Von Füchsen und anderem Kleingetier

Von Füchsen und anderem Kleingetier
Als Jesus in Lukas 13,32 von Herodes spricht, bedient er sich eines Vergleichs aus dem Tierreich: „Geht hin und sagt diesem Fuchs…“. In unserer Kultur steht der Fuchs für Gerissenheit, List und Schläue. Wenn wir einen Menschen mit einem Fuchs vergleichen, dann wollen wir damit ausdrücken, dass er besonders raffiniert ist – „ausgefuchst“ eben. Ist das wirklich das, was Jesus gemeint hat?
In Matthäus 14 finden wir eine aufschlussreiche Charakterstudie des Herodes. Er ist abergläubisch (14,2), sittenlos (14,4), willkürlich (14,3) und feige (14,5). Er hat Johannes den Täufer ins Gefängnis geworfen und will ihn eigentlich töten lassen, aber Menschenfurcht hält ihn zurück. Lukas berichtet uns aber, dass Herodes das, was er aus Furcht vor den Menschen nicht zu tun wagte, am Ende dann doch tut – um sich vor seiner Frau keine Blöße zu geben. In angetrunkenem Zustand legt er ein leichtfertiges Versprechen ab und spricht damit das Todesurteil über Johannes.
Als ich überlegte, wie man den Vers aus Lukas 13 wohl in die Fulfulde-Sprache übersetzen könnte, führte ich mir Herodes vor Augen. Nichts an seinem Charakter ließ mich an einen listigen oder gar schlauen Menschen denken, nicht einmal an einen raffiniert taktierenden Politiker.
Überfall im Hühnerstall
Ein unerwartetes Ereignis warf Licht auf diese Bibelstelle. Wir lebten damals in einem Dorf in Niger, mitten in der Sahelzone. Eines Nachts drang ein Fuchs in unser Hühnerhaus ein. Am Morgen lagen über ein halbes Dutzend Hühner tot auf dem Boden, alles war voller Blut, das reinste Massaker. Der Fuchs hatte nicht nur Beute geschlagen, um seinen Hunger zu stillen, sondern aus reiner Lust am Töten.
Ich fragte meine afrikanischen Freunde: „Wenn man jemanden als einen Fuchs bezeichnet, was möchte man über diese Person aussagen?“ Die einhellige Antwort lautete: „Sie ist blutrünstig!“ Diese Erklärung erschien mir auch für unseren Bibeltext wesentlich zutreffender als die traditionell europäische Vorstellung vom schlauen Fuchs. Wollte Jesus wirklich sagen, dass Herodes listig war? Oder ging es ihm in der von Lukas geschilderten Situation nicht viel mehr um die blutige Hinrichtung von Johannes dem Täufer?
Aus dieser Geschichte habe ich gelernt, dass man mit Vergleichen aus der Tierwelt vorsichtig sein muss. Die Vorstellungswelt der Fulfulde-sprechenden Völker ähnelt in vielen Dingen der jüdischen Kultur zur Zeit Jesu. Für die Fulbe ist es deswegen kein Problem, Herodes als einen Fuchs zu bezeichnen. Sie verstehen dieses Bild auf Anhieb richtig. Wir Europäer sind es, die hier Nachhilfe brauchen!
Mehr tierische Vergleiche
•          Bei uns steht der Fuchs für Schläue und Gerissenheit. Bei den Fulbe werden diese
Eigenschaften von der Spinne oder vom Hasen verkörpert.
•          Bei uns ist der Esel dumm. Bei den Fulbe ist es die Hyäne.
•          Bei uns steht das Chamäleon für Wechselhaftigkeit, bei den Fulbe für Langsamkeit.
Von René Vallette Westafrika Deutsch von Silke Sauer. ausgesprochen – das Wycliff Magazin 1/2012 (Seite 12)

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