Lässt sich die Existenz Gottes beweisen?

Das Verhältnis von Glauben und Vernunft wird häufig im Medium der Frage diskutiert, ob sich die Existenz Gottes beweisen lasse und ob ein derartiger Beweise geeignet wäre, einen Nichtglaubenden zum Glauben zu führen. Zwar haben einige Autoren dies bejaht, der allgemeine Konsens innerhalb der christlichen Theologie scheint jedoch dahin zu gehen, dass Vernunftargumente einzelne Menschen nicht zum Glauben zu bewegen vermögen, Glaubende aber dennoch imstande seien, vernünftige Gründe für ihren Glauben an Gott anzuführen.
Thomas von Aquin hat einen ausgesprochen wichtigen Beitrag zu diesem Diskurs geleistet. Zwar behaupten einige Philosophen, Thomas von Aquin habe die Existenz Gottes beweisen wollen, dies trifft jedoch nicht zu. Ich bin im Besitz einer Ausgabe einer der Standardauflagen von Thomas von Aquins Summa theologiae (vgl. S. 6t). Sie umfasst mehr als viertausend Seiten. Seine Auseinandersetzung mit der Frage, „ob Gott existiert”, umfasst knapp über zwei Seiten. Und im Zuge der Argumentation des Thomas von Aquin begegnet der Ausdruck „Beweise für die Existenz Gottes” nicht. Spätere Autoren haben dies in sein Denken eingetragen. Denn es ist vollkommen klar, dass Thomas von Aquin nicht aufgrund einer der so kurz ausgeführten Überlegungen an Gott glaubte; der wichtigste Grund für den Glauben an Gott ist Gottes Selbstoffenbarung. Er erwartet von seinen Lesern, dass er ihnen den Glauben nicht erst beweisen muss, sondern dass sie ihn mit ihm teilen. Der österreichische Philosoph Ludwig Wittgenstein hat diesen Aspekt in seinen Vermischten Bemerkungen deutlich herausgearbeitet:
„Ein Gottesbeweis sollte eigentlich etwas sein, wodurch man sich von der Existenz Gottes überzeugen kann. Aber ich denke mir, dass die Gläubigen, die solche Beweise lieferten, ihren ‚Glauben‘ mit ihrem Verstand analysieren und begründen wollen, obwohl sie selbst durch solche Beweise nie zum Glauben gekommen wären.“1
Die klassische Stellungnahme zu diesen Fragen, auf die sich die gesamte moderne Diskussion bezieht, findet sich in den Schriften von Anselm von Canterbury und Thomas von Aquin. Während Anselm ausgearbeitet hat, was unter der Bezeichnung „ontologisches Argument” für die Existenz Gottes bekannt geworden ist, entfaltete Thomas von Aquin die „fünf Wege”, die von den Wirkungen der Natur auf ihre Ursache in Gott, dem Schöpfer, schließen. Beide Formen der Argumentation sollen gesondert zur Geltung kommen.
Das ontologische Argument
Das „ontologische Argument” begegnet erstmals in Anselms Proslogion, einem aus dem Jahre 1079 stammenden Werk. (Der Begriff „ontologisch” verweist auf jenen Zweig der Philosophie, der sich mit dem „Sein” beschäftigt.) Anselm selbst bezeichnet seine Ausführungen nicht als „ontologische” Argumentation. Wenn seine Zeitgenossen auf seinen Ansatz hinweisen wollten, bezeichneten sie ihn als ratio Anselmi („Anselms Argumentation”). Tatsächlich weist die von Anselm vorgelegte Argumentation keinerlei ontologische Züge auf; Anselm präsentiert zudem seine Reflexionen an keiner Stelle als „Argumente” für die Existenz Gottes. Beim Proslogion handelt es sich um eine Meditation, nicht um eine logische Argumentation. Im Verlaufe seines Werkes reflektiert Anselm darüber, wie selbstevident die Idee Gottes für ihn geworden sei und welche Implikationen dieser Tatbestand habe.
