Hundeherz

Michail Bulgakow Werk hat ein sehr modernes Thema – die Organtransplantation. Professor Preobrashenskij setzt einem Straßenköter die Samen- und Hirnanhangsdrüsen eines Menschen ein, der übrigens ein Dieb und Säufer zu Lebzeiten war. Nun beginnt ein geheimnisvoller Umwandlungsprozeß, aus dem Hund wird ein Mensch, zumindest hat er die äußere Gestalt eines homo sapiens. Vernunft fehlt ihm allerdings – der ehemalige Hund stellt das Leben des Professors zunehmend auf den Kopf. Zwar kann er lesen und sprechen, doch trinkt er, belästigt die Damen in seiner Umgebung, flucht und stiehlt. Als er den Assistenten erschießen will, kann dieser ihn überwältigen, und die Operation wird rückgängig gemacht. Aus dem Scheusal wird wieder ein friedlicher Hund. Ein reizender Hund ist nach Ansicht des Professors besser als ein Erzhalunke in der Gesellschaft.
Bulgakows bittere Satire ist eine brillante Parabel auf die sowjetische Gesellschaft und ihren „neuen Menschen“. Eine Groteske, die den Gedanken, alles sei machbar, konsequent bis zum bösen Ende denkt.
Der durch „Der Meister und Margarita“ im Westen bekannte russische Schriftsteller Michail Bulgakow, welcher Medizin studierte und eine Zeit lang als Arzt gearbeitet hat, stellt sich in seiner Erzählung „Hundeherz“ die Frage, die schon die antiken Philosophen beschäftigte: die Frage nach dem Wesen des Menschen. Lässt man den politischen Hintergrund dieser Erzählung beiseite, so kristallisiert sich am Ende die Essenz heraus, die auch heute noch enorm aktuell ist und uns weiterhin vor neue Herausforderungen stellt. Wodurch unterscheiden sich Mensch und Tier? Was macht eigentlich den Menschen aus?
Hätten Hoden und Hypophyse nicht einem balalaikaspielenden Trunkenbold gehört, sondern z. B. einem berühmten Philosophen, welche Konsequenzen würde diese Tatsache für das Resultat der Operation haben? Der russische Schriftsteller beantwortet diese Frage wie folgt: „Sagen Sie mir bitte, wozu soll man Spinozas künstlich fabrizieren, wenn jedes beliebige Weib sie jederzeit gebären kann?[…] Die Menschheit sorgt selbst dafür und bringt jedes Jahr neben einer Masse Dreck Dutzende von Genies hervor, die eine Zierde der Welt sind.“ Wozu sollte man also komplizierte Operationen durchführen, wenn ein Genie auch jederzeit auf ganz natürliche Weise geboren werden kann? Die Natur selbst sorgt für die Vielfalt der Menschen in der Gesellschaft. Genies muss es geben, genau wie einfache Arbeiter, meint Bulgakow. Damit übt er unverhohlen Kritik an der Gleichmacherei der Sowjets. Indem Bulgakow das Experiment rückgängig macht, deutet er darauf hin, dass allen erzieherischen Maßnahmen zum Trotz der Mensch letztlich nicht veränderbar ist. Mit dieser These blickt der russische Satiriker fast prophetisch auf die Entwicklung der Sowjetunion viele Jahrzehnte voraus.
In diesem Zusammenhang muss man sich fragen: Was zeichnet eigentlich einen hoch entwickelten Menschen aus? Der aufrechte Gang? Während die Evolutionsbiologen dies bejahen würden, ist es für jeden von uns sofort plausibel, dass diese Tatsache nicht das einzige Kriterium für das Mensch-Sein darstellt. Ist es die Fähigkeit zu sprechen, wie schon Aristoteles in seinem Werk bemerkte? Auch hier lässt sich ein Gegenargument finden, nämlich die stummen Menschen. Keiner von uns würde auf die Idee kommen, sie nicht als Menschen zu bezeichnen. Manche Schimpansen können die Zeichensprache der Taubstummen erlernen, sie sind dementsprechend auch in der Lage, eine Sprache zu erlernen. Der Mensch ist das einzige Wesen, das sich durch die Selbstreflexion auszeichnet, sich also im Spiegel erkennt und ein Selbstbewusstsein hat.
Natürlich war Bulgakow in der russischen Literatur der 20er Jahre, als die Satire eine bevorzugte Stellung einnahm, mit seinen stichelnden Werken nicht allein. Auch Michail Zoschenko, Ilja Ilf und Evgenij Petrov verspotteten in ihren Erzählungen und Stücken die „toten Seelen“ Gogolscher und neuerer Herkunft. Doch Bulgakows Satiren gingen über das Verspotten hinaus. Sie zeichneten sich durch eine direkte Polemik mit dem Sowjetsystem aus. Und sein „Hundeherz“ ging dabei am weitesten: Es traktierte den Triumph des Banalen im Gebaren der siegreichen Klasse. Deshalb ist es auch kein Wunder, dass die Novelle weder zur Stalinzeit, noch zu Chruschtschows, Breschnews, Andropows veröffentlicht wurde. Erst nach dem Beginn der Perestrojka ist das Buch 1987 publik geworden. Ein kleines Wunder ist dennoch, dass es im putinschen Russland nicht wieder verboten wurde.
Benutzte Quellen:
(Aus der Berliner Morgenpost vom 27. Juli 2007)
http://www.marinaneubert.de/rezensionen/autorenabise/michailbulgakow/index.html
http://www.grin.com/de/e-book/55494/das-tier-im-menschen-und-der-mensch-im-tier-anhand-von-michail-bulgakows
http://www.amazon.de/review/R1DMA6UJF85BRQ/ref=cm_cr_pr_viewpnt#R1DMA6UJF85BRQ

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