„Alle haben eine, wenige reden darüber: Die Tragweite von Weltanschauungen“

Warum habe ich dieses Thema gewählt? Aus 2 Gründen:
1. Ich möchte, wo ich kann, ein Bewusstsein schaffen für die Wichtigkeit und die Tragweite von WA (WA=Weltanschauung). Sie bestimmen zutiefst das eigene und das öffentliche Leben.
2. ich möchte zeigen, wie notwendig und bedeutsam die Entwicklung einer christlichen WA gerade heute ist, sowohl im persönlichen als auch im gesellschaftlichen Leben I.
Nun könnte man die Wichtigkeit des Themas durchaus bestreiten, wie das heute auch oft getan wird. Denn wir leben aus meiner Sicht in einer paradoxen Situation:
auf der einen Seite wird, oft im Namen des Postmodernismus, das Ende der WA überhaupt verkündet, die Möglichkeit einer Gesamtschau der Welt und der menschlichen Existenz grundsätzlich bestritten. Man sagt, die Meta-Narrativen, die großen Erzählungen der Vergangenheit, die zur Welterklärung herangezogen wurden, seien tot, könnten nicht mehr geglaubt werden. Die eine, absolute, objektive, universale Wahrheit gebe es nicht, der eine, klare, erkennbare Sinn sei auch dahin. Ich werde später noch näher auf diese düstere, skeptische Sicht eingehen.
Andererseits glaube ich zu beobachten, dass hinter vielen Zeitentwicklungen und Zeiterscheinungen sehr wohl bestimmte weltanschauliche Überzeugungen stecken, die aber meist nicht offengelegt werden, über die man sich und anderen keine Rechenschaft gibt. Man sieht also einen offenkundigen Widerspruch: man verneint die Möglichkeit von WA, aber gleichzeitig vertritt man oft sehr intensiv Positionen, die weltanschaulich bedingt sind.
Ich glaube, das ist auch notwendigerweise so. Wir Menschen können gar nicht anders, als WA zu produzieren. Es ist ein menschliches Grundbedürfnis, zu verstehen, Dinge einzuordnen, uns ein Bild von einer Angelegenheit zu machen, uns einen Überblick zu verschaffen, Zusammenhänge zu begreifen, den Sinn von Ereignissen zu verstehen, usw. Schon die Sprache drückt das aus, und das Streben nach Wissen, und zwar zusammenhängendem Wissen, ist uns angeboren. Leider geht diese natürliche Wissbegierde bei vielen Menschen im Lauf der Zeit mehr und mehr verloren.
II.
Ich habe vorhin von weltanschaulich bedingten Positionen gesprochen, die heute häufig vertreten werden, ohne darüber Rechenschaft zu geben. Ich möchte in großer Kürze und Vereinfachung einige solcher Ansichten zitieren, mit denen man häufig konfrontiert wird, gerade als Christ, der von der Existenz Gottes und der Wahrheit der biblischen Offenbarung überzeugt ist. Dabei geht es mir weniger darum, die Behauptungen einer gründlichen Kritik aus christlicher Perspektive zu unterziehen, dafür bräuchte man mehr Raum. Vielmehr möchte ich zeigen, welche teils katastrophale Folgen diese WA haben, wenn man sie konsequent zu Ende denkt und auslebt.
A.
Da bekommt man im Gespräch beispielsweise nur zu oft die alte Frage des Pilatus zu hören: „Was ist Wahrheit?“ Oder moderner formuliert: „Es gibt keine allgemeine Wahrheit, nur subjektive Wahrheiten.“ Kennen Sie diesen Satz? Und was halten sie davon? Welche WA steckt dahinter?