Anselm beginnt, indem er eine überaus wichtige Definition Gottes anbietet. Gott ist „das, über dem nichts Größeres gedacht werden kann” (aliquid quo nihil maius cogitari possit). Diese Definition, die Anselm (auf dem Hintergrund seines Verständnisses davon, wie Gott ist) als selbstverständlich wahr erscheint, hat wichtige Implikationen. Anselm verleiht diesem Aspekt auf ziemlich verschlungenen Wegen Ausdruck, die ein wenig der Erklärung bedürfen:
„Denn es lässt sich denken, dass es etwas gibt, das als nichtexistierend nicht gedacht werden kann – was größer ist, als was als nichtexistierend gedacht werden kann. Wenn deshalb ‚das, über dem Größeres nichtgedacht werden kann‘, als nichtexistierend gedacht werden kann, so ist eben ‚das, über dem Größeres nicht gedacht werden kann‘, nicht das, über dem Größeres nicht gedacht werden kann; was sich nicht vereinbaren lässt. So wirklich also existiert ‚etwas, über dem Größeres nicht gedacht werden kann‘, dass es als nichtexistierend auch nicht gedacht werden kann. Und das bist Du, Herr, unser Gott … Denn wenn ein Geist etwas Besseres als Dich denken könnte, erhöbe sich das Geschöpf über den Schöpfer und säße über den Schöpfer zu Gericht, was ganz widersinnig ist.“2
Dies ist keine ganz leicht zu verstehende Argumentation, und es mag hilfreich sein, die Argumentation zu vereinfachen, um auf diese Weise den zentralen Punkt herauszuarbeiten.
Gott wird definiert als „das, über dem nichts gedacht werden kann”. Nun ist die Idee eines solchen Wesens eine Sache; die Wirklichkeit ist eine ganz andere. An eine Hundertdollarnote zu denken ist etwas ganz anderes, als eine Hundertdollarnote in der Hand zu haben – natürlich auch weit weniger befriedigend. Anselms Gedanke ist folgender: Die Idee von etwas hat geringeren Wert als dessen Wirklichkeit. Demnach enthält die Idee Gottes als Idee über „etwas, über das hinaus nichts Größeres gedacht werden kann”, einen Widerspruch – denn die Wirklichkeit Gottes wäre der Idee Gottes überlegen. Mit anderen Worten – wenn diese Definition Gottes zutrifft und im menschlichen Geist existiert, dann muss die entsprechende Wirklichkeit ebenfalls existieren.
Dieses „Argument” weist eine offensichtliche logische Schwäche auf (obwohl hervorzuheben ist, dass Anselm es nicht in erster Linie als Argument betrachtet). Sie wurde von Anselms Kritiker Gaunilo deutlich zur Sprache gebracht, der eine unter dem Titel Eine Erwiderung zugunsten der Toren (der Bezugspunkt ist der von Anselm zitierte Vers Psalm 14,1 – „Die Toren sprechen in ihrem Herzen: ‚Es ist kein Gott’„) bekannte Antwort formuliert hat. Man stelle sich, schlug er vor, eine so schöne Insel vor, dass man eine vollkommenere Insel nicht denken könne. Gemäß dieser Argumentation, so Gaunilo, müsse diese Insel existieren, weil die Wirklichkeit der Insel notwendigerweise vollkommener wäre als die bloße Idee. Ähnlich könnten wir sagen, dass die Idee einer Hundertdollarnote – nach Anselm – impliziert, dass wir eine solche Note in unserer Hand halten.
Doch Anselm lässt sich nicht so leicht abtun. Denn ein Aspekt seiner Argumentation lautet ja, dass ein wesentlicher Teil einer Definition Gottes darin bestehe, Gott sei „etwas, über das hinaus nichts Größeres gedacht werden kann”. Gott gehört in eine völlig andere Kategorie als Inseln oder Hundertdollarnoten. Ein Teil des Wesens Gottes besteht darin, dass er alles transzendiert. Wenn der oder die Glaubende erst einmal begriffen hat, was das Wort „Gott” bedeutet, dann existiert Gott für sie bereits wirklich. Dies ist die Intention der Meditation Anselms: darüber zu reflektieren, auf welche Weise das christliche Verständnis des Wesens Gottes den Glauben an die Wirklichkeit Gottes stärkt. Dem „Argument” kommt außerhalb des Kontextes des Glaubens keine wirkliche Überzeugungskraft zu, und Anselm beabsichtigte niemals, es in dieser allgemeinen philosophischen Weise zu verwenden.
