1. Petrus 3, 16 und das mit Sanftmut und Gottesfurcht, und habt ein gutes Gewissen, damit die, die euch verleumden, zuschanden werden, wenn sie euren guten Wandel in Christus schmähen.

Auch die Art und Weise, wie der Christ seine Antwort gibt, ist wichtig. Die „Sanftmut“ wird betont, weil sich in das Zeugnis auch der für das Gute Eifernden leicht blinder Eifer, Streitsucht und Überlegenheitsgefühl einmischt. Dadurch entsteht eine Atmosphäre der Auseinandersetzung, die vieles verdirbt. Die Sanftmut aber muß gepaart sein mit Furcht. Wieder ist die Furcht vor Gott gemeint, jenes achtsame Ernstnehmen der heiligen Gegenwart Gottes. Sie bewahrt davor, die Wahrheit des Evangeliums aus Menschenfurcht zu verschweigen. Die Furcht Gottes läßt uns die Verlorenheit der Gottfernen ernstnehmen und ebenso auch die Tatsache, daß uns die Rettungsbotschaft für sie anvertraut ist. Die Furcht Gottes bewahrt vor Unlauterkeit und Eigenruhm und ebenso auch vor Selbstsicherheit. Wer Gott fürchtet, wird darum besorgt sein, daß er abhängig bleibt vom Wirken Jesu (Johannes 15, 5!) und daß er selbst diesem Wirken nicht im Wege steht. Vor Menschen kann man tadellos erscheinen. Ihrem Urteil kann man sich entziehen, nicht aber dem Urteil Gottes im Gewissen. Um ein gutes Gewissen zu haben gilt es, so lauter vor Gott zu leben, daß er nicht im Gewissen gegen uns zeugt.
Das Gewissen ist ein Mechanismus, den Gott in das Innere des Menschen gelegt hat; es klagt eine Person entweder an oder entschuldigt sie. Es ist ein Mittel zur Verurteilung oder zur Bestätigung. Allerdings ist das Gewissen nicht unfehlbar. Es ist weder die Stimme Gottes noch ist es sein moralisches Gesetz. Es ist eine menschliche Fähigkeit, die menschliches Handeln nach dem höchsten Maßstab, den ein Mensch wahrnimmt beurteilt. Das Gewissen funktioniert wie ein Dachfenster, nicht wie eine Lampe; es erzeugt kein eigenes Licht, sondern lässt lediglich moralisches Licht hinein. Aus diesem Grund lehrt die Bibel, dass es wichtig ist, ein reines oder gutes Gewissen zu bewahren. „Das Endziel des Gebotes“, schrieb Paulus an Timotheus, „aber ist Liebe aus reinem Herzen und gutem Gewissen und ungeheucheltem Glauben“ (1Tim 1,5).
in Christus“ kommt 164mal im Neuen Testament vor und davon 3mal im Petrusbrief . Es bezeichnet die neue Existenz des Christen, der durch Tod und Auferstehung Christi, vermittels Glaube und Taufe, in eine neue Lebensgemeinschaft mit dem Auferstandenen in die Gemeinde der Gläubigen versetzt wurde und aus dessen Geist heraus ein neues Leben in Glaube und Liebe vollzieht.
Christen, die ungerechtes Leiden ertragen und sich ein gutes Gewissen bewahren, lassen die, die sie verleumden und ihren guten Wandel in Christus schmähen, in eindrucksvoller Weise zuschanden werden. Wieder ermutigt der Apostel seine Leser mit dem Hinweis auf die Tatsache, daß ein untadeliger Lebenswandel ihre beste Verteidigung gegen ungerechte Bestrafung und Verfolgung ist.

Die beiden Diebe des Evangeliums

Timothy Keller beschreibt die beiden Diebe des Evangeliums: Moralismus und Relativismus in seinem Aufsatz “The Centrality of the Gospel”.

