Aus Ichlingen sollen Wirlinge werden

1.Petrus 3,8 Endlich aber seid allesamt gleich gesinnt, mitleidig, brüderlich, barmherzig, demütig.
„Seid allesamt gleichgesinnt!“ übersetzte Luther hier aus dem Griechischen. Allerdings kann dieser Aufruf zur gleichen Gesinnung leicht missverstanden werden. Als müsste man eine einheitliche Gesinnung in christlichen Gemeinden erzwingen. Aber wer definiert die Grenzen der richtigen Gesinnung? Ist es überhaupt sinnvoll, sie dem Einzelnen künstlich überzustülpen, ohne dass er mit ganzem Herzen Ja dazu sagen kann? Zu was Petrus hier tatsächlich aufruft, wird erst klarer, wenn man das Wort, das er hier gebraucht, näher untersucht. Man stellt fest, dass der Begriff „Gemeinsinn“ treffender ausdrückt, was gemeint ist. Christen sollen einen Sinn für die anderen entwickeln. Sie sollen lernen, wahrzunehmen, was der andere denkt, fühlt und braucht. Sie sollen lernen, dass die anderen um sie herum gleich wichtig und gleich wertvoll sind wie sie selbst. Von Natur aus sind wir Menschen nämlich Egoisten, „Ichlinge“. Selbst wenn wir andere Menschen lieben, sie schätzen und ihnen helfen, tun wir das nie ganz selbstlos. Man muss sich ganz ehrlich die Frage stellen: „Gibt es in meinem Bekanntenkreis Menschen, die mir nichts bringen und doch meine Liebe und Wertschätzung haben?“ Christen sollen „Wirlinge“ werden. Den Weg zu diesem Gemeinsinn beschreibt Petrus mit vier Adjektiven: mitfühlend, freundschaftlich verbunden, hilfsbereit und bescheiden. Christlicher Wirling kann man also nur werden, wenn man ein ehrliches Interesse am anderen entwickelt. Wie denkt er? Wie fühlt er? Wie kann ich ihn zum Freund gewinnen? Was kann ich für ihn tun? Wo kann ich ihn fördern und unterstützen? Diesen Sinn für den Nächsten zu entwickeln gilt für alle Christen. Wie der erste Schritt aussieht, um diesen Gemeinsinn zu bekommen, beschreibt Petrus in den nun folgenden Versen. http://www.muehlacker.feg.de/cms/1-Petrusbrief.212.0.html

1. Petrus 3,8 Endlich aber seid allesamt gleich gesinnt, mitleidig, brüderlich, barmherzig, demütig.

Das Wort endlich will nicht den Schluß des Briefes einleiten, sondern die in 2, 11 begonnenen Mahnungen zusammenfassen in einer Ermahnung an alle. In Verfolgungszeiten redet nichts so laut wie das Leiden für Jesus, verbunden mit einer guten Lebensführung. Nicht intellektuelle Überlegenheit ist entscheidend oder überragendes Können, sondern ein neues Wesen. Verwandlung unseres Wesens von der Ichsucht zu der Art Jesu, das ist das Ziel.
Die für das Christenleben allgemein erforderlichen Haltungen („Tugenden“) faßt Petrus in fünf Partizipien zusammen:
„seid allesamt gleich gesinnt“ ist die erste Weisung. Dies meint keine Uniformität im Denken, sondern wird als Denken und Trachten, also ein auf etwas gerichtetes Wollen, gefasst. Dass seine Jünger „gleichgesinnt“ sein sollen, das sagt zuerst Jesus (vgl. Joh 17,21; auch Röm 12,16; Röm 15,5; 2. Kor 13,11; Phil 2,2; Phil 4,2). Die beste Formel findet sich in dem wohlbekannten Wort: „Im Wesentlichen Einheit, im Unwichtigen Freiheit, in allem aber Liebe“.
„Mitleidig“ ist die Übersetzung des griechischen Wortes sympathes, wovon das Wort Sympathie abgeleitet wurde. Es hätte besser durch „mitfühlend“ übersetzt werden müssen, weil es auch das Mitempfinden der Freude beinhaltet. Als Brüder und Schwestern, als Glieder der Familie Gottes, müssen wir miteinander Mitgefühl haben (Röm 12,15 u. 16).
„Seid … brüderlich“, fügt deshalb Petrus an (eigentlich „die Brüder liebend“). Dabei ist viel mehr als Gefühl gemeint, nämlich die helfende, heilende Begleitung des andern, gerade auch, wenn er zu tragen gibt, mir Not macht in seinem Versagen oder seiner Eigenart. Ein unbekannter Autor hat einmal geschrieben: Die Vorsehung fragt uns nicht, wen wir als Bruder haben – das ist für uns schon entschieden worden, doch wir werden gebeten, ihn zu lieben, und zwar unabhängig von unseren natürlichen Vorlieben.
„Barmherzig“, eüsplanchnoi; Barmherzigkeit ist die Gnade, die in dem Herzen erweckt wird, wenn wir die schwierigen Umstände derjenigen sehen, mit denen wir uns beschäftigen. Es gehört Barmherzigkeit dazu, den Bedürfnissen der anderen abhelfen zu wollen.
„Demütig“, tapeinöphrones. Demut ist nicht Kriecherei, sondern die Bereitschaft, mich dem andern zu geben. So sagt Jesus: „Ich bin von Herzen demütig“ (Mt 11,29.
Während die ersten beiden Begriffe auch im nichtchristlichen Raum als erstrebenswerte Haltungen sich finden, sind die drei letzten im kontextuellen Sinn nur im biblisch-christlichen Sprachgebrauch nachgewiesen. Die erste Haltung zielt auf Gemeinsamkeit im Denken und Streben (vgl. Rom 12,16; 15,5; Phil 2,2; 4,2), die zweite auf einfühlsames Verständnis füreinander, die dritte auf familienhafte Sorge füreinander; die vierte umschreibt das für eine Gemeinschaft auf Dauer notwendige gegenseitige wohlwollende Sich-Dulden und Verzeihen (s. Eph 4,32; Kol 3,12), die fünfte schließlich die im Umgang der Christen miteinander und anderen gegenüber notwendige Selbstbescheidung, Ein- und Unterordnung und Demut (5,5; Eph 4,2; Kol 3,2). Insgesamt umschreiben die genannten Grundhaltungen die Voraussetzungen, unter denen echte christliche Gemeinschaft möglich ist.

