Buchbesprechung: Martin Buber, Leben, Werk, Wirkung

Martin Buber

Gerhard Wehr, Martin Buber: Leben, Werk, Wirkung (Zürich: Diogenes, 1996)

Martin Buber wird immer mal wieder in theologischen Schriften zitiert:

„Martin Buber, ihn kennt die Welt. Sie nennt ihn zumindest und beruft sich auf ihn, wie man sich auf einen ethischen Garanten beruft, der vieler Titulaturen bedarf, um wenigstens einige Seiten seines Wesens sichtbar zu machen.“ (Gerhard Wehr)

Doch wer war Martin Buber? Kein Christ, das steht fest, bestenfalls Zeitgenosse von Bonhoeffer und Barth. Buber war ein Jude durch und durch. Anfänglich lebte er eher säkular, doch je älter er wurde, je mehr er sich mit den, zuerst chassidischen Schriften, dann mit der Thora, auseinandersetzte, fand er zu seinen Wurzeln zurück und somit zum Glauben seiner Väter und Vorväter.

1878 in Wien geboren und 1965 in Israel gestorben. Dazwischen gelebt in Polen, studiert in Wien und Berlin (u.a. bei Georg Simmler), mit einem Auslandsemester in Zürich, gearbeitet in Deutschland, bis es nicht mehr ging. Bis 1938. Höchste Zeit für einen Juden im nationalsozialistischen Deutschland, welcher Zeit seines Lebens zionistisch eingestellt war. Er, der noch um die Jahrhundertwende mit Herzl zusammengearbeitet hat und seine jüdischen Zeitgenossen zur Emigration nach dem damaligen Palästina aufforderte. Er ging als einer der letzten. Und das hätte ihn beinahe seine Glaubwürdigkeit unter seinen jüdischen Glaubensbrüdern (und Schwestern) gekostet. Auch nach erfolgter Hausdurchsuchung durch SS-Schergen unterschätzte Buber seine Situation wohl völlig wenn er darüber lediglich schrieb, dass das Atmen für seine Seele langsam etwas streng werde.

Buber, welcher die mystischen jüdischen Überlieferungen, die chassidischen Schriften, in die Deutsche Sprache übersetzte, sprach sich denn allerdings auch nicht für einen „Siedlungs-Zionismus“ aus, sondern für einen kulturellen Zionismus. Die jüdischen Menschen in Europa sollten sich ihrer Gaben und Fähigkeiten neu bewusst werden und sich nicht duckmäuserisch assimilieren, egal womit, Hauptsache mit etwas, das keine Erinnerungen an das Judentum weckt.

So beschreibt denn Gerhard Wehr die bewegte Geschichte eines Mannes, der Philosophie studierte, als Lektor arbeitete um über die Runden zu kommen (Verlag Lambert & Schneider), Religionswissenschaft lehrte, und schliesslich an der neu gegründeten Universität in Israel eine Professur für Religionssoziologie übernimmt. Dies, weil er den jüdischen Glauben eben doch eher liberal ausgelegt hat und somit für einen Lehrstuhl in jüdischer Theologie nicht tragbar war. So wurde eben in einem Land, in dem zu dieser Zeit sowieso alles neu gegründet wurde, auch ein bis dato unbekannter Lehrstuhl geschaffen. Weil Buber im Land der Entstehung eben doch einfach gebraucht wurde. Als Motivator? Als intellektuelles Gewissen? Als Volkspädagoge? Wer weiss. Gegen Ende seines Lebens kommt es jedenfalls zu einer

„… niederschmetternden Lebensbilanz der öffentlichen Wirkungslosigkeit und des faktischen Isoliertseins Bubers.“

Und dies, obwohl es Buber war, der mit seiner philosophischen Schrift „Ich und Du“ gerade die Beziehung fördern wollte, den Dialog:

„Beziehung ist Gegenseitigkeit. Mir begegnet keine Seele des Baums und keine Dryade, sondern er selber. Den Menschen, zu dem ich Du sage, erfahre ich nicht. Aber ich stehe in der Beziehung zu ihm … Erfahrung ist Du-Ferne. Die Beziehung zum Du ist unmittelbar. Alles wirkliche Leben ist Begegnung. Das Du begegnet mir von Gnaden – durch Suchen wird es nicht gefunden. Liebe ist Verantwortung eines Ich für ein Du.“

