Der alles durchdringende Einfluss des Kreuzes Teil 2

Das Kreuz und die Heiligkeit
(Gal 5,24) „Die aber dem Christus Jesus angehören, haben das Fleisch samt den Leidenschaften und Begierden gekreuzigt.“ Es ist unabdingbar, diesen Text (wie überhaupt jeden Text) in seinem Kontext zu betrachten. Paulus beschäftigt sich in Galater 5 mit der Bedeutung der moralischen Freiheit. Sie bestehe, so erklärt er, nicht in Zügellosigkeit, sondern in Selbstbeherrschung, nicht darin, dass wir uns selbst dienen, sondern dass wir einander in Liebe dienen (V. 13). Hinter dieser Alternative steht ein Konflikt, dessen sich alle Christen bewusst sind. Die Protagonisten nennt der Apostel „Fleisch“ (unsere gefallene Natur, mit der wir geboren sind) und „Geist“ (den Heiligen Geist selbst, der in uns Wohnung nimmt, wenn wir wiedergeboren werden). In den Versen 16-17 beschreibt erden Kampf zwischen den beiden, weil die Wünsche des Fleisches und des Geistes einander widersprechen. Die Werke des Fleisches (V. 19-21) sind sexuelle Unmoral, religiöser Abfall (Götzendienst und Zauberei), sozialer Zusammenbruch(Hass, Zwietracht, Eifersucht, Jähzorn, Selbstsucht und Spaltungen) und ungezügelte körperliche Begierden (Trunkenheit und Orgien). Die Frucht des Geistes (V. 22-23) dagegen, die Gnadengaben, die er in den Menschen reifen lässt, die er erfüllt, sind Liebe, Freude und Frieden (besonders in Bezug auf Gott), Geduld, Freundlichkeit und Güte (in der Beziehung zueinander) und Treue, Sanftmut und Selbstbeherrschung (inder Beziehung zu uns selbst).Wie aber können wir dafür sorgen, dass die Wünsche des Geistes sich gegen die Begierden des Fleisches durchsetzen? Paulus erwidert, dies hänge von der Haltung ab, die wir zu ihnen einnehmen. Vers 24 zufolge sollen wir das Fleisch mit seinen bösen Leidenschaften und Begierden „kreuzigen“. Nach Vers 25 sollen wir durch den Geist „leben “und „wandeln“. Mein Schwerpunkt in diesem Kapitel ist Vers 24, weil darin gesagt wird, dass diejenigen, die zu Christus gehören, ihr Fleisch oder ihre sündige Natur „gekreuzigt“ haben. Das ist eine verblüffende Metapher. Denn die Kreuzigung war eine grauenhafte, brutale Form der Hinrichtung. Doch sie illustriert anschaulich, welche Haltung wir zu unserer gefallenen Natur einnehmen sollen. Wir sollen sie nicht verhätscheln oder an uns drücken, sie nicht verzärteln oder verwöhnen, sie nicht ermutigen oder auch nur tolerieren. Stattdessen sollen wir sie mit rücksichtsloser Härte zurückweisen, zusammen mit ihren Begierden. Paulus führt hier die Lehre Jesu näher aus, wonach wir das „Kreuz auf uns nehmen“ und ihm nachfolgen sollen. Er sagt uns, was passiert, wenn wir die Hinrichtungsstätte erreichen: Die wirkliche Kreuzigung findet statt. Luther schreibt, dass Christi Leute ihr Fleisch ans Kreuz nageln, „sodass, auch wenn das Fleisch noch lebendig ist, es doch nicht vollbringen kann, was es tun möchte, insofern es an Händen und Füßen gebunden und am Kreuz festgenagelt ist“. Und wenn wir nicht bereit sind, uns selbst auf diese entschiedene Weise zu kreuzigen, werden wir bald feststellen, dass wir stattdessen „den Sohn Gottes wieder kreuzigen“. Der Kern des Abfalls ist der „Wechsel von der Seite des Gekreuzigten auf die Seite derer, die ihn kreuzigen.“ Die Kreuzigungen in Galater 2,20 und 5,24 beziehen sich auf zwei ganz unterschiedliche Dinge, … Der erste Vers sagt, dass wir mit Christus gekreuzigt sind (das ist an uns geschehen infolge unserer Vereinigung mit  »Wie aber können wir dafür sorgen, dass die Wünsche des Geistes sich gegen die Begierden des Fleisches durchsetzen?« Christus); der zweite, dass die Menschen Christi selbst Maßnahmen ergriffen haben, um ihre alte Natur zu kreuzigen. Der erste spricht von unserer Freiheit von der Verdammnis des Gesetzes, indem wir Anteil an Christi Kreuzigung haben; der zweite von unserer Freiheit von der Macht des Fleisches, indem wir für dessen Kreuzigung sorgen. Diese beiden, nämlich mit Christus gekreuzigt zu sein (passiv) und das Fleisch gekreuzigt zu haben (aktiv), dürfen nicht miteinander verwechselt werden.