Freilich, wir haben lernen müssen, dass es mit der Wahrheit nicht ganz so einfach ist wie früher oft geglaubt, dass unser Zugang zur Wahrheit gefärbt ist von persönlicher Prägung, Geschichte, Interessen, kulturellen und sozialen Bedingungen, etc. Es stimmt, wir haben unseren je eigenen Zugang zur Welt, zur Wirklichkeit. Was mit dem zitierten Satz aber eigentlich ausgedrückt wird, was als WA hinter diesen oft unreflektierten Sätzen steht, und was von postmodernen Philosophen vertreten wird, geht weit darüber hinaus. Sie sagen nicht bloß, dass wir uns der Brille, durch die wir die Welt betrachten, bewusst werden und dadurch nötige Korrekturen an unserer Weltsicht vornehmen sollen, sondern dass wir letztlich gefangen sind in unserer Subjektivität, dass das Glas der Brille nicht nur gefärbt ist, sondern dass wir gar nichts Zutreffendes mehr von der Welt auf der anderen Seite der Brille erkennen können. Wir sehen nur Zerrbilder, oder wir sehen gar nichts Reales mehr, sondern nur Projektionen unserer Phantasie. Und im Extremfall wird nicht nur die Unzugänglichkeit, sondern sogar die objektive Existenz der Wirklichkeit draußen negiert. „Es gibt keine allgemeine Wahrheit.“ Wir sind gefangen in uns selbst, in unseren Sinneseindrücken, unseren Vorstellungen und Kategorien, unserer Sprache – die Brücke zur Wirklichkeit ist abgebrochen.
Ich frage mich, ob es den Leuten, die solche Aussagen über die Subjektivität aller Wahrheit treffen, bewusst ist, auf wie dünnes Eis sie sich damit begeben. Wenn ihre Behauptung stimmen sollte, dann werden viele menschliche Unternehmungen sinnlos. Kann es dann z.B. eine geschichtliche Wahrheit geben, die festgestellt und festgehalten werden könnte und aus der man lernen sollte? Kann es dann die Wahrheit über ein Verbrechen geben, die vor Gericht festgestellt werden kann? Welchen Sinn hat es dann überhaupt noch zu sagen: Ich sage die Wahrheit? Müsste man nicht besser sagen: Das ist meine subjektive, nicht verallgemeinerbare, nur für mich selbst zutreffende, keinerlei Anspruch auf allgemeine Gültigkeit erhebende Sicht der Dinge? Im Grunde wird es dann müßig, überhaupt noch über Wahrheit zu reden.
Soviel zu den Folgen, der Tragweite dieser verbreiteten weltanschaulichen Sicht. Zu ihrer Kritik möchte ich aber doch noch einen kurzen Punkt anführen:
Die Aussage: Es gibt keine allgemeine Wahrheit, nur subjektive Wahrheiten“, ist die Behauptung einer allgemeinen Wahrheit. Man sagt ganz absolut und uneingeschränkt, dass es keine absolute, uneingeschränkte Wahrheit gibt. Außer eben dieser einen absoluten, uneingeschränkten Wahrheit, dass es keine absolute, uneingeschränkte Wahrheit gibt. Die Aussage ist also in sich widersprüchlich. Wenn es keine allgemeine Wahrheit gibt, dann darf man keine Aussagen mehr machen, die den Anspruch auf allgemeine Gültigkeit erheben. Man kann nur noch subjektive Meinungen ausdrücken, die völlig unverbindlich und ausschließlich für mich selbst gültig sind.
Soviel zu diesem Punkt, dieser postmodernen WA. Mir ist bewusst, wie unzureichend meine Ausführungen sind, aber ich denke, wesentliche Punkte aufgezeigt und wichtige Argumente dargestellt zu haben.
B.

Kommen wir zu einer weiteren, oft gehörten weltanschaulichen Aussage:
„Alle Religionen sind gleich gut bzw. gleich schlecht“, oder ähnlich: „Religion ist gefährlich“. Dazu möchte ich aus einem Lied von Herbert Grönemeyer zitieren. Seine Worte drücken eine weit verbreitete Meinung aus.
„Welche Armee ist heilig?
Du glaubst nicht besser als ich.
Die Bibel ist nicht zum Einigeln,
die Erde ist unsere Pflicht…“
Und weiter:
„Religionen sind zu schonen,
sie sind für die Moral gemacht.