Moralismus Hedonismus/Relativismus
… betont Wahrheit ohne Gnade: Wir müssen der Wahrheit gehorchen, um gerettet zu werden. … betont Gnade ohne Wahrheit: Wir sind alle von Gott akzeptiert (falls es ihn gibt), und wir müssen für uns entscheiden, was wahr für uns ist.
Du bist angenommen durch Leistungen. (Achtung: Moralisten müssen nicht religiös sein.) Relativisten sind liberal, oberflächlich gesehen glücklicher und toleranter als Moralisten. Obwohl sie an hohen Idealen in einzelnen Bereichen festhalten (z. B. der Politik), glauben sie dennoch, dass jeder für sich entscheiden muss, was wahr und falsch ist.
Diese Sicht führt zu entweder zu Selbsthass (weil sie den Standards nicht genügen) oder zu Selbstüberhöhung (weil sie denken, den Standards zu genügen). Ironischerweise entstammen Selbstabwertung und Selbstüberbewertung beide der gleichen Wurzel. Relativisten neigen dazu, Gott als Liebe oder unpersönliche Kraft anzusehen. Sie mögen grosse Worte zur Liebe Gottes finden. Aber weil sie sich nicht als Sünder sehen, kostet Gottes Liebe für sie nichts. Gott nimmt sie an, weil er einladend ist oder weil sie nicht so schlecht sind.
„Gegengift“: Ich bin mehr angenommen und geliebt, als ich je zu hoffen wage. „Gegengift“: Ich bin sündiger und fehlerhafter, als ich je zu denken im Stande bin.

 

 

Buchbesprechung: Martin Buber, Leben, Werk, Wirkung

Martin Buber

Gerhard Wehr, Martin Buber: Leben, Werk, Wirkung (Zürich: Diogenes, 1996)

Martin Buber wird immer mal wieder in theologischen Schriften zitiert:

„Martin Buber, ihn kennt die Welt. Sie nennt ihn zumindest und beruft sich auf ihn, wie man sich auf einen ethischen Garanten beruft, der vieler Titulaturen bedarf, um wenigstens einige Seiten seines Wesens sichtbar zu machen.“ (Gerhard Wehr)

Doch wer war Martin Buber? Kein Christ, das steht fest, bestenfalls Zeitgenosse von Bonhoeffer und Barth. Buber war ein Jude durch und durch. Anfänglich lebte er eher säkular, doch je älter er wurde, je mehr er sich mit den, zuerst chassidischen Schriften, dann mit der Thora, auseinandersetzte, fand er zu seinen Wurzeln zurück und somit zum Glauben seiner Väter und Vorväter.

1878 in Wien geboren und 1965 in Israel gestorben. Dazwischen gelebt in Polen, studiert in Wien und Berlin (u.a. bei Georg Simmler), mit einem Auslandsemester in Zürich, gearbeitet in Deutschland, bis es nicht mehr ging. Bis 1938. Höchste Zeit für einen Juden im nationalsozialistischen Deutschland, welcher Zeit seines Lebens zionistisch eingestellt war. Er, der noch um die Jahrhundertwende mit Herzl zusammengearbeitet hat und seine jüdischen Zeitgenossen zur Emigration nach dem damaligen Palästina aufforderte. Er ging als einer der letzten. Und das hätte ihn beinahe seine Glaubwürdigkeit unter seinen jüdischen Glaubensbrüdern (und Schwestern) gekostet. Auch nach erfolgter Hausdurchsuchung durch SS-Schergen unterschätzte Buber seine Situation wohl völlig wenn er darüber lediglich schrieb, dass das Atmen für seine Seele langsam etwas streng werde.

Buber, welcher die mystischen jüdischen Überlieferungen, die chassidischen Schriften, in die Deutsche Sprache übersetzte, sprach sich denn allerdings auch nicht für einen „Siedlungs-Zionismus“ aus, sondern für einen kulturellen Zionismus. Die jüdischen Menschen in Europa sollten sich ihrer Gaben und Fähigkeiten neu bewusst werden und sich nicht duckmäuserisch assimilieren, egal womit, Hauptsache mit etwas, das keine Erinnerungen an das Judentum weckt.

