Das Führen ist eine milde, sanfte Tätigkeit – keine gewaltsame, eine liebenswürdige, keine gehässige. Johann Amos Comenius

Die heilige Bibel selbst, sage ich, sei unser Kanon, unser Glaube, unsere Richtschnur, unsere Regel, sie selbst sei der Leuchter unserer Füsse, das Licht unserer Pfade, unsere Augensalbe, unser Morgenstern, ja sogar die Sonne in unserer Dunkelheit, Ratgeber in unseren Zweifeln, Richter und Schiedsmann zwischen unserem Sinn und unserer Meinung, Spiegel unserer Geheimnisse, hohe Schule unserer Übung, unberührte Milch, mit welcher die Kinderlein Gottes wachsen, unsere Zisterne zum Tragen lebendiger Wasser (Ps 119,11; 12,7; 1 Petr 2,2). Wenn die Bibel auf diese Weise unter uns ist, dann sendet der Herr sein Licht und seine Wahrheit und führt uns auf den Berg der Heiligkeit; wir werden im göttlichen Licht das Licht sehen [nach Ps 36,10], und klar werden wir vor uns den rechten Weg und auf den Seiten die irrigen Scheidewege erblicken und wissen, an wen wir zu glauben begonnen haben (denn auf dem Felsen wird unser Glaube begründet). (Haggaeus XIV)1
Johann Amos Comenius (Jan Amos Komenský) erblickte am 28. März 1592 in Nivnice unweit von Uherský Brod (Ungarisch Brod) im Osten Mährens das Licht der Welt.2 Sein Vater war ein wohlhabender Müller und Mitglied der Böhmischen Brüder, über die Mutter ist kaum etwas bekannt. Früh verlor Comenius seine Eltern und kam in die Obhut von Verwandten. Von 1608 bis 1611 besuchte er die höhere Schule der Böhmischen Brüder in Přerov (Prerau). “Auch ich bin einer von den vielen Tausenden”, schrieb Comenius später rückblickend, “dem der lieblichste Frühling des ganzen Lebens, die blühenden Jahre der Jugend, bei unnützen Schulpossen elend verkommen sind”.3 Von 1611 bis 1614 studierte er in Herborn und Heidelberg. Ein wichtiges Vorbild wurde ihm sein Herborner Lehrer, der Theologe Johann Heinrich Alsted (1588–1638), der im Rahmen seiner Endzeitvorstellung eine grundlegende Reform der Wissenschaften auf christlichem Fundament anstrebte. Zugleich kam er in Herborn auch in Kontakt mit dem Theologen Johnnes Piscator (1546–1625), der eine der bedeutendsten deutschen Bibelübersetzungen nach Luther verfasste, und während eines kurzen Studienaufenthaltes in Heidelberg mit dem irenischen Theologen David Pareus (1548–1622). Comenius erlernte das theologische Rüstzeug der reformierten Orthodoxie, daneben kam er in Berührung mit Schriften der Humanisten, der Sozinianer, der Rosenkreutzer und von Pädagogen wie Wolfgang Ratke (1571–1635). Aus seiner Studienzeit sind kleinere Disputationen (Problemata, Sylloge) sowie Entwürfe für ein Theater der Gesamtheit der Dinge (Theatrum) erhalten geblieben. Nach seiner Rückkehr nach Mähren wurde Comenius Lehrer und Rektor an der Lateinschule in Přerov. Im Bestreben, die den Bedürfnissen der Schüler wenig angepassten Unterrichtsmethoden seiner Zeit zu verbessern, verfasste er erste Lehrmittel und pädagogische Schriften. 1616 wurde er zum Priester der Brüderunität ordiniert. Zwei Jahre später heiratete er Magdalena Vizovská und wurde als Rektor und Prediger an die neu gegründete Schule der Brüder in Fulnek berufen. Im selben Jahr brach der Dreissigjährige Krieg aus. Nach der Schlacht am Weissen Berg (1621) verschlechterte sich die Lage der Protestanten in Böhmen und Mähren rasch. Comenius sah sich als Priester zur Flucht gezwungen. Während er sich an verschiedenen geheimen Orten aufhielt, starben seine Frau und ihre Kinder. In Trostschriften gab er seiner Trauer und Verzweiflung Ausdruck, stellte sein Ringen mit der Vernunft, dem Glauben und Christus dar, und