Spätestens wenn Wehr die Einreise und das Leben in Israel beschreibt, wird die links-soziale Einstellung des Biographen deutlich spür- und lesbar. Terroristische Israelis vertreiben Araber und die Verteidigungsaktivitäten der Haganah werden mit den Progromen der Reichskristallnacht verglichen. Hier schreibt Wehr meines Erachtens bestimmt nicht nach der Seele Bubers, der, obwohl er eine gewaltfreie Staatsgründung angestrebt hat, sich dahingehend äusserte, dass die ganze Situation mit all den furchtbaren Opfern eine Folge der kollektiven Verantwortungslosigkeit der Vereinten Nationen darstellt.

Das Leben von Buber wird geprägt durch Begegnungen wie die erwähnte mit Herzl, aber auch mit Schalom Ben Chorin oder Franz Rosenzweig. Mit Letzterem schuf er sein Lebenswerk. Die Übersetzung der hebräischen Thora ins Deutsche. Weil wir uns so sehr an die übersetzte Schrift gewöhnt haben. Weil die Sprache nicht mehr lebt im Leser. Weil das Alte Testament zum Teil zu oberflächlich, zu schlicht, manchmal schlicht nicht dem Hebräischen entsprechend übersetzt wurde. In vier Bänden legte Buber 1961, nach rund 40 Jahren der peinlichst genauen Arbeit und nur gerade vier Jahre vor seinem Tod, „Die Schrift, verdeutscht von Martin Buber gemeinsam mit Franz Rosenzweig“ vor. Ein Vermächtnis für die deutschsprachige Nachwelt. Ein Werk mit schierer Wortgewalt, von einem Menschen übersetzt, der sich in der hebräischen Sprache so zuhause fühlt wie in der deutschen. Der Vorlesungen sowohl auf Deutsch, wie auch Hebräisch halten konnte. Dieser Mann, der aufgrund seiner Wurzeln Gottes Wort an den Menschen vielleicht etwas besser nachvollziehen konnte, beginnt die Thora so:

„Die Erde aber war Irrsal und Wirrsal.

Finsternis über Urwirbels Antlitz.

Braus Gottes schwingend über dem Antlitz der Wasser.

Gott sprach: Licht werde! Licht ward.

Gott sah das Licht: dass es gut ist.

Gott schied zwischen dem Licht und der Finsternis.

Gott rief dem Licht: Tag! und der Finsternis rief er: Nacht!

Abend ward und Morgen ward: Ein Tag.

… Dies sind die Zeugungen des Himmels und der Erde: ihr Erschaffensein.“ (Im Anfang 1)

http://sola-scriptura.ch/?p=266&fb_ref=AL2FB&fb_source=profile_oneline

2 Gedanken zu „Buchbesprechung: Martin Buber, Leben, Werk, Wirkung

  1. Das 4-bändige Werk „Die Schrift“ ist, dank eines alten Freundes der sie mir einmal zum Geburtstag schenkte, schon seit langen Jahren in meinem Besitz. Die Buber-Übersetzung des Alten Testaments ist dabei ein Werk, deren Erwerb ich nur jedem Leser empfehlen kann, auch wenn ich für die tägliche Bibellese den nicht minder redebegabten Luther bevorzuge. Um jedoch der Bedeutung einer alttestamentarischen Passage auf die Spur zu kommen, ist die Übersetzung von Buber-Rosenzweig für mich unverzichtbar. Der im obigen Artikel dargestellte Auszug aus der Genesis macht sicher jedem Leser deutlich warum: die Wortgewalt mit der Buber übersetzte, vermag das Wort Gottes auch für den heutigen Leser aus seiner gewohnten Alltäglichkeit heraus zu reißen und in ein neues Licht zu stellen, welches ich schon oft als sehr erhellend empfunden habe.

    http://www.amazon.de/Die-Schrift-B%C3%A4nde-Martin-Buber/dp/3438014912/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1331228626&sr=8-1

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