Neurowissenschaften und die Kontroverse um den freien Willen

Dieses Zeitalter, es ist faszinierend. Wir befinden uns in der Postmoderne, wo die Möglichkeiten endlos scheinen und es die Zeit der Wahl ist. Wir haben die Wahl, jeglichen Beruf auszuüben, du hast die Partnerwahl, eine Wahl, was du isst (damit liegst du schonmal über dem Durchschnitt der Welt) und womit du heute deine freie Zeit verbringst. Danach loggst du dich wahlweise bei Facebook ein und änderst dein Profilbild, ganz frei. Heute ist deine Zeit, eine Zeit der unbegrenzten Möglichkeiten.
Es gibt allerdings viele Neurowissenschaftler, die genau diesem freien Willen widersprechen und ihn uns absprechen, denn sie meinen, dass die Vorgänge, die sich in unserem Leben tagtäglich abspielen reine mechanische Muster sind, die unsere Neuronen im Gehirn erzeugen und auf die wir keinen Einfluss haben. Sie meinen, dass das Gefühl selbst entscheiden zu können lediglich ein emotionaler Rest ist von einer Spur, die die feuernden Neuronen in unserem Gehirn hinterlassen. Einige Neurobiologen versuchen immer mehr, den Menschen auf eine Art biochemische Maschine zu reduzieren, das Produkt reiner Physiologie und toter Materie.
Michael S. Gazzaniga, Professor und Direktor des “SAGE Center for the Study of the Mind at the University of California at Santa Barbara,” tritt dem entschieden entgegen. Er sagt, dass die Neurowissenschaften akzeptieren müssen, dass sie den freien Willen nicht einfach “untersuchen” oder empirisch beweisen können, sondern dass er ein eigener Fakt ist, der nicht nur mit neurobiologischen Methoden dargestellt werden kann. Das sei etwa so, wie wenn man versuche den Straßenverkehr zu erklären, indem man die Teile eines Autos untersucht. Die Kategorie ist eine Andere, und unsere Denkweise über Persönlichkeit muss sich ändern. Man darf keine Makrophänomene auf Mikrophänomene reduzieren, was genau dort passiert, wenn man freien Willen mit einzelnen Neuronen erklärt.
Dafür greift auch dieses Gebiet zu weit in die Weltanschauung der Menschheit ein. Denn wenn wir keinen freien Willen haben, wenn alles nur das funktionelle Ganze unseres Gehirns ist, dann besteht kein Rechtssystem mehr. Ich kann niemanden verurteilen für etwas, wofür er nicht verantwortlich ist. Ich kann niemandem soziale Verantwortung übertragen und von Gerechtigkeit dürfen wir dann nicht mehr sprechen.
Die Physik des Gehirns ist die Hardware, unser Bewusstsein die Software
Gazzaniga versucht mit einer Analogie zu erklären, was es mit freiem Willen auf sich hat: Unser Menschsein ist letztlich aufgebaut wie ein Computer. Wir haben Hardware – ein Gehirn, ein Netzwerk von Neuronen, und die Leitungen in die Peripherie – das die Plattform für unsere Software darstellt. Die Software ist etwas, was wir so in dem Maß nicht definieren können: Bewusstsein, freier Wille, vielleicht sogar Seele. Jedenfalls ist der Mensch nicht zu reduzieren auf seine Hardware, gleichwie ein Computer nicht zu reduzieren ist auf seine Festplatte. Wenn ein Neurowissenschaftler dein Bewusstsein mit Neuronen erklärt, befindet er sich nicht mehr in reinem Wissenschaftsgebiet. Er macht sich gewissermaßen auch unabhängig von Empirie, denn Bewusstsein kann ich nicht so beweisen wie die neuronale Aktivität beispielsweise. Heute versuchen immer mehr Menschen sich selbst aufgrund von Biochemie und Physiologie zu erklären. Doch das entspricht nicht der komplexen Realität, denn es gibt mehr als Neuronen in unserem Körper.
Gazzinga beschreibt, dass unser “System Mensch” zwar schon über ein Interpretationssystem verfügt, das ständig unsere Gefühle, unsere Aktivität im Gehirn und die verschiedenen Module im Zentralnervensystem zu bewerten versucht. Dieses System lässt aber nicht darauf schließen, dass wir reine “materialgesteuerten” Wesen sind, so wie viele das mittlerweile behaupten. Sie ordnen alles in mechanische Muster ein und halten das Verhalten eines Menschen für deterministisch, d.h. vorherbestimmt durch die Aktivität unseres Gehirns. Damit reduzieren sie Menschen zu Maschinen und das sind wir nicht. Wir bleiben verantwortlich für unsere Handlungen und man rede da – so Gazzaniga – schlichtweg an einem ganz anderen Level der Organisation vorbei.
Woher kommt Bewusstsein? Man weiß es nicht
