste Einschaltquote der Serie mit 6,4% der Zuschauer (Belege hier und hier). Heute habe ich mir die Zeit genommen, einmal die breite Diskussion in zahlreichen Blogs genauer anzuschauen. Deswegen möchte ich im Nachhinein meinen eigenen Haupteindruck wiedergeben und mein Plädoyer schriftlich niederlegen.
Am meisten schockierte mich, dass, wenn immer ich von Vergewaltigungsvideos im Web sprach, ausgerechnet zwei Frauen die Sache völlig verharmlosten. Das sei doch wie im Krimi. Da sehe man auch, dass Menschen getötet werden, und wisse doch, dass das nur ein Film sei. Aber gut wäre sicher, wenn die Frauen am Anfang des Films sagen würden, dass sie das freiwillig täten und gerne so behandelt würden. Hier wird doch Vergewaltigung bis zum geht nicht mehr verharmlost. Die Millionen von Männern, die „rape sex“ bei Google eingeben, wollen doch nicht Kunst sehen und denken auch nicht die ganze Zeit daran, dass das nur eine Aufnahme ist (und woher weiß man, ob es wirklich nur eine Aufnahme und nicht Realität ist?), sondern sich schlicht und einfach an der völligen Macht und brutalen Gewalt über Frauen berauschen. Die Frage müsste doch eher sein: Wie um alles in der Welt kann brutale Gewalt gegen Frauen nur erregen? Und sind die vermeintlich zunehmenden Vergewaltigungsfantasien von Frauen wirklich so harmlos und werden nur filmisch umgesetzt oder sind sie nicht selbst schon wieder Folge der ‚Normalisierung‘ und Gewöhnung durch Internetpornografie?
Hier nun mein Schlussplädoyer, zu dessen Zusammenfassung am Stück es leider am Ende der Sendung nicht mehr gekommen ist:
1. Unsere Gesellschaft weigert sich, die Schattenseite der alle Bereiche des Alltags und des Webs durchdringenden Pornografisierung anzusprechen. An die Stelle des alten Tabus ist das Tabu getreten, über die zu sprechen, die einen negativen Preis bezahlen, Süchtige, Mädchen, die sich nicht mehr annehmen können, bis hin zu Opfern der Zwangsprostitution. Wer sich hier engagiert, wird als Feind des Spaßes oder als verlängerter Arm des Papstes gesehen, dabei kommen die Warnungen längst nicht mehr von Priestern, sondern von Fachleuten und Therapeuten. Wir brauchen eine neue offene Diskussion und einen gesellschaftlichen Konsens, wo wir denn alle gemeinsam eine Grenze ziehen wollen. Bei Kinderpornografie ist das gelungen, wieso sollte das bei anderen Formen der Pornografie nicht auch gelingen? Denn die Entwicklung wird wie in den letzten Jahrzehnten zu immer härteren und allerlei Verbrechen darstellenden Darstellungen fortschreiten.
2. Die Darstellung von Gewaltpornografie gegen Frauen kehrt alle Errungenschaften der Gleichberechtigung um. Frauen werden zum würdelosen Objekt, ihr „Nein“ zum Vorspiel. Doch die feministische Bewegung hat weiterhin Recht: Bei Vergewaltigung und ihrer Darstellung geht es nicht um Sex, sondern um Gewalt und Beherrschen. Dagegen brauchen wir einen gesamtgesellschaftlichen Konsens, vor allem auch, dass wir dieses würdelose Frauenbild nicht Kindern und Jugendlich hochemotional einbrennen wollen.
Prof. Dr. theol. Dr. phil. Thomas Schirrmacher http://www.thomasschirrmacher.info/archives/2097

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