Thomas von Aquins „Fünf Wege”
Thomas von Aquin war überzeugt, es sei völlig legitim, Anzeichen für die Existenz Gottes zu benen-nen, die aus der allgemeinen menschlichen Erfahrung der Welt stammten. Welche Art von Anzeichen nannte er? Thomas von Aquins grundlegende Gedankenführung läuft darauf hinaus, dass die Welt Gott – als ihren Schöpfer – widerspiegelt, ein Gedanke, dem er in seiner Lehre von der „analogia entis“ einen stärker formalen Ausdruck verlieh. Wie ein Künstler sein Gemälde signieren mag, um es als Werk seiner Hände zu kennzeichnen, so hat Gott der Schöpfung eine göttliche „Unterschrift” aufge-prägt. Was wir in der Welt wahrnehmen – z.B. die Zeichen ihrer Ordnung -, lässt sich auf der Grundla-ge der Existenz Gottes als ihres Schöpfers erklären. Gott ist zugleich die erste Ursache und ihr Kon-strukteur. Gott brachte die Welt ins Sein und prägte ihr das göttliche Antlitz und die Ebenbildlichkeit auf.
An welcher Stelle aber sollen wir auf die Schöpfung schauen, um den Nachweis für die Existenz Gottes zu finden? Thomas von Aquin ist der Auffassung, die Ordnung der Welt stelle den überzeugendsten Beweis für Gottes Existenz und seine Weisheit dar. Diese grundsätzliche Annahme liegt jedem der „fünf Wege” zugrunde, auch wenn sie im Falle der häufig als Beweis aus der Finalität oder als teleolo-gischer Gottesbeweis bezeichneten Beweisführung von besonderer Bedeutung ist. Wir werden jeden dieser „Wege” gesondert betrachten.
Der erste Weg geht von der Beobachtung aus, dass die Dinge in der Welt in Bewegung oder im Wandel begriffen sind. Die Welt ist nicht statisch, sondern dynamisch. Beispiele lassen sich mit Leichtigkeit finden. Regen fällt vom Himmel. Steine rollen talwärts. Die Erde dreht sich um die Sonne (eine Tho-mas von Aquin übrigens unbekannte Tatsache). Aber wie ist die Natur in Bewegung gekommen? Weshalb ist sie nicht statisch? Thomas von Aquin behauptet, alles, was sich bewege, sei von etwas anderem in Bewegung gesetzt worden. Für jede Bewegung gibt es einen Grund. Die Dinge bewegen sich nicht einfach – sie werden bewegt. Nun muss jede Ursache einer Bewegung wiederum eine Ursa-che haben. Und auch diese Ursache muss eine Ursache haben. Thomas von Aquin geht davon aus, dass hinter der Welt, wie wir sie kennen, eine ganze Kette von Bewegungsursachen steht. Obgleich es eine unendliche Anzahl dieser Ursachen gibt, so Thomas von Aquin, muss ganz am Anfang der Kette eine einzelne Ursache steht. Von diesem originären Ursprung der Bewegung leitet sich letztlich jede Bewegung her. Dabei handelt es sich um den Ursprung der großen Kette der Kausalität, die wir darin erkennen, wie es sich in der Welt verhält. Aus der Tatsache, dass alle Dinge in Bewegung sind, schließt Thomas von Aquin demnach auf die Existenz einer einzigen ursprünglichen Ursache all die-ser Bewegung – und diese, so folgert er, ist nichts anderes als Gott.
Der zweite Weg geht von der Idee der Verursachung aus. Anders gesagt, Thomas von Aquin nimmt die Existenz von Ursachen und Wirkungen in der Welt wahr. Ein Ereignis (die Wirkung) wird durch den Einfluss eines anderen (der Ursache) erklärt. Die Idee der Bewegung, die wir oben kurz betrachtet haben, stellt ein gutes Beispiel für diese Folge von Ursache und Wirkung dar. Mit Hilfe einer der oben verwendeten ähnlichen Argumentationslinie behauptet Thomas von Aquin, alle Wirkungen ließen sich auf eine einzige Ursache – auf Gott – zurückführen.
Der dritte Weg betrifft die Existenz kontingenter Wesen.
Mit anderen Worten: Auf der Welt gibt es Wesen (etwa die Menschen), die nicht notwendigerweise existieren. Thomas von Aquin stellt diese Art von Wesen einem notwendigerweise existierenden Wesen gegenüber (dessen Sein notwendig ist). Während Gott ein notwendigerweise existierendes Wesen sei, so Thomas von Aquin, handele es sich bei den Menschen um kontingente Wesen. Die Tatsache, dass wir existieren, bedarf der Erklärung. Warum sind wir hier? Was brachte uns ins Sein? Thomas von Aquin behauptet, ein Wesen existiere, weil ein bereits existierendes Wesen es ins Sein gerufen habe. Anders gesagt, unsere Existenz wird von einem anderen Wesen verursacht. Wir verkörpern die Wirkung einer Kette der Verursachung. Indem er diese Kette bis zu ihrem Ursprung verfolgt, kann Thomas von Aquin erklären, diese ursprüngliche Ursache des Seins könne nur jemand sein, dessen Existenz notwendig sei – also Gott.