Winter im Sommer – Frühling im Herbst Erinnerungen

Winter im Sommer – Frühling im Herbst Erinnerungen Joachim Gauck (Autor)
in Zusammenarbeit mit Helga Hirsch
Erinnerungen fangen gewöhnlich bei der Kindheit an, so auch hier.
Joachim Gauck ist den Deutschen, welche die Wiedervereinigung miterlebt haben, als erster Wächter über die Stasi-Unterlagen wohlbekannt. Er erzählt sein Leben von Kindheit an bis zur Gegenwart, und der Leser erfährt oder bekommt bestätigt wie es wirklich in der DDR war, wie die Stasi alles Leben bewacht, jede freie Meinungsäußerung unmöglich gemacht hat.
Nach dem Mauerfall wurde er Abgeordneter und schließlich Bundesbeauftragter für die Stasi-Unterlagen. Er schildert seine Arbeit beim Aufbau dieser Abteilung und den Schwierigkeiten denen er dabei begegnet ist, um den Bürgern die Einsicht in ihre über sie gesammelten Unterlagen zu ermöglichen.
Das Buch ist in 14 Kapitel, gegliedert.
Wo ich her bin …“
Winter im Sommer
Gehen oder bleiben
Wege – Suche – Wege
Aufbruch in ein Missionsland
Kirche im Sozialismus?
Schwarze Pädagogik in rot
Zum Beispiel
Frühling im Herbst
Volkskammer: frei und frei gewählt
Aufbau ohne Bauplan
Turbulente Jahre
Freiheit, die ich meine“
Berlin. Mai
Joachim Gauck erzählt neben einer Reihe von Fakten und historischen Ereignissen sehr ergreifend von vielen „betroffenen“ Personen.
„Winter im Sommer – Frühling im Herbst“ ist mit Ausnahme der ersten fünf Kapitel keine Autobiografie, sondern der Rückblick eines nachdenklichen Zeitzeugen auf das Leben in der DDR, die Wende und den Umgang mit den Stasi-Akten.
Zwischendurch übergibt Joachim Gauck auch anderen das Wort:
Sibylle Hammer, Patentante seiner Tochter Gesine
Thomas Abraham, der als Schüler den verbotenen Aufnäher „Schwerter zu Pflugscharen“ trug
Hansjörg Geiger, Stellvertreter des „Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR“ (1990 – 1995)
Joachim Gauck versucht nicht, sich als Dissidenten darzustellen, sondern schildert glaubwürdig, dass er in der DDR blieb, weil er in der Kirche einen Frei- und Schutzraum fand.
Gauck veranschaulicht den Umfang der Stasi-Hinterlassenschaft: 204 Kilometer Akten, darunter sechs Millionen Personendossiers (vier Millionen über DDR-, zwei Millionen über Bundes-Bürger), Fotos, Filme, Tonbänder und „die perversen Geruchsproben, gelbe Tücher, die – hatten sie einmal den speziellen Geruch einer Person an seinen Geschlechtsteilen aufgenommen – in Einweckgläsern konserviert worden waren“. Beim DDR-Zusammenbruch gab es 90.000 hauptamtliche Stasi-Mitarbeiter und 174.000 aktive Inoffizielle. „Insgesamt erfüllt es mich mit tiefer Genugtuung, dass wir ein Spezialgesetz geschaffen haben, das zur Delegitimierung der vergangenen Diktatur beigetragen hat.“
Gerade in Zeiten einer gewissen „DDR-Nostalgie“ und Verklärtheit, sind solche Dokumente der Zeitgeschichte von großem Wert.
Originalausgabe:Siedler Verlag, München 2009 ISBN: 978-3-88680-935-6, 349 Seiten
Pantheon Verlag, München 2011 ISBN: 978-3-570-55149-3, 349 Seiten