Da ist nicht eine hehre Lehre,
kein Gott hat klüger gedacht,
ist im Vorteil, im Vorteil.“
Wir sehen hier wiederum, wie trotz grundlegender Wahrheitsskepsis äußerst weitreichende, absolute Aussagen getätigt werden, die eine bestimmte WA voraussetzen. „Du glaubst nicht besser als ich… Religionen sind für die Moral gemacht… kein Gott hat klüger gedacht…“
Es mutet sehr verwegen an, solche pauschalen, absoluten, endgültigen Urteile abzugeben. Was wird denn damit eigentlich gesagt?
1. Die Religionen werden hier alle nivelliert, in einen Topf geworfen, als ein einheitliches Phänomen aufgefasst. Man meint, ihrem Wesen gerecht zu werden, indem man sie auf einen gemeinsamen moralischen Kern reduziert, ohne Rücksicht auf die Einmaligkeit und Spezifität jeder Religion.
2. man maßt sich ein Wissen an, das zu derart weitreichenden Aussagen berechtigt; man hat eine bestimmte Anschauung von der Welt, wie sie wirklich ist, man meint von dem eigenen Standpunkt aus auch Religionen insgesamt beurteilen zu können. Aber was ist dieser Standpunkt? Worauf steht er? Womit wird er begründet? Warum wird er selten dargelegt?
3. Religionen machen die weitreichendsten weltanschaulichen Aussagen überhaupt. Sie beantworten die letzten, die tiefsten Fragen nach dem Woher, dem Wohin, dem Wozu, dem Sinn des Ganzen. Und dabei geben sie gänzlich verschiedene Antworten. Buddhismus und Christentum geben beispielsweise konträre Antworten auf den Ursprung, den Sinn, das Ziel alles Seienden. Wenn man sie darin ernst nimmt, als entgegengesetzte Deutungen der Welt, dann kann man sie gar nicht mehr als gleich oder gleichwertig ansehen, in einen Topf werfen. Außer man weiß es besser als sie selbst, weiß, dass sie sich irren, dass die Welt in Wirklichkeit anders funktioniert, und dass Religionen entgegen ihren Expliziten Aussagen und Ansprüchen nur zu ganz begrenzten Bereichen der Wirklichkeit etwas sagen dürfen – aber eben nicht zum Gesamten, zu den letzten und größten Fragen.
Wir sehen also neuerlich, von welcher Tragweite es ist, wenn man solche Aussagen trifft wie die, dass alle Religionen gleich seien – zumindest in ihrem Kern, ihrem Wesen, dem, was sie eigentlich ausmacht. Man muss schon gute Gründe anführen können, wie man zu solchen Schlussfolgerungen kommt, warum man es besser zu wissen glaubt als all die Religionen. Natürlich, man macht es sich mit dieser Ansicht auch recht einfach: Wenn alle Religionen im Grunde gleich sind, und wenn es bei allen letztlich nur um einige moralische Prinzipien geht, die sie miteinander teilen, dann genügt es, selbst ein wenig moralisch zu sein. Dann braucht man sich nicht näher mit den Ansprüchen der einzelnen Religionen auseinandersetzen, ihren Behauptungen und Widersprüchen. Aber wenn man wirklich an der Wahrheit über die letzten Fragen interessiert ist, darf man es sich nicht so leicht machen.
C.
Die Tragweite von WA: eine weitere inflationäre Behauptung ist diese: „Moral ist nichts als gesellschaftliche Konvention“, oder etwas anders formuliert: „es gibt nichts absolut Gutes oder absolut Böses; jede Gesellschaft legt moralische Normen für sich fest, damit das Zusammenleben funktioniert.“
Um zu verdeutlichen, wohin es führen kann, wenn man das wirklich ernsthaft glaubt, möchte ich eine kurze Geschichte erzählen. Vor einiger Zeit waren wir auf einem Familienfest. Ich kam ins Gespräch mit einer Verwandten. Irgendwie kamen wir auf das Thema Meinungsfreiheit. Ich habe mich beschwert, dass man heute als Prediger Homosexualität nicht mehr als Sünde bezeichnen darf, ohne in Schwierigkeiten zu geraten. Ein schwedischer Pastor wurde dafür sogar eingesperrt.