Das Kreuz und das Rühmen (Gal 6,14)
„Mir aber sei es fern, mich zu rühmen als nur des Kreuzes unseres Herrn Jesus Christus, durch das mir die Welt gekreuzigt ist und ich der Welt.“
Es gibt in der deutschen Sprache keine exakte Entsprechung zu kauchaomai. Es bedeutet sich einer Sache rühmen, sich in etwas „sonnen“, auf etwas vertrauen, über etwas jubeln, sich an etwas weiden, für etwas leben. Der Gegenstand unseres Rühmens oder unserer „Selbstverherrlichung“ füllt unseren Horizont aus, fesselt unsere Aufmerksamkeit   und nimmt unsere Zeit und Kraft in Anspruch. Mit einem Wort, unsere „Herrlichkeit“ ist unsere Obsession. Manche Leute sind besessen von sich selbst und ihrem Geld, ihrem Ruhm oder ihrer Macht; die falschen Lehrer in Galatien waren Triumphalisten, besessen von der Zahl ihrer Bekehrten (V. 13) – doch die Obsession des Paulus war Christus und sein Kreuz. Was ein normaler römischer Bürger als ein Objekt der Scham, der Schande, ja des Ekels betrachtete, war für Paulus sein Stolz, sein Ruhm und seine Herrlichkeit. Überdies können wir das nicht als eine paulinische Marotte abtun. Denn wie wir gesehen haben, stand das Kreuz im Mittelpunkt des Denkens Christi und hatte im Glauben der Kirche stets eine zentrale Stellung inne. Sich des Kreuzes zu rühmen heißt erstens, es als den Weg zur Annahme bei Gott zu sehen. Die wichtigste aller Fragen ist, wie wir als verlorene und schuldige Sünder vor einem gerechten und heiligen Gott stehen können. Um diese Frage laut und deutlich zu beantworten, schrieb Paulus im leidenschaftlichen Eifer seiner Kontroverse mit den Judaisierern seinen Brief an die Galater nieder. Wie sie vertrauen auch manche Menschen heute noch  auf ihre eigenen Verdienste. Doch möge Gott verhüten, dass wir uns einer anderen Sache rühmen als des Kreuzes. Das Kreuz schließt jede andere Art des Rühmens aus (Röm 3,27). Sich des Kreuzes rühmen heißt zweitens, es als das Muster unserer Selbstverleugnung zu sehen. Obwohl Paulus nur von einem Kreuz schreibt (dem Kreuz „unseres Herrn Jesus Christus“), bezieht er sich auf zwei Kreuzigungen, eigentlich sogar drei. An demselben Kreuz, an dem unser Herr Jesus Christus selbst gekreuzigt wurde, ist auch „mir die Welt gekreuzigt und ich der Welt“. Die solchermaßen gekreuzigte (zurückgewiesene) Welt bedeutet natürlich nicht die Menschen der Welt (die wir ja lieben und denen wir dienen sollen), sondern die Werte der Welt, ihren gottlosen Materialismus, ihre Eitelkeit und Heuchelei (denn die, so wird uns gesagt, sollen wir nicht lieben, sondern von uns weisen). Das „Fleisch“ ist bereits gekreuzigt worden (5,24); nun gesellt sich die „Welt“ am Kreuz zu ihm. Wir sollten die beiden vorrangigen Kreuzigungen aus 6,14 – Christi und unsere – immer im Zusammenhang miteinander sehen. Denn sie sind nicht zwei, sondern eine. Nur der Anblick des Kreuzes Christi ist es, der uns bereit, ja begierig macht, unser Kreuz auf uns zu nehmen. Erst dann werden wir in der Lage sein, aufrichtig die Worte des Paulus nachzusprechen, dass wir uns keiner anderen Sache rühmen als des Kreuzes.
