Wie kann man die Religion abweisen?

Aus der geschichtlichen Entwicklung lernen wir, wie die Religion von einer geistigen Funktion zur anderen wandert, um eine Heimat zu finden, und wie sie abgewiesen oder verschlungen wird. So kommt die Religion zur ethischen Funktion und klopft an, überzeugt, daß man sie empfangen wird. Sind nicht das Ethische und das Religiöse am nächsten miteinander verwandt? Wie kann man die Religion abweisen? Und tatsächlich wird die Religion nicht abgewiesen, sondern aufgenommen. Aber man nimmt sie als »arme Verwandte« auf, und um sich ihre Stelle im Reich des Sittlichen zu verdienen, soll sie der Sittlichkeit dienen. Solange sie mithilft, gute Bürger, gute Ehegatten und Kinder, gute Angestellte, Beamte und Soldaten zu schaffen, wird sie geduldet. In dem Augenblick aber, in dem die Religion einen eigenen Anspruch stellt, bringt man sie entweder zum Schweigen oder wirft sie als überflüssig oder gefährlich für die Moral hinaus. Wieder hält die Religion Ausschau nach einer Funktion im Geistesleben, und diesmal wird sie von der Funktion des Erkennens angezogen. Die der Religion eigentümliche Art der Erkenntnis – mythologische Phantasie oder mystische Schau – scheint ihr ein Heimatrecht zu verleihen. Wieder wird die Religion aufgenommen, aber sie muß sich der »reinen Erkenntnis« unterordnen und wird nur für kurze Zeit geduldet. Erstarkt durch den ungeheuren Erfolg der wissenschaftlichen Arbeit, widerruft die »reine Erkenntnis« bald ihre nur mit halbem Herzen vollzogene Aufnahme der Religion und erklärt, die Religion habe mit der Erkenntnis nichts zu schaffen. Wiederum ist die Religion im menschlichen Geistesleben ohne Heimat. Sie sucht nach einer anderen Funktion des Geistes, der sie sich anschließen könnte. Sie findet sie in der ästhetischen Funktion. Warum sollte sie nicht innerhalb der künstlerisch-schöpferischen Produktivität des Menschen einen Platz finden? So fragt sich die Religion durch den Mund der Religionsphilosophen. Und durch den Mund vieler Künstler, toter und lebender, antwortet das Reich der Kunst mit einem begeisterten Ja; die Religion wird nicht nur eingeladen, sich anzuschließen, sie soll darüber hinaus anerkennen, daß die Kunst Religion sei. Aber jetzt ist es die Religion, die zögert. Ist nicht Kunst ein Ausdruck der Begegnung des Künstlers mit dem Seienden, während Religion das Seiende verwandeln will? Und lebt nicht alle Kunst im Bild frei von den Zwängen der alltäglich begegnenden Wirklichkeit? Die Religion entsinnt sich ihrer einstigen Beziehungen zum Reich der Ethik und Erkenntnis, zum Guten und Wahren, und sie widersteht der Versuchung, sich in Kunst aufzulösen.
Aber wohin könnte die Religion sich noch wenden? Das ganze Feld des Geisteslebens ist besetzt, und kein Teilgebiet will der Religion einen angemessenen Platz einräumen. So wendet sich die Religion zu dem, was jede Tätigkeit des Menschen und jede Funktion des Geisteslebens begleitet, zu dem, was man Gefühl nennt. Religion als Gefühl, das scheint ihrem Umherirren ein Ende zu setzen. Und dieses Ende wird von all denjenigen beifällig begrüßt, die nicht wünschen, daß sich die Religion in das Reich der Ethik und der Erkenntnis einmischt. Ist erst die Religion in das Reich des bloßen Gefühls verbannt, dann hört sie auf, dem Denken und Handeln des Menschen gefährlich zu sein. Aber, muß ergänzt werden, sie verliert auch ihren Ernst, ihre Wahrheit und ihren letzten Sinn. In der Atmosphäre der reinen Subjektivität des Gefühls, ohne ein bestimmtes Objekt der Emotion, ohne einen letzten Inhalt geht die Religion zugrunde. Auf die Frage nach der Religion als einer Funktion des menschlichen Geistes ist also auch das keine Antwort.
Die Religion ist sehr oft weiter nichts gewesen als die überflüssige Heiligung irgendwelcher Situationen oder Handlungen, ohne daß diese damit dem Gericht unterworfen oder gewandelt wurden. Die Religion hat die Feudalordnung geweiht und sich selbst in sie einbezogen, ohne sie zu transzendieren. Die Religion hat den Nationalismus geheiligt, ohne ihn zu wandeln. Die Religion hat die Demokratie geheiligt, ohne sie unter das Gericht zu stellen. Die Religion hat den Krieg und die Waffen gesegnet, ohne ihre geistigen Waffen dagegenzustellen. Die Religion hat den Frieden und seine Sicherheit geheiligt, ohne diese Sicherheit durch ihren geistigen Anruf aufzurütteln. Die Religion hat das bürgerliche Ideal von Familie und Eigentum geheiligt, ohne es zu richten, und sie hat Systeme der Ausbeutung des Menschen durch Menschen gutgeheißen, ohne sie zu transzendieren; im Gegenteil, sie hat sie zu ihrem eigenen Vorteil ausgenutzt.
Das erste Wort also, das die Religion zu dem Menschen unserer Zeit zu sprechen hat, muß sie gegen sich selbst sprechen. Es ist das Wort der alten jüdischen Propheten gegen die Priester, Könige und falschen Propheten, die Hüter ihrer nationalen Religion, die verderbte Institutionen und Politik weihten, ohne sie unter das göttliche Gericht zu stellen. Dasselbe richtende Wort muß heute über unsere religiösen Institutionen und über unser politisches Handeln gesprochen werden.
Wird die Religion im gegenwärtigen Augenblick der Geschichte nur dem Lauf der Ereignisse folgen, dem Weg der öffentlichen Meinung, der Richtung, in die diejenigen treiben wollen, die die öffentliche Meinung machen? Wird die Religion dem Kriegsrausch heilige Weihe verleihen, nachdem sie vorher eine selbstgefällige und egoistische Friedensbegeisterung heiliggesprochen hatte? Wird die Religion in unserer Situation unsere Situation transzendieren oder nicht?
Die Religion kann die Menschen unserer Tage nur dann erreichen, wenn ihre Botschaft über die Gegenwart hinausgeht, sie unter ihr Gericht stellt und sie umwandelt. Sonst würde die Religion nur ein Mitläufer im schon Gültigen sein, sie würde nur der öffentlichen Meinung dienen, die in vielen Fällen einen ebensolchen Terror ausübt wie ein Tyrann.
Paul Tillich Die verlorene Dimension. Not und Hoffnung unserer Zeit. Hamburg 1969 S23-32 (Zusammengefasste Zitate)

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