Meine Verwandte meinte: Gut so, das darf er wirklich nicht sagen, das darf er für sich denken und privat sagen, aber nicht öffentlich. Das ist Verhetzung und Diskriminierung. Ich war schon einigermaßen schockiert. Aber dann fragte ich sie, ob es denn ihrer Meinung nach überhaupt erlaubt sei, bestimmte Dinge gut oder böse, richtig oder falsch zu nennen, und ob es dafür eindeutige Maßstäbe gäbe. Sie verneinte und sagte eben: „Gut und Böse wird immer von der Mehrheit der Menschen bestimmt. Es gibt nichts absolut Gutes oder absolut Böses.“ Daraufhin fragte ich sie: „Angenommen, die Mehrheit der Deutschen im dritten Reich war der Meinung, es wäre gut, die Juden zu töten, war es dann richtig?“ Sie drückte sich zunächst ein wenig um die Antwort und meinte, aus unserer Sicht ist es natürlich falsch. Auf mein Nachhaken, ob es denn damals richtig war, wenn die Mehrheit dafür war, sagte sie schließlich: Ja, wenn die Mehrheit es für gut befunden hat, dann war es richtig.
Ich war sprachlos. Ich glaube nicht, dass ihr völlig bewusst war, was sie da sagte. Denn diese Sicht öffnet dem Bösen Tor und Tür. Wenn die Menschen nur genug manipuliert werden oder dekadent genug geworden sind, dann fällt auf diese Weise eine Schranke nach der anderen. Und sind wir nicht auf dem Weg dorthin? Beginnendem und altem Leben wird das Recht auf dieses Leben zusehends abgesprochen. Der Mensch nach Maß erscheint immer mehr als reale Möglichkeit. Freiheit und Wahrheit werden der political correctness oder dem Druck militanter religiöser Gruppen geopfert. Eine äußerst bedenkliche Entwicklung.
Ich möchte an dieser Stelle aber doch auch eine kurze inhaltliche Kritik dieser Position bringen.
Man kann ja recht einleuchtend klingende Gründe für diese relativierende Sicht von Ethik anführen. Meist gehen ihre Vertreter aus von der Diversität ethischer Kodizes in verschiedenen Kulturen und Zeiten. Man geht also aus (1) von der Verschiedenheit der moralischen Normen, schließt daraus (2) auf die Relativität dieser Normen, (3) auf die Nichtexistenz universaler ethischer Normen und folgert daher (4), dass alle ethischen Normen auf gesellschaftlicher Konvention beruhen. Nun ist diese Verschiedenheit der Moralsysteme natürlich ein Faktum, das aber manchmal übertrieben dargestellt wird. Die Schlussfolgerung, dass es daher keine universalen ethischen Normen geben kann, ist aber keineswegs zwingend und sehr problematisch. Es gibt ganz andere Erklärungsmöglichkeiten für die Verschiedenheit von Moralkodizes. Zum einen gibt es doch eine starke Übereinstimmung im ethischen Kernbestand aller Völkern und Kulturen. Dass man nicht töten soll, nicht lügen, nicht stehlen, nicht die Ehe brechen, keine Unschuldigen quälen, nicht betrügen, das wird von den meisten Menschen geglaubt. Woher kommt diese Übereinstimmung? Wird darin nicht deutlich, dass zumindest eine Ahnung davon da ist, was immer und überall gilt und gut und richtig bzw. böse und falsch ist? Eben eine Ahnung von universalen Moralgesetzen?
Dass es dann viele von Kultur zu Kultur verschiedene Einzelgebote gibt, die sehr wohl kulturell bedingt und relativ sind, widerspricht nicht der Existenz dieser allgemeinen für alle gültigen Normen. Sie hängen aus meiner Sicht zusammen mit dem Wissen um universale, schutzbedürftige Güter: das menschliche Leben, die Freiheit, die Privatsphäre, das Eigentum, die Ehe, die Ehre, etc. Der Apostel Paulus sagt im Römerbrief, dass die Forderungen des göttlichen Gesetzes den Heiden ins Herz geschrieben sind, also denen, die nie die biblischen Gebote gehört haben. Ihr Gewissen erinnert sie daran, sodass sie ein zutreffendes, wenn auch unvollkommenes Wissen um Gut und Böse haben. Dieses Wissen macht sie schließlich auch rechenschaftspflichtig gegenüber Gott.