So beschreibt denn Gerhard Wehr die bewegte Geschichte eines Mannes, der Philosophie studierte, als Lektor arbeitete um über die Runden zu kommen (Verlag Lambert & Schneider), Religionswissenschaft lehrte, und schliesslich an der neu gegründeten Universität in Israel eine Professur für Religionssoziologie übernimmt. Dies, weil er den jüdischen Glauben eben doch eher liberal ausgelegt hat und somit für einen Lehrstuhl in jüdischer Theologie nicht tragbar war. So wurde eben in einem Land, in dem zu dieser Zeit sowieso alles neu gegründet wurde, auch ein bis dato unbekannter Lehrstuhl geschaffen. Weil Buber im Land der Entstehung eben doch einfach gebraucht wurde. Als Motivator? Als intellektuelles Gewissen? Als Volkspädagoge? Wer weiss. Gegen Ende seines Lebens kommt es jedenfalls zu einer

„… niederschmetternden Lebensbilanz der öffentlichen Wirkungslosigkeit und des faktischen Isoliertseins Bubers.“

Und dies, obwohl es Buber war, der mit seiner philosophischen Schrift „Ich und Du“ gerade die Beziehung fördern wollte, den Dialog:

„Beziehung ist Gegenseitigkeit. Mir begegnet keine Seele des Baums und keine Dryade, sondern er selber. Den Menschen, zu dem ich Du sage, erfahre ich nicht. Aber ich stehe in der Beziehung zu ihm … Erfahrung ist Du-Ferne. Die Beziehung zum Du ist unmittelbar. Alles wirkliche Leben ist Begegnung. Das Du begegnet mir von Gnaden – durch Suchen wird es nicht gefunden. Liebe ist Verantwortung eines Ich für ein Du.“

Spätestens wenn Wehr die Einreise und das Leben in Israel beschreibt, wird die links-soziale Einstellung des Biographen deutlich spür- und lesbar. Terroristische Israelis vertreiben Araber und die Verteidigungsaktivitäten der Haganah werden mit den Progromen der Reichskristallnacht verglichen. Hier schreibt Wehr meines Erachtens bestimmt nicht nach der Seele Bubers, der, obwohl er eine gewaltfreie Staatsgründung angestrebt hat, sich dahingehend äusserte, dass die ganze Situation mit all den furchtbaren Opfern eine Folge der kollektiven Verantwortungslosigkeit der Vereinten Nationen darstellt.

Das Leben von Buber wird geprägt durch Begegnungen wie die erwähnte mit Herzl, aber auch mit Schalom Ben Chorin oder Franz Rosenzweig. Mit Letzterem schuf er sein Lebenswerk. Die Übersetzung der hebräischen Thora ins Deutsche. Weil wir uns so sehr an die übersetzte Schrift gewöhnt haben. Weil die Sprache nicht mehr lebt im Leser. Weil das Alte Testament zum Teil zu oberflächlich, zu schlicht, manchmal schlicht nicht dem Hebräischen entsprechend übersetzt wurde. In vier Bänden legte Buber 1961, nach rund 40 Jahren der peinlichst genauen Arbeit und nur gerade vier Jahre vor seinem Tod, „Die Schrift, verdeutscht von Martin Buber gemeinsam mit Franz Rosenzweig“ vor. Ein Vermächtnis für die deutschsprachige Nachwelt. Ein Werk mit schierer Wortgewalt, von einem Menschen übersetzt, der sich in der hebräischen Sprache so zuhause fühlt wie in der deutschen. Der Vorlesungen sowohl auf Deutsch, wie auch Hebräisch halten konnte. Dieser Mann, der aufgrund seiner Wurzeln Gottes Wort an den Menschen vielleicht etwas besser nachvollziehen konnte, beginnt die Thora so:

„Die Erde aber war Irrsal und Wirrsal.

Finsternis über Urwirbels Antlitz.

Braus Gottes schwingend über dem Antlitz der Wasser.

Gott sprach: Licht werde! Licht ward.

Gott sah das Licht: dass es gut ist.

Gott schied zwischen dem Licht und der Finsternis.

Gott rief dem Licht: Tag! und der Finsternis rief er: Nacht!

Abend ward und Morgen ward: Ein Tag.