wie er aus dem Wort Gottes neue Hoffnung schöpfte (vgl. die Dialoge des Betrübten [Truchlivý] und das Centrum Securitatis).4 In einer satirischen Parodie stellt er die Welt dar als ein Labyrinth, aus welchem es sich zurückzuziehen gilt in das Paradies des Herzens (Labyrint). Er verfasste eine kleine  Geschichte der slawischen Kirche (Ecclesiae historiola) und kam zum Schluss, dass die Zeit gekommen war für einen umfassenden Neuaufbau einer vereinten Kirche (Haggaeus redivivus). Gleichzeitig wurde er empfänglich für chiliastische Endzeitvisionen, insbesondere jene der polnischen “Edel-Jungfer” Christina Poniatowska (1610–1644), seines ehemaligen Mitschülers und Priesters der Brüderunität Mikuláš (Nikolaus) Drabík (1587/88–1671) und des schlesischen Gerbers Christoph Kotter († 1647) (vgl. Vidění Poniatowské, Vidění Kottera). Für seine Unität übernahm Comenius geheime Botengänge ins Ausland, setzte jedoch gleichzeitig seine pädagogische Arbeit an einer tschechischen Didaktik (Didaktika) fort. Zur gleichen Zeit verfasste er auch einen Bibelauszug (Manualník), der jedoch erst 1658 in einer tschechischen und einer lateinischen Fassung (Introductorium) im Druck erscheinen konnte. 1624 heiratete Comenius Dorothea Cyrillová, die Tochter eines Seniors der Brüder, zwei Jahr später kam ihre erste Tochter zur Welt. Nach der “Verneuerten Landesordnung” für Böhmen (1627) und Mähren (1628) schwand die Aussicht auf ein baldiges Ende der Unterdrückung und Comenius zog mit seiner Familie ins Exil ins polnische Lissa (Leszno), welches aufgrund der starken Emigrationswellen unter dem Druck der Rekatholisierung zu einem Zentrum der Böhmischen Brüder wurde. In Lissa arbeitete Comenius als Lehrer und verfasste zahlreiche didaktische Schriften, darunter die Grosse Didaktik (Didactica) und das Informatorium der Mutterschul. In der Sorge um den frommen Lebenswandel seiner Mitbrüder veröffentlichte er eine Paraphrase der Praxis Pietatis des englischen Puritaners Lewis Bayly (†1631). Er trat in Korrespondenz mit dem Theologen Johann Valentin Andreae (1586–1654), dem Verfasser zahlreicher Rosenkreuzerschriften. Hatte Comenius bisher seine Hoffnungen auf den Wiederaufbau der Heimat mit der Hoffnung auf die Bildung der tschechischen Jugend verbunden, so weitete sich sein Horizont zusehends. Nach dem Scheitern des schwedischen Eingreifens zugunsten der Protestanten entschloss er sich, fortan hauptsächlich auf Latein zu schreiben und sich damit an die gesamte gelehrte Welt zu richten. 1632, im Todesjahr von Gustav II. Adolf, wurde Comenius zum Senior der Brüderunität gewählt. Er half bei der Herausgabe der Brüderordnung (Řád / Ratio), ging in einer kurzen Schrift (Otázky) auf die Stärken und Schwächen seiner Unität ein und verteidigte sie in der Ohlášení gegen Angriffe des Predigers Samuel Martinius z Dražova (1593–1639). Er geriet in Auseinandersetzungen mit Sozinianern, deren Antitirinitarismus er in zahlreichen Schriften, darunter einem Kommentar ihres Rakower Katechismus (Socinismi Speculum) zu widerlegen suchte. Zugleich verfasste er auch eine irenische Schrift mit dem Ziel der Wiedervereinigung der Kirchen (Cesta Pokoje). Aus der Zeit in Lissa sind schliesslich eine Reihe seiner Predigten erhalten geblieben (u.a. in Historia našeho Pána und Kázání XXI). In den folgenden Jahren widmete sich Comenius der Entwicklung einer christlichen Pansophie (Allwissenheit), in denen er Glaube und Wissen seiner Zeit auf dem Fundament der Offenbarung Gottes zu vereinen suchte. Im Zusammenhang mit seinen Reformplänen trat er in Kontakt mit den Wissenschaftsreformern