(14 Wenn Heiden, die das Gesetz nicht haben, von Natur aus das tun, was im Gesetz gefordert ist, so sind sie, die das Gesetz nicht haben, sich selbst Gesetz. 15 Sie zeigen damit, dass ihnen die Forderung des Gesetzes ins Herz geschrieben ist; ihr Gewissen legt Zeugnis davon ab, ihre Gedanken klagen sich gegenseitig an und verteidigen sich -)
Soviel zu diesem Punkt. Ich hoffe, es ist wiederum sichtbar geworden, von welcher Bedeutung WA sind, die die Existenz universaler ethischer Normen leugnen. Sie sind heute in großem Schwange, und sie gefährden unsere gesellschaftliche Existenz.
D.
Ein weiterer moderner weltanschaulicher Gemeinplatz heißt: „Der Kosmos ist das Produkt blinden Zufalls“. Oder, wie es einmal im ORF-Universum hieß: „Der Einfallsreichtum der Evolution ist schier grenzenlos.“
Ist das nicht eigenartig? Angesichts der Vielfalt, der Schönheit, der Farbenpracht, der Präzision, der Perfektion der Natur verfällt man auf dieses Wort: Einfallsreichtum! Aber natürlich hält man eisern daran fest, dass hinter der Natur niemand steht, der sich die Dinge eben hat einfallen lassen, sondern einfallsreich ist ein blinder, ungesteuerter, zufälliger, nach spröden Naturgesetzen ablaufender biochemischer Prozess. Merkt man den Widerspruch nicht?
Oder ein paar andere, ähnliche Sprüche: „“The Cosmos is all that is, or ever was, or ever will be…” (Carl Sagan, ein durch die Fernsehserie The Cosmos berühmter Astronom), oder: “Biology is the study of complicated things that give the appearance of having been designed for a purpose” (Richard Dawkins), in “The Blind watchmaker”. Richard Dawkins ist übrigens zurzeit in aller Munde durch seinen Bestseller “The God Delusion”, dt. „Der Gotteswahn“.

Was eigentlich verblüffen muss, ist die Tatsache, dass solche umfassenden WA, wie sie hier zum Ausdruck kommen, als bloße Naturwissenschaft ausgegeben werden. Wie kommt ein Astronom dazu, zu behaupten, der Kosmos sei alles, was ist, war, oder je sein wird? Wieder: woher weiß er das? Woher meint er, das zu wissen? Oder: warum sind sich andere so sicher, dass alle Schönheit, alle Raffinesse, alle Funktionalität, alle Harmonie, alle Feinabstimmung in der Natur nur scheinbar auf Design zurückgehen?
Man muss sicher aufpassen, dass man den Urhebern dieser Aussagen nicht weiterreichende Schlussfolgerungen zuschreibt als sie selbst sie gezogen haben. Aber es ist bestimmt so, dass man zuweilen die Tragweite der eigenen Gedanken und Behauptungen nicht wirklich erfasst oder nicht wahrhaben will. Manche logische Konsequenz möchte man dann doch nicht ziehen, vor manchen Schlussfolgerungen schreckt man selbst zurück. Aber andere teilen diese vorsichtige Zurückhaltung nicht und ziehen die Gedankenlinien unerbittlich bis zu ihrem logischen Ende aus.
Was wären aber solche berechtigten Schlussfolgerungen aus diesen Behauptungen, dass die ganze Welt Zufallsprodukt, dass der Kosmos alles ist, was existiert?