… Dies sind die Zeugungen des Himmels und der Erde: ihr Erschaffensein.“ (Im Anfang 1)

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Das Wesen der Sünde

Der deutsche Begriff
Sund (Meeresenge, Abstand zwischen einer Insel und dem Festland)
Etwas das die Beziehung zwischen Personen behindert oder vielmehr verunmöglicht.

Der Begriff im Alten Testament

Hebräischer Begriff Bedeutung Definition der Sünde
Avah Verbogen, verdreht Sünde als Entstellung
Ra Böses, Zerbrochenes Sünde als Zerstörungskraft, was Gott gemacht hat wurde böswillig zerstört
Pascha Sich auflehnen, abtrünnig sein Sünde als Rebellion gegen das Gesetz und die Herrschaft Gottes
Rascha Verwirrung, gottlos, ungerecht sein Sünde als Richtungslosigkeit
Maal Vertrauen brechen Sünde als Untreue
Aven Nutzloses, sinnloses Verhalten Sünde als leerer Wahn
Ascham Schuld durch Fahrlässigkeit und Unwissenheit Sünde als Versäumnis
Chata Abirren, zurückbleiben, einen Fehltritt machen Sünde als Zielverfehlung(grundlegendster Sündenbegriff – ähnl.hamartia im NT)
Amal Anstrengung, Sorge Sünde als Last
Aval Ungerecht, unfair Sünde als egoistisches Unrecht

Begriffe im Neuen Testament

Griechischer Begriff Bedeutung Definition der Sünde
Hamartia Abirren Sünde als Zielverfehlung
Parabasis Überschreiten einer Grenzlinie Sünde als Übertretung
Anomia Gesetzlosigkeit Sünde als Ablehnung göttlichen Maßstabes
Paraptoma Fallen, wo man aufrecht stehen sollte Sünde als Versagen (mangelnde Zuverlässigkeit)
Agnoema Unkenntnis (was man wissen sollte) Sünde als Unwissenheit
Kakon Das Böse Sünde als Zerstörungskraft
Poneria Schlechtigkeit (gibt sich nicht zufrieden, bis der andere auch verdorben ist) Sünde als gottwidriges Denken und Handeln (Gefallen an Missgeschick und Unheil)
Kakoetheia Eine Eigenart, die Handeln und Reden anderer in schlechtem Licht sieht Sünde als Bösartigkeit und Miesmacherei
Amal Anstrengung, Sorge Sünde als Last
Aval Ungerecht, unfair Sünde als egoistisches Unrecht

Entstehung der Sünde

  • Der Apostel Paulus verfolgt die Sünde zurück auf den einen Menschen Adam, den er als unsern gemeinsamen Ahnherrn bezeichnet. Der Sündenfall wird in der Genesis als allererster Abfall der Menschen von Gott berichtet (vgl. Sund – Trennung). Davon sind alle Nachkommen des ersten Menschenpaares betroffen.
  • Blaise Pascal hat gesagt, dass die Lehre von der Erbsünde auf den ersten Blick zwar wie eine Beleidigung der Vernunft erscheine, doch einmal akzeptiert, der eigentliche Schlüssel zum Verständnis des Zustandes der Menschheit sei.

Die Bewältigung bzw. Überwindung der Sünde mit allen ihren Auswirkungen

  • Die Opfer des AT können das Sündenproblem nicht wirklich erledigen. Sie sind eine Erinnerung der Trennung von Gott und ein deutlicher Hinweis der stellvertretenden Sühnung (vgl. Ersatz der Opferung eines Lammes an Stelle Isaaks durch Abraham)
  • Jesus als Opferlamm („Sündenbock“). Vgl. Joh 1,29: „Am folgenden Tag sieht Johannes Jesus auf sich zukommen und spricht: Siehe das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt wegnimmt“. Diese Opfer (Tod am Kreuz) ist die einzige Sühne für die Sünde des Menschen, seine Wirksamkeit wird auch nicht durch Zeit oder Raum begrenzt. Durch persönliche Akzeptanz durch den einzelnen Menschen wird dadurch der „Sund“ zum Schöpfer überwunden und der Mensch in die Lage versetzt die Möglichkeiten, die in der Bergpredigt und in 1. Kor. 13 (Das Lied der Liebe) beschrieben sind auszuschöpfen.

