Gibt es einen Gott?

Gibt es einen Gott? Das heißt: Wenn wir einmal die grundlegendsten Naturgesetze gefunden haben und die Geschichte des Universums einigermaßen kennen, haben wir dann damit die letzte Erklärung und das Grundlegendste, die Ursache von allem gefunden? Ist die Materie das Grundlegendste? Oder gibt es vielmehr eine weitergehende Erklärung, weil es einen Gott gibt im Sinne einer allmächtigen körperlosen und guten Person, die das Universum und uns geschaffen hat und erhält; und so geschaffen hat, wie es ist, weil das Universum so besonders gut ist. Das ist die Wahl zwischen zwei klar verständlichen und radikal verschiedenen Weltbildern. Weder die eine noch die andere Antwort ist so offensichtlich wahr, wie es wahr ist, daß die Erde kugelförmig ist. Ich glaube, daß die Existenz Gottes ziemlich offensichtlich ist, aber nicht so offensichtlich wie daß die Erde kugelförmig ist.
Besonders durch René Descartes und Immanuel Kant, mit der sogenannten „Moderne“, ist eine Versessenheit auf absolute Gewißheit aufgekommen, welche die wissenschaftliche und philosophische Untersuchung behindert. Bei der Gottesfrage sieht man das besonders deutlich. Viele reagieren auf das Stichwort „Gottesbeweise“ mit der Aussage: „Die Existenz Gottes kann man nicht beweisen!“ Das Wort „Beweis“ trägt dabei die Vorstellung von etwas, das eine These irgendwie absolut gewiß macht. Das führt in die Irre, weil es überhaupt ganz wenig oder gar nichts gibt, das absolut gewiß ist.
Die Frage ist nicht, ob die Existenz Gottes absolut gewiß ist, sondern ob es Beweise im Sinne von Indizien für oder gegen die Existenz Gottes gibt. Wir müssen danach suchen, ob es Dinge gibt, die am besten durch die Annahme der Existenz oder Nichtexistenz Gottes zu erklären sind. Anders gesagt, wir müssen untersuchen, ob die Welt eher so aussieht, als ob es keinen Gott gibt, oder so, als ob es einen Gott gibt. Mein Ergebnis ist, daß insgesamt die Indizien die Existenz Gottes wesentlich wahrscheinlicher machen als die Nicht-Existenz Gottes. Lassen Sie mich kurz das derzeit in der Philosophie heute wohl am meisten diskutierte Indiz für die Existenz Gottes vorstellen, das ist die Feinabstimmung des Universums.
Die Kosmologie hat etliche Parameter gefunden, die beim Urknall anscheinend genau abgestimmt waren. Wären diese Parameter beim Urknall nur geringfügig anders gewesen, wäre kein stabiles Universum entstanden. Wäre beispielsweise die Expansionsgeschwindigkeit beim Urknall etwas geringer gewesen, wäre das Universum nach relativ kurzer Zeit wieder kollabiert. Wäre sie andererseits etwas größer gewesen, hätten sich keine festen, stabilen Körper gebildet, das Universum wäre bald zerstoben.
Ein anderes Beispiel: Die starke Kernkraft hält die Protonen und Neutronen im Atomkern zusammen. Wäre sie geringfügig geringer, hätten keine Atome außer Wasserstoffatomen entstehen können und damit könnte es keine lebenden Organismen geben. Ferner könnte es keine Sterne mit Kernfusion geben, also auch unsere Sonne nicht.
Dergleichen Beispiele für feinabgestimmte Parameter gibt es etliche mehr. Wären die Umstände beim Urknall nur geringfügig anders gewesen, wäre kein stabiles Universum mit festen Körpern entstanden.
Nun könnte man entgegnen, jede Möglichkeit ist genauso wahrscheinlich wie jede andere. Es ist halt so, wie es ist. Doch die Frage ist, ob es eine gute Erklärung für die Feinabstimmung des Universums gibt. Das heißt, ob es eine Hypothese gibt, welche eine wahrscheinliche Ursache der Feinabstimmung nennt. Die Hypothese müßte Erklärungskraft haben. Etwas ist ein Indiz für eine Hypothese, wenn einerseits die Hypothese das Indiz erwarten läßt und andererseits das Indiz ohne die Hypothese nicht zu erwarten wäre. Die Wahrscheinlichkeit des Indizes unter der Annahme der Hypothese muß also größer sein als die Wahrscheinlichkeit des Indizes ohne die Annahme der Hypothese.
Und so ist es: Die Wahrscheinlichkeit der Feinabstimmung unter der Annahme der Existenz Gottes ist größer als ohne diese Annahme. Einerseits ist die Wahrscheinlichkeit der Feinabstimmung ohne die Existenz Gottes gering, weil es eben eine feine, auf die Entstehung eines stabilen Universums mit festen Körpern ausgerichtete Abstimmung ist. Andererseits ist die Wahrscheinlichkeit der Feinabstimmung unter der Annahme der Existenz Gottes erheblich höher. Der Grund dafür ist, daß Gott guten Grund dafür hätte, Lebewesen mit Körpern zu schaffen. Lebewesen, die mithilfe ihrer Körpers ihre Umwelt wahrnehmen und beeinflussen können. Die gezielt auf andere Lebewesen und auf unbelebte Gegenstände wirken können. Lebewesen, die mit ihren Körpern Handlungen durchführen können, deren Folgen sie voraussagen können. – Deshalb ist die Feinabstimmung des Universums ein Indiz für die Existenz Gottes.
Um die Existenz Gottes gründlich zu untersuchen, muß man alle Indizien untersuchen. Wir müssen fragen, ob die Welt insgesamt so aussieht, ob es einen Gott gibt. Lassen Sie mich die wichtigsten weiteren Indizien im Schnelldurchlauf aufzählen.
Zunächst ist ein mögliches Indiz gegen die Existenz Gottes zu nennen, nämlich das Übel in der Welt. Dies ist eindeutig das stärkste und das einzige ernstzunehmende Argument gegen die Existenz Gottes. Die christliche Antwort darauf ist, daß Gott seine Gründe dafür hat, diese Übel zuzulassen, weil diese Übel einiges Gutes ermöglichen, zum Beispiel das Gut des freien Willens.
Indizien für die Existenz Gottes sind bestimmte gute, wertvolle Dinge in dieser Welt.
1. Das allgemeinste Indiz für die Existenz Gottes ist, daß es überhaupt etwas gibt und nicht vielmehr nichts. Es wäre einfacher, und damit eher zu erwarten, wenn es gar nichts gäbe. Gott andererseits hat Grund, etwas zu erschaffen.
2. Hinzukommt, daß sich in den letzten Jahrzehnten die naturwissenschaftlichen Beweise dafür gehäuft haben, daß unser Universum nicht unendlich ist, sondern einen Anfang hatte. Einen Urknall ohne Ursache anzunehmen, ist aber unvernünftig.
Wenn wir uns dann ansehen, was es in diesem Universum gibt, fällt auf, daß es viele Dinge gibt, die wertvoll sind. Viele Dinge, deren Existenz ohne die Existenz Gottes sehr unwahrscheinlich wäre und die hervorzubringen Gott gewisse Gründe hat.
3. Das Reich der Tiere und Pflanzen ist ein unglaublich komplexes, vielfältiges und schönes System. Das sieht mehr danach aus, als ob Gott es erschaffen hat als ob es keinen Gott gibt.  Wen die Indizien für die Evolutionstheorie überzeugen, der muß nach einer Erklärung für die Entstehung des Lebens und für die Rahmenbedingungen der Evolution suchen.
4. Warum existiert ein Universum, das so ordentlich ist? Warum existiert Materie, die sich nach Naturgesetzen verhält, die noch dazu für uns erkennbar sind, so daß wir mit ihnen das Verhalten materieller Gegenstände vorhersagen können?
5. Warum gibt es Menschen? Warum gibt es Lebewesen, die ein Bewußtsein haben, mit dem sie Gründe abwägen können und Mathematik und Logik erkennen und betreiben können? Wie kommt es, daß wir die Fähigkeit haben, naturwissenschaftliche Experimente zu ersinnen und durchzuführen und dadurch mathematische Formeln prüfen können, mit denen wir das Verhalten der Materie vorhersagen können? Warum gibt es Lebewesen, welche ein Bewußtsein haben, so daß sie damit persönliche Beziehungen mit anderen Personen aufbauen können und Gedanken austauschen können, Versprechen abgeben können, und vieles mehr?  Evolution allein, wenn sie überhaupt funktioniert, hätte eher Apparate ohne Bewußtsein hervorgebracht.
6. Warum hat der Mensch ein moralisches Bewußtsein, ein Gewissen? Warum kann der Mensch Gut und Böse erkennen? Gott hätte ein Interesse daran, solche Lebewesen zu erschaffen, die Evolution hingegen nicht.
7. Es gibt eine beträchtliche Menge von Berichten und Beweisen für Wunder. Insbesondere die Auferstehung Jesu ist historisch gut belegt und stellt ein Indiz für die Existenz Gottes und für die Wahrheit des Christentums dar.
Soweit die Indizien im Schnelldurchlauf. Die gründlichste Darlegung dieser Indizien heute finden Sie in den Büchern des Oxforder Religionsphilosophen Richard Swinburne. Ich empfehle sein auf deutsch erhältliches Buch „Gibt es einen Gott?“.
Diese Liste von Indizien weist darauf hin, daß diese Welt nicht so aussieht, als ob es keinen Gott gäbe. Hinzu kommt, daß viele Menschen mehr oder weniger eindrückliche Gotteserfahrungen hatten. Es scheint ihnen, daß Gott ihnen begegnet ist. So wie wir Zeugenaussagen im allgemeinen einen gewissen Wert zuschreiben, sollten wir dies auch hier tun.
Ich komme zu dem Schluß, daß diese Welt weit eher so aussieht, als ob es einen Gott gibt als daß es keinen Gott gibt. Die Annahme der Existenz Gottes ist weit wahrscheinlicher und damit vernünftiger als der Atheismus.
Redetext „Gibt es einen Gott?“ „Nacht der Philosophie“ Veranstaltung in der Kath. Akademie Daniel von Wachter, Prof. Dr. phil. Dr. theol., Professor für