Bewusstsein ist eins der schwierigsten Begriffe unserer Zeit. Es ist mittlerweile klar, dass es ein dezentralisierter Prozess ist, den man nicht einer bestimmten Region im Gehirn zuordnen kann. Man zerbricht sich derweil den Kopf darüber, was Bewusstsein im eigentlichen Sinn bedeutet und woher verschiedene Bewusstseinsvorgänge kommen. Man nehme beispielsweise den Begriff der Fairness, der in jedem Bewusstsein, auf der ganzen Welt, in jedem einzelnen Menschen existiert. Selbst Kleinkinder weisen diesen Bewusstseinsstatus auf. Doch man kann ihn nicht dem Gehirn zuordnen, er ist schlichtweg nicht existent. Woher kommen gewisse Bewusstseinsbegriffe, die selbst dann existieren, wenn Hirnteile geschädigt werden? Es deutet vieles darauf hin, dass es eine übergeordnete Instanz über unseren Neuronen gibt, etwas, das dem Menschen gegeben wurde aber nicht nachweisbar ist.
Prozesse der Kognition lassen sich nicht auf Biochemie begrenzen. Neuronale Aktivität, unser Gehirn, unsere Nerven, das alles ist ein funktionelles Ganzes um der Software zu dienen, die auf uns installiert wurde, um in der Sprache von Professor Gazzinga zu reden.
Der Begriff der Person in der Bibel
Während sich die Wissenschaft schwer tut, den Personenbegriff zu definieren, schaut die Bibel auf ganz wesentliche Bestandteile des Menschseins. Sie sagt, dass wir als Menschen in dem Bild Gottes geschaffen sind (1. Mose 1,27). Deswegen dürfen wir auch gerne schauen, wie wir funktionieren, indem wir ihn beobachten, wie er handelt. Und da fallen schnell zwei Sachen auf:
Er hat alles schön gemacht zu seiner Zeit, auch hat er die Ewigkeit in ihr Herz gelegt; nur dass der Mensch nicht ergründen kann das Werk, das Gott tut, weder Anfang noch Ende.
Prediger 3,11
1. Gott gab uns die Ewigkeit ins Herz. Das bedeutet, dass wir die Sinnfrage stellen nach Leben und Sein. Wir reduzieren unser Ich nicht auf Biochemie. Es gibt keinen Menschen, der sich diese Frage noch nicht gestellt hat. Wir sind zielorientiert, so wie Gott es ist und fragen nach diesem Sinn.
2. Wir haben ein Herz, und das ist nicht berechenbar. Wir können unser Gegenüber (hier in dem Vers Gott als Person) nicht ergründen. Wir sind nicht vorhersagbar, so wie er es auch nicht ist. Wir sind keine Wesen, die nach bestimmten Verhaltensmustern handeln, sondern situativ bedingt immer anders reagieren. Ein Instinktwesen, das Entscheidungen aufgrund von Schlüsselreizen und entsprechender neuronaler Aktivität trifft, kann nicht so handeln wie wir, sondern tut es einem Verhaltensmuster immer gleich. Deswegen sind wir mehr als nur Tiere, keine Instinktwesen, sondern Verantwortung tragende Geschöpfe im Ebenbild Gottes.
Der Sinn für Ewigkeit und Verantwortung für unser Handeln sind sehr zentrale Begriffe der Bibel, denn Gott definiert damit unser Menschsein, es ist das, was uns von Tieren unterscheidet. Es sagte einmal jemand: “Die Tatsache, dass es eine Hölle gibt, beweist, dass Gott unsere Entscheidungen ernst nimmt.” Gott nimmt unsere Entscheidungen ernst und möchte, dass wir Verantwortung für unser Handeln übernehmen.
Wir dagegen versuchen meist uns der Verantwortung zu entziehen. Insbesondere der Gedanke einem heiligen Gott verantwortlich zu sein war den Menschen seit jeher ein Dorn im Auge – jede Weltanschauung, die mich davon befreit, ist daher von Haus aus schon attraktiv. Gott hingegen bietet in Jesus Christus dem Vergebung an, der bekennt, dass er schuldig ist. Doch die Option uns unserer Verantwortung zu entziehen – dadurch, dass wir uns auf mechanische, biochemische Wesen reduzieren – besteht nicht.
Angeregt durch das Interview mit Professor Gazzinga:
www.salon.com/2011/11/13/…l/singleton/?mobile.html=

Von: Simon

Ein Gedanke zu „Neurowissenschaften und die Kontroverse um den freien Willen

  1. Exzellent auf den Punkt gebracht: die ganze neurowissenschftliche Debatte um die Freiheit des freien Willens ist nichts als ein jämmerliches Feigenblatt um die Scham der eigenen Schuld und Verantwortlichkeit zu verbergen: Wie kleine Kinder versuchen hier ausgewachsene Männer, ihre Verantwortlichkeit vor Gott zu verstecken, indem sie selbst die Augen vor dem Offensichtlichen verschließen…

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