Versöhnung

Jeder kennt die Geschichte im NT mit dem sog. „Verlorenen Sohn“, der die Entscheidung traf, unabhängig von seinem Vater sein Leben in der Fremde zu führen. Nachdem seine Freiheitsträume nicht in Erfüllung gingen, beschloss er zu seinem Vaterhaus umzukehren und zu bitten, eine Stelle als Knecht zu bekommen.

Der Vater nimmt ihn jedoch als Sohn an. Der Vater hatte ihm schon vorher vergeben.

(Vergebung ist ein Versprechen auf Sühnung und Vergeltung zu verzichten; dazu gehört nur eine Person). Der Vater wollte jederzeit auch Versöhnung; dazu gehören jedoch zwei. Dies gelang nicht, so lange der Sohn noch fern blieb. Der Vater interessierte sich nicht für die Leistungen seines Sohnes. Der Sohn bekannte seine Sünden. Das zweite, das er sich vorgenommen hatte – er will Knecht sein – sagte er nicht mehr, als er die Gnade der Vergebung verstand.

Versöhnung – Der Vater behandelt den Heimgekehrten als Sohn.

 

Dipl.Psychologe Roland Antholzer
(Gemeindeorientierte Initiative für biblische Beratung e.V.)

Ein Kampf der Gegenwart: Ritalin-Evangelium vs. Nachfolge Christi

(Eine Vorbemerkung aufgrund teilweise heftiger und sicherlich hier und da verständlicher Reaktionen. Über das Thema Ritalin wird überall kontrovers diskutiert – zuletzt äußerst kritisch in der Frankfurter Allg. Sonntagszeitung – nicht gerade ein Hetzblatt. Aber auch Winterhoff und andere fragen zurecht, wo denn plötzlich die ganzen Kinder mit ADHS herkommen und wo sie vorher waren? Warum wird ein Medikament mit jährlich immensen Steigerungsraten verkauft und verschrieben? Ist das Zufall? Dabei ist das Ganze nicht gegen Eltern gerichtet, die hilflos und voller Schmerzen ihr Kind sehen und sich nicht anders zu helfen wissen. Meine Kritik richtet sich nicht gegen Eltern – sondern gegen eine “Krankheit”, die aus dem Nichts kam und mit der Milliarden verdient werden und Kinder meines Erachtens und meiner Erfahrung nach gedämpft werden. Sie richtet sich gegen eine innere erwünschte Haltung, die dahinter steht. Gegen eine Gesellschaft und Industrie, die mit massivem Leistungsdruck und Funktionieren-müssen Eltern unter Druck setzt! Es geht nicht gegen die Eltern – sondern um die dahinter stehenden Lobby. Ich habe auch geschrieben, dass eine Medikation ein einzelnen Fällen sicherlich sinnvoll sein kann – ich bitte diesen Satz zu respektieren. Meines Erachtens wird aber – und das sage ich als Vater eines äußerst fordernden, wenn auch sehr süßen Jungen – zu wenig gefragt, was denn die Ursachen dieser “Störung” sind, wie Ernährung, Lebensstil, Medien etc. das Verhalten beeinflussen… hier machen Therapeuten durchaus gute Erfahrungen. Also noch einmal: mir ging es nicht um eine Abwertung oder gar Beschimpfung der Eltern – mir ging es um das Gedankengebäude dahinter und das macht mich wütend und findet sich so auch im Druck gegen jede Form vermeintlich nicht “funktionierenden” Lebens – sei es bei Kindern, Behinderten, Ü50-ern oder Alten)

Ich habe bewusst vermieden, einen reißerischen oder wie auch immer gearteten Begriff als Gegenpol zum “Ritalin-Evangelium” zu definieren (falls es den Begriff Ritalin-Evangelium noch nicht gibt, schütze ich ihn hiermit…;-). Denn das ist genau das Großartige an der Nachfolge Christi – sie ist nicht in Schablonen und Modelle zu pressen. Und bevor ich lange herum philosophiere … beschreibe ich einfach den Gegensatz…