Vielleicht ist es hilfreich, sie zum Schluss noch einmal umzusortieren und in eine theologische Reihenfolge und Gruppierung zu bringen statt einer chronologischen, um uns noch klarer die zentrale Rolle und Allgegenwart des Kreuzes in jeder Sphäre des christlichen Lebens vor Augen zu stellen. Erstens ist das Kreuz der Grund unserer Rechtfertigung. Christus hat uns aus der gegenwärtigen bösen Welt gerettet (1,4) und uns von dem Fluch des Gesetzes erlöst (3,13). Er hat uns aus dieser doppelten Versklavung befreit, damit wir freimütig vor Gott stehen können als seine Söhne und Töchter, für gerecht erklärt und bewohnt von seinem Geist.
»Nur der Anblick des Kreuzes Christi ist es, der uns bereit, ja begierig macht, unser Kreuz auf uns zu nehmen. «
Zweitens ist das Kreuz das Mittel unserer Heiligung. Hier kommen die drei anderen Kreuzigungen ins Spiel. Wir sind mit Christus gekreuzigt (2,20). Wir haben unsere gefallene Natur gekreuzigt (5,24). Und die Welt ist uns gekreuzigt wie auch wir der Welt (6,14). Das Kreuz bedeutet also mehr als nur die Kreuzigung Jesu; es schließt auch unsere Kreuzigung, die Kreuzigung unseres Fleisches und der Welt mit ein. Drittens ist das Kreuz das Thema unseres Zeugnisses. Wir sollen Christus, den Gekreuzigten, öffentlich vor den Augen der Menschen plakatieren, damit sie sehen und  glauben (3,1). Indem wir das tun, dürfen wir das Evangelium nicht zensieren und den Affront gegen den menschlichen Stolz, der darin enthalten ist, herausnehmen. Nein, was es auch kosten mag, wir predigen das Kreuz (das Verdienst Christi), nicht die Beschneidung (das Verdienst des Menschen); es ist der einzige Heilsweg (5,11; 6,12). Viertens ist das Kreuz der Gegenstand unseres Rühmens. Möge Gott verhüten, dass wir uns irgendeiner andern Sache rühmen (6,14). Paulus‘ ganze Welt drehte sich um das Kreuz. Es füllte sein Blickfeld aus, erleuchtete sein Leben, erwärmte seinen Geist. Er „sonnte“ sich darin. Es bedeutete ihm mehr als alles andere. Dieselbe Perspektive sollten auch wir einnehmen. Wenn das Kreuz für uns nicht in diesen vier Sphären im Mittelpunkt steht, dann verdienen wir es, dass jene schrecklichste aller Bezeichnungen auf uns angewendet wird: „Feinde des Kreuzes Christi“ (Phil 3,18). Ein Feind des Kreuzes sein heißt, dass wir uns seinen Zielen entgegenstellen. Selbstgerechtigkeit üben, statt unsere Rechtfertigung vom Kreuz zu erwarten, Nachgiebigkeit gegen uns selbst zeigen, statt unser Kreuz auf uns zu nehmen und Christus nachzufolgen, Werbung für uns selbst machen, statt Christus als den Gekreuzigten zu predigen, und Selbstverherrlichung betreiben, statt uns des Kreuzes zu rühmen – das sind die Entstellungen, die uns zu „Feinden“ des Kreuzes Christi machen. Paulus dagegen war ein hingebungsvoller Freund des Kreuzes. So eng hatte er sich damit identifiziert, dass er dafür physische Verfolgung erlitt. „Ich trage die Malzeichen Jesu an meinem Leib“ (Gal. 6,17), schrieb er, die Wunden und Narben, die er empfangen hatte, während er Christus als den Gekreuzigten verkündigte, die stigmata [Wundmale], die ihn als authentischen Knecht Christi brandmarkten.
Die stigmata Jesu, wenn nicht körperlich, so für jeden christlichen Jünger und besonders für jeden christlichen Zeugen. Campbell Morgan drückte es treffend aus:
„Es ist der gekreuzigte Mensch, der das Kreuz predigen kann. Sagte doch Thomas: ‚Wenn ich nicht in seinen Händen das Mal der Nägel sehe, … so werde ich nicht glauben.‘
Dr. Parker aus London hat gesagt, was Thomas über Christus sagte, das sagt die Welt über die Gemeinde. Und die Welt sagt auch zu jedem Prediger: Wenn ich nicht in deinen Händen das Mal der Nägel sehe, werde ich nicht glauben. Es ist wahr. Es ist der Mensch, … der mit Christus gestorben ist, … der das Kreuz Christi predigen kann.
Auszug aus dem Buch „Das Kreuz – Zentrum des christlichen Glaubens“ von John Stott TEIL 2

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