Zunächst wird die Beantwortung der Sinnfrage äußerst schwierig. Wenn hinter der Existenz der Welt und meiner eigenen keinerlei Plan, Absicht, oder Zweck steckt, wofür bin ich dann eigentlich da? Welchen Sinn, welche Bestimmung hat mein Leben? Eine rein evolutionistische, naturalistische WA bietet keinerlei Basis für eine Antwort. Dabei weisen Persönlichkeiten wie Viktor Frankl auf die Unverzichtbarkeit der Beantwortung der Sinnfrage für den Menschen hin – es macht schlicht krank, wenn man im eigenen Tun und Existieren keinen Sinn erkennen kann.
Weiters gerät man mit einer solchen WA schnell in einen ethischen Begründungsnotstand. Wenn alles zufällig da ist, zu keinem bestimmten Zweck, mit keiner konkreten Zielbestimmung, wieso sollte man sich dann moralisch verhalten? Wer will mir vorschreiben, dass ich mich auf eine bestimmte Art und Weise verhalten soll? Wieso sollte ich zu einem anständigen, freundlichen, hilfsbereiten, guten Menschen werden? Was ist, wenn mich das an meiner Selbstentfaltung hindert, an meinem Durchsetzungsvermögen?
Man hat schon lange festgestellt, dass hinter dem nationalsozialistischen Weltbild eine sozialdarwinistische Geschichtsauffassung stand. Nicht nur im Tierreich, auch unter den Völkern sah man das Gesetz des „survival of the fittest“ regieren. Fressen oder gefressen werden, nach dieser Devise verfuhr man mit den deutschen Nachbarvölkern. Und wieso auch nicht, wenn die Evolution wirklich so unerbittlich abläuft, wenn der einzige mögliche Zweck des Ganzen eine Höherentwicklung der Gattung ist, wenn keine höhere Macht die Geschichte ihrem Ziel entgegenführt.
Eine radikale Schlussfolgerung aus der evolutionistischen, naturalistischen WA zieht der australische Ethiker Peter Singer, Sohn aus Wien emigrierter jüdischer Eltern, heute Professor für Bioethik an der Princeton University.
Er stellt die These auf, dass die Zugehörigkeit zu einer Spezies bei der Frage nach moralischem Unrecht keine Relevanz besitze. Der Mensch müsse Abschied nehmen vom Speziesismus, der Einbildung, der Mensch sei eine privilegierte, besonders schützenswerte, von der übrigen Tierwelt qualitativ geschiedene Art. Er folgert daraus beispielsweise, dass in einer modernen Gesellschaft Vegetarismus die einzig moralisch vertretbare Lebensweise sein kann. Es ist schlimmer, erwachsene Tiere mit hohem Bewusstseinsstand zu töten als menschliche Säuglinge mit ihrer geringer ausgebildeten Fähigkeit zu Schmerz und Glück, die Voraussetzungen für ethisch relevante Interessen.
Belassen wir es dabei. Ich denke, wir können die Tragweite evolutionistischer, naturalistischer WA einigermaßen erahnen, und auch jene der vorher beschriebenen Weltdeutungen. Gerade im Bereich von Ethik und Moral haben sie – im Wortsinn – ungeheure Implikationen. Umso bedenklicher muss es uns stimmen, wie populär diese Ansichten sind und wie häufig sie unreflektiert in den Medien transportiert werden. Oft genug werden sie weder offengelegt noch kritisch beleuchtet. Umso wichtiger ist es, dass wir das tun, als christlicher Ritterorden. Ich denke, es ist vom Orden in den letzten Jahren in dieser Hinsicht Vieles geleistet worden.
Aber es ist nicht nur nötig, WA kritisch zu analysieren und zu „hinterfragen“, sondern ihnen positiv eine echte Alternative entgegenzusetzen. Niemand kann nur aus der Negation Kraft und Orientierung für die Zukunft beziehen. Wir Menschen brauchen positive Leitbilder, Orientierungspunkte, Zukunftsaussichten.
II.
Daher möchte ich abschließend über die Notwendigkeit sprechen, eine konsequent christliche WA zu entwickeln und den irreführenden WA entgegenzusetzen. Freilich kann ich in diesem Rahmen nur andeuten, was eine solche biblisch-christliche WA beinhalten müsste.