Der vierte Weg nimmt seinen Ausgangspunkt bei menschlichen Werten wie Wahrheit, Güte und Edelmut.
Woher kommen diese Werte? Was verursacht sie? Thomas von Aquin behauptet, es müsse etwas geben, was in sich selbst wahr, gut und edel sei, und dies bringe unsere Idee des Wahren, Guten und Edlen hervor. Der Ursprung dieser Ideen, so Thomas von Aquin, ist Gott, der ihre ursprüngliche Ursache darstellt.
Beim fünften und letzten Weg handelt es sich um die „teleologische Argumentation” selbst.
Thomas von Aquin stellt fest, die Welt weise offenkundige Spuren einer intelligenten Konstruktion auf. Natürliche Prozesse und Objekte scheinen an bestimmte klare Ziele gekoppelt zu sein. Sie scheinen einen Zweck zu haben. Sie scheinen konstruiert worden zu sein. Doch Dinge konstruieren sich nicht selbst. Sie werden verursacht und von jemandem oder etwas anderem konstruiert. Auf der Grundlage dieser Beobachtung kommt Thomas von Aquin zu dem Schluss, als Quelle dieser natürlichen Ordnung müsse Gott angenommen werden.
Es scheint offenkundig, dass die meisten von Thomas‘ Argumenten einander sehr ähneln. Jedes beruht darauf, dass eine kausale Sequenz auf ihren einzelnen Ursprung zurückgeführt und dieser mit Gott identifiziert wird. Die mittelalterlichen Kritiker des Thomas von Aquin, darunter Duns Scotus und William von Ockham, haben zahlreiche kritische Anfragen an seine „fünf Wege“ gestellt. Folgende sind besonders wichtig:
1. Weshalb ist der Gedanke einer unendlichen Rückwärtsverfolgung von Ursachen unmöglich? Die Argumentation mit Blick auf die Bewegung überzeugt z.B. nur, wenn man zeigen kann, dass die Folge von Ursache und Wirkung irgendwo an ihr Ende gelangt. Es muss, Thomas von Aquin zufolge, einen ersten unbewegten Beweger geben. Doch den Beweis dafür liefert er nicht.
2. Weshalb führen diese Argumente zu dem Glauben an lediglich einen Gott? Die Argumentation mit Blick auf die Bewegung z.B. könnte zu dem Glauben an zahlreiche erste unbewegte Beweger führen. Es scheint keinen Grund zu geben, darauf zu beharren, es könne nur eine solche Ursache geben.
3. Diese Argumente beweisen nicht, dass Gott weiterexistiert. Gott könnte, nachdem er die Dinge angestoßen hat, zu existieren aufgehört haben. Die weitere Existenz von Ereignissen beweist nicht notwendigerweise die Fortexistenz ihres Verursachers. Thomas von Aquins Argumente, behauptete Ockham, könnten zu dem Glauben führen, Gott habe einst existiert, existiere aber nicht notwendigerweise auch jetzt. Ockham entwickelte eine etwas komplizierte Argumentation, die – insofern sie auf der Idee basierte, dass Gott beständig das Universum erhalte – dieser Schwierigkeit zu entgehen versuchte.
Letztlich führt Thomas von Aquins Argumentation nur teilweise zu der Behauptung, es sei vernünftig, an einen Schöpfer der Welt oder an ein intelligentes Wesen zu glauben, das zur Verursachung von Wirkungen in der Welt fähig sei. Ein Sprung des Glaubens bleibt nach wie vor notwendig. Es bleibt zu zeigen, dass dieser Schöpfer oder dieses intelligente Wesen jener Gott ist, den Christen kennen, anbeten und verehren. Thomas von Aquins Argumente könnten zum Glauben an die Existenz eines Gottes führen, wie ihn sich der griechische Philosoph Aristoteles bevorzugt dachte – an einen unbewegten Beweger, der fern von der Welt und nicht in ihre Verhältnisse verwickelt ist.
1 L. Wittgenstein, Vermischte Bemerkungen, in: ders., Werkausgabe Bd. 8, Frankfurt 1989, S.571.
2 Anselm von Canterbury, Proslogion, hrsg. v. F. S. Schmitt, Stuttgart 1962, S.87.
Aus: Alister E.McGrath: Christian Theology. An Introduction; 1994. Deutsch: Der Weg der christlichen Theologie; München 1997. S.167-172

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