Ritalin – das mag in einzelnen Fällen ein sinnvolles Medikament sein. Aber in vielen Fällen ist es ein Mittel, um lebendige (meist) Jungs ruhig zu stellen und den Anforderungen der Gesellschaft anzupassen… Funktionieren ist angesagt. Ritalin bekämpft Symptome… nicht Ursachen. Ritalin ist von Anfang an gepusht von Pharma-Riesen und ein ebensolches Riesengeschäft. Ritalin macht mich wütend. Und traurig. Hauptsache Menschen funktionieren reibungslos im Leistungsschema unserer idiotischen und längst vor die Wand gelaufenen Gesellschaft des unbedingten Wachstums. Als wenn Wachstum ein Wert an sich wäre. Auch Krebs wächst…

Christliche Gemeinden, ja einzelne Christen laufen in dieselbe Gefahr. Meist sind säkulare Phänomene auch in irgendeiner Form in der christlichen Subkultur abgebildet… ist ja auch klar. Glaube hat hoffentlich mit dem Leben zu tun. Meist befürchte ich beeinflusst aber das Leben mehr den Glauben… als umgekehrt… also: Ohne Rücksicht auf Verluste, aus dem Bauch heraus, brainstorming-mäßig: Ritalin-Evangelium in Stichworten:

  • Stillhalten ist wichtig, aus dem Rahmen fallen und anecken nicht erwünscht
  • Der höchste Maßstab ist das Funktionieren – nicht die Beziehung
  • Individualität – auch sperrige – muss sich dem wünschenswerten Ideal anpassen
  • Glaube wird als Pille betrachtet, mit der man sein Leben besser in den Griff bekommt und vermeintlich das “Leben genießen” kann
  • Wildheit und Wagnis, Ausprobieren, Fallen und Wiederaufstehen wird nicht gefördert – sondern eher verurteilt
  • Schwankungen im Empfinden und Leben sind nicht erwünscht – Gleichmäßigkeit, Stoizismus, Gedämpftheit wünschenswerter
  • Es gibt keinen akzeptierten Umgang mit Aggression. Coolness und Beherrschtheit sind erwünscht.

Wie anders sieht Nachfolge Jesu eigentlich aus…

  • Wild und sanft,
  • laut und still
  • Freiheit in Abhängigkeit,
  • frei und unkonventionell in Gedanken und im Handeln,
  • Tränen und Lachen, Trauern und Feiern
  • Abenteuer nach innen und nach außen
  • Zuhören können und zart still halten – aber genauso brüllen: vor Freude und wenn es dran ist: vor Wut
  • keine Sicherheit kennen außer einer: Jesus Christus
  • Kontrolle abgeben
  • Beziehungen leben und dem Funktionieren vorordnen
  • und vieles vieles mehr…

Nachfolge Christi ist anstrengender, aufregender, es geschehen mehr “Fehler”, es ist unsicherer und gleichzeitig viel sicherer… ich sehne mich danach! Nie, nie, nie mehr Ritalin (Kraftklub). 

Zum vorläufigen Schluß ein Gedicht, das ich in einem kritischen Artikel über Ritalin in der Frankfurter Allg. Sonntagszeitung gefunden habe und das mich bewegt…:

„Mit dem Kopf sagt er nein
Aber mit dem Herzen sagt er ja
Er sagt ja zu allem was er mag
Er sagt nein zum Lehrer
Er steht da
Er wird geprüft
Und alle Aufgaben sind gestellt
Plötzlich ergreift ihn ein irres Lachen
Er wischt alles aus
Die Ziffern und die Wörter
Die Daten und die Namen
Die Lehrsätze und die Fangfragen
Und trotz der Drohungen des Lehrers
Verspottet von den Wunderkindern
Nimmt er alle bunten Kreiden
Auf der schwarzen Unglückstafel
Malt er das Gesicht des Glücks.“

(Jacques Prévert)

http://wegbegleiter.wordpress.com/2012/02/14/ein-kampf-der-gegenwart-ritalin-evangelium-vs-nachfolge-christi/