A.
Dabei gehe ich von 2 Thesen aus, die ich nicht im Detail entwickeln kann, aber für sehr wichtig halte.
1. Eine christliche WA versteht sich nicht von selbst.
2. Der christliche Glaube impliziert notwendigerweise eine bestimmte WA bzw. Weltsicht, zumindest in ihren Grundzügen.
Ad 1. Eine christliche WA versteht sich nicht von selbst.
Nach der Lehre der Hl. Schrift sind wir Menschen Sünder; und im Tiefsten bedeutet das nicht, dass wir einzelne Sünden begehen, sondern dass wir die ursprüngliche, ungetrübte Gottesbeziehung verlassen und verloren haben, dass wir von Gott abgesondert sind, dass wir Vergebung und Erlösung brauchen, dass die Gottesgemeinschaft wiederhergestellt werden muss.
Die „Sonderung“ von Gott wirkt sich auf unser ganzes menschliches Dasein aus, sowohl auf unsere Taten als auch auf unser Denken! Die Sünde bewirkt nicht nur eine unausweichlichen Zug zur bösen Tat, sondern auch einen unausweichlichen Zug zum verkehrten Denken. Wir neigen dazu, in falscher Weise von Gott, von uns selbst, von den Mitmenschen, von der Schöpfung zu denken. Wir beurteilen und verstehen die Dinge falsch. Das hat verschiedene Aspekte und Gründe; häufig wollen wir bestimmte Dinge nicht wahrhaben, weil sie uns unangenehm sind, uns beschämen, uns in Frage stellen, schmerzhafte Eingeständnisse und Veränderungen nötig machen würden…
Unsere Erkenntnis ist oft interessengeleitet, dadurch selektiv und verzerrt. Die HS sieht einen engen Zusammenhang zwischen Sünde im Denken und im Tun. Falsches, nicht dem Willen Gottes entsprechendes Denken zieht falsches Tun nach sich; und weil man am falschen Tun festhalten will, deshalb rationalisiert man sein Handeln mit verdrehtem Denken.
Aus all diesen Gründen braucht ein Mensch, wenn er Christ wird, nicht nur Vergebung seiner Schuld und eine Neuordnung seiner Prioritäten, sondern auch eine Erneuerung des Denkens. Er muss lernen, christlich zu denken, biblisch zu denken, alle Dinge im Lichte Gottes und des Evangeliums zu betrachten: das heißt, eine durch und durch christliche WA zu entwickeln. Und das ist ein bewusster Lernprozess, Denkarbeit, getragen von Gebet, Studium der Bibel, Wissbegierde, Wahrheitsliebe. Es ist alles andere als selbstverständlich, ganz christlich zu denken.
Ad 2. Der christliche Glaube impliziert notwendigerweise eine bestimmte WA
Hier muss ich gleich zu Beginn eine Klarstellung vornehmen: ich meine damit keine geistige „Gleichschaltung“. Weder plädiere ich für christliche Denkvorschriften noch für eine völlige Uniformität christlichen Denkens. Immerhin sagt der Apostel Paulus in 1Kor 13, dass unser Denken Stückwerk bleibt, solange wir leben, und das bedeutet, dass es nicht die eine vollkommene, ungetrübte christliche Sicht der Wirklichkeit gibt.
Aber in den Grundzügen impliziert der christliche Glaube doch eine bestimmte WA. Wenn z.B. der biblische Schöpfungsbericht sagt, dass Gott den Kosmos und den Menschen nach seinem Plan erdacht und ins Leben gerufen hat, dann kann ein Christ keine materialistische, naturalistische Philosophie vertreten, wo alles auf ausschließlich innerweltliche Ursachen und Naturgesetze zurückgeführt wird. Er weiß um eine geistige und geistliche Dimension, die den Kompetenzbereich der Naturwissenschaften übersteigen.
B.
Was sind aber nun wesentliche, unverzichtbare Elemente einer solchen christlichen WA?