Samuel Hartlib (†1662), John Dury (1595–1680) und Joachim Hübner (1611–1666) in England. Sie ermutigten ihn, seine Arbeiten zur Pansophie zu intensivieren. Ohne sein Wissen veröffentlichten sie seine ersten pansophischen Pläne (Prodromus), was Comenius aufgrund der kritischen Reaktionen von Seiten der Brüderunität zu einer Verteidigung zwang (Dilucidatio). Auf Einladung Hartlibs zog er 1641 nach London und verfasste zu Handen des englischen Parlamentes eine programmatische Schrift zur Reform des Bildungswesen und der Wissenschaften (Via Lucis). Doch mit dem Ausbruch des Bürgerkrieges fanden seine Reformvorschläge ein rasches Ende. Comenius nahm ein Angebot des niederländischen Kaufmannes Louis de Geer an und zog in die schwedisch besetzte Stadt Elbing, um dort an einer schwedischen Schulreform mitzuwirken. Auf dem Weg traf er in Holland kurz mit René Descartes (Cartesius, 1596–1650) zusammen.5 Neben seinen pädagogischen Bemühungen (u.a. die Neueste Sprachenmethode / Methodus) arbeitete Comenius weiter an seiner Pansophie und setzte sich als Bischof für seine Brüderunität ein. In diese Zeit fiel sein Dialog mit Valerianus Magni, einem katholischen Apologeten des Kapuzinerordens (1586–1661; Judicium V. Magni) und seine kurze Teilnahme an einem irenischen Kolloquium in Thorn 1645 (De colloquio Thorunensi, vgl. Irenica). In Elbing kamen schliesslich auch seine Tochter Susanna und sein Sohn Daniel zur Welt. 1648 zog Comenius mit seiner Familie wieder nach Lissa, wo er zum leitenden Bischof der Bruderunität gewählt wurde. Im selben Jahr verlor er seine zweite Frau, und mit dem Westfälischen Frieden wurde der Untergang Böhmens und Mährens besiegelt. Comenius gab einen Auszug aus dem Porträt der Brüderunität des polnischen Schriftstellers Jan Lasitius (Łasycki, 1534–1605) heraus (Lasitius) und verfasste das Vermächtnis der Sterbenden Mutter Bruderunität (Kšaft). Er heiratete Johanna Gajusová und trat 1650 in die Dienste des siebenbürgischen Fürsten Rákóczy mit dem Auftrag, die höhere Lateinschule in Sárospátak zu reformieren. Hier versuchte er, seine Pläne einer pansophischen Schule (vgl. Schola pansophica) zu realisieren, wovon eine Reihe von Reden, Schulordnungen und -gesetze zeugen (De cultura ingeniorum, De libris, Leges scholae etc.). Seine Reformen zeigten bloss mässigen Erfolg und 1654 zog Comenius erneut nach Lissa. Hier beendete er seine Arbeit an einem historischen Überblick über die Verfolgungen der böhmischen Kirche (Historia persecutionum). Erneut kam es zum Krieg zwischen Schweden und Polen. Comenius hoffte auf einen Sieg Schwedens und verfasste politische Schriften (Panegyricus). Doch Schweden verlor, und Lissa wurde 1656 von polnischen Truppen niedergebrannt. Ein Raub der Flammen wurden auch zahlreiche von Comenius’ Manuskripten, die Arbeit vieler Jahre, darunter ein umfassendes Wörterbuch der tschechischen Sprache. Comenius zog nach Amsterdam, wo er dank seiner Gönnerfamilie de Geer den Lebensabend verbringen konnte. 1657 konnte er hier seine gesammelten didaktischen Schriften (Opera Didactica Omnia / ODO) herausgeben. Im Jahr darauf erschien in Nürnberg sein neben der seit 1633 in verschiedenen Ausgaben erschienenen Janua linguarum berühmtestes Lehrbuch: der Orbis Pictus. In zwei Sammelbänden veröffentlichte er die Visionen von Poniatowska, Drabík und Kotter (Lux in tenebris, Lux e tenebris). Mit politischen Schriften versuchte er Einfluss zu nehmen auf die europäische Machtpolitik (Angelus Pacis, Letzte Posaun, Bazuine, Gentis felicitas). Er hoffte auf einen Sieg der Protestanten über die mit dem Papst verbündeten katholischen Staaten und auf eine anschliessende Bekehrung der auf dem europäischen Kontinent vordringenden Muslime in Vorbereitung der Wiederkunft Christi. Von Amsterdam aus setzte er sich auch für die im Exil zerstreuten Brüder ein. Einerseits besorgte er Neuausgaben des Bekenntnisses (Confessio 1662) und des Liederbuchs (Kancionál) und verfasste selbst einen Katechismus für die Jugend (Uralte Religion), andererseits stellte er die Unität gegen aussen mit dem Sammelband De bono unitatis vor, welcher eine Geschichte der “slawischen Kirche” (Ecclesiae historiola), die Brüderordnung und eine Ermahnung an die englischen Kirchen (Admonitio) umfasste. Er schrieb an seinem grössten Werk, der Allgemeinen Beratung über die Verbesserung der menschlichen Dinge (Consultatio) samt einem Pansophischen Reallexikon (LRP), und an den visionären Clamores Eliae; beide Werke blieben unvollendet. In Form einer Paraphrase veröffentlichte er die Theologia naturalis des Raymundus Sabundus († 1436; Oculus fidei) und gab im Triertium catholicum eine Art trinitarischer Zusammenfassung seiner Philosophie. In seine Amsterdamer Zeit fallen auch die scharfen Kontroversen mit dem aus Polen stammenden Arzt und Sozinianer Daniel Zwicker (1612–1678; vgl. Admonitiae), mit dem niederländischen Theologieprofessor Samuel Maresius (1599–1673; vgl. Continuatio admonitionis, De zelo) und mit seinem eigenen Schüler, dem Professor Nikolaus Arnold (1618–1681, vgl. Vindicatio famae). In einer Art Testament fasste Comenius in Das eine Notwendige (Unum Necessarium) zusammen, was er für das Wichtigste im Leben eines Christen hielt. Hier schrieb er: “Ich danke meinem Gott, dass er mich mein ganzes Leben hindurch einen Mann der Sehnsucht hat sein lassen. Wenn er es auch zuliess, das ich mich dadurch in manche Labyrinthe verirrte, so hat er aber doch geholfen, dass ich mich aus den meisten herausarbeitete; nun führte er selbst mich an seiner Hand zu der Aussicht auf die selige Ruhe.”6 Am 25. November 1670 starb Comenius in Amsterdam, wenige Tage später wurde er im nahegelegenen Naarden begraben.
1 Haggaeus XIV (DJAK 2, 322). Das gesamte Kapitel findet sich als Exkurs in II.2.3.
2 Ziel der folgenden Kurzbiographie ist es, den Leser die wichtigsten Stationen von Comenius’Leben aufzuzeigen und ihn mit den wichtigsten Werken bekannt zu machen, auf welche im weiteren Verlauf der Arbeit Bezug genommen wird. – Aus der Fülle von Kurzeinführungen in Leben und Werk von Comenius seien hier bloss zwei Darstellungen genannt: M. Blekastad 1970; J.M. Lochman 1982. Zu Comenius’ Studienzeit vgl. bes. G. Menk 1983, H. Graffmann 1981, J. Wienecke 1973, zu seinem Aufenthalt in Polen M. Bečková 1983, L. Kurdybacha 1960, in England R.F. Young 1932, J. Kumpera 1996, in Ungarn E. Földes (Hg.), in den Niederlanden N. Moutová et al. 1970, W. Rood 1970, R.A. B. Oosterhuis 1928. Eine gute Werkübersicht in deutscher Sprache gibt J. Brambora 1971.
3 Didactica XI,13 (DJAK 15/I, 83).
4 Vgl. ferner Über das Waisentum (O sirobě), Die uneinnehmbare Burg (Nedobytedlný hrad).
5 Zu Comenius’ Kritik an Descartes vgl. v.a. Judicium Serarii, Cartesius eversus.
6 Unum Nec. X,2 (DJAK 18, 123; L.K. 1964, 140).
http://books.google.de/books?id=ATjY1icqvHoC&printsec=frontcover&hl=de#v=onepage&q&f=false
Neval, Daniel:
Die Macht Gottes zum Heil : das Bibelverständnis von Johann Amos Comenius in einer Zeit der Krise und des Umbruchs. Dissertation, 2004 [2006]. 604 S. ISBN: 3-290-17361-5 [Zürich: Universität] [Comenius, Johann Amos; Bibel; Theologie; Hermeneutik]

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s