Nur ein paar Anmerkungen zu drei zentralen Bereiche jeder WA:
1. Anthropologie: Eine chr. WA erkennt den Menschen in seiner Einmaligkeit als gewolltes, geliebtes Geschöpf eines persönlichen Gottes. Sie weiß um die Sünde und Erlösungsbedürftigkeit des Menschen; sie weiß, dass er zu Großartigem und Grausamem fähig ist, dass er nicht von Natur aus gut ist. Sie geht von der persönlichen Verantwortlichkeit jedes Menschen für sein Denken und seine Taten aus und lehnt es ab, in erster Linie gesellschaftliche Umstände für böse Taten verantwortlich zu machen. Sie vertritt das Prinzip der persönlichen, individuellen Verantwortlichkeit des Menschen letztlich nicht vor sich selbst, sondern vor Gott. Im Wissen um Gottes Gnade nagelt sie keinen Menschen auf begangenes Unrecht fest, sondern gewährt ihm Reue, Umkehr und einen Neuanfang. Sie weiß schließlich, dass der Mensch nicht sich selbst genug ist, sondern angelegt und angewiesen ist auf die Gemeinschaft mit Gott, der Quelle und dem Ziel seines Lebens.
2. Kosmologie und Geschichtsverständnis: Für eine christliche WA steht Gott am Anfang und am Ende aller Geschichte, gemäß den Worten aus der Johannesoffenbarung (22,13): Ich bin das Alpha und das Omega, der Erste und der Letzte, der Anfang und das Ende. Die Schöpfung hat ihren Ursprung in Gott, und der wiederkehrende Christus steht am Ende der Geschichte dieses Universums. Daher vertritt eine christliche WA ein lineares, kein zyklisches Geschichtsbild; am Ende steht die Erfüllung aller menschlichen Sehnsüchte in der seligen Gottesschau für alle Gläubigen und die Vernichtung alles Bösen. Eine christliche WA ist erfüllt von Zukunftshoffnung, sie weiß darum, dass Gott alles zu seinem guten Ende führen wird. Paul Gerhardt hat es in seinem Lied „Befiehl du deine Wege“ unvergleichlich ausgedrückt:
Auf, auf, gib deinem Schmerze
Und Sorgen gute Nacht!
Lass fahren, was dein Herze
Betrübt und traurig macht!
Bist du doch nicht Regente
Der alles führen soll;
Gott sitzt im Regimente
Und führet alles wohl.
3. Ethik: eine christliche WA schließt moralischen Relativismus aus; es gibt für sie absolute, objektive, universale Güter, Grenzen, Normen, und Gebote. Zu den unverhandelbaren Gütern gehören menschliches Leben, Würde, und Freiheit. Diese werden durch unverhandelbare Gebote und Verbote geschützt. Die Rechtsordnung hat diese universale göttliche Ordnung aufzunehmen und widerzuspiegeln.
Aber ich möchte nicht auf dieser strengen Note enden. Denn im christlichen Glauben geht es nicht nur um Wahrheit, um eine richtige biblisch-christliche Sicht der Welt. Sondern noch mehr geht es um die Liebe. Christen sind gefordert, die Wahrheit in Liebe festzuhalten und in der Wahrheit und in der Liebe zu leben. Die Liebe verbietet solche Haltungen wie Überheblichkeit, Eingebildetheit, Zynismus, Selbstgerechtigkeit, und Unbarmherzigkeit. Um in unserer schwierigen Zeit einer christlichen WA und christlichen Ethik wider Gehör und Attraktivität zu verschaffen, um sie als echte Alternative zu Skepsis, Unmenschlichkeit, Mut- und Hoffnungslosigkeit zu präsentieren, braucht es, wie Paulus sagt, den Glauben, der in der Liebe tätig ist. Ich schließe mit dem Vers Eph 4,15: Wir wollen uns, von der Liebe geleitet, an die Wahrheit halten und in allem wachsen, bis wir ihn, Christus, erreicht haben.
© Kurt Igler 2008 http://kurtigler.blogspot.de/2011/02/alle-haben-eine-wenige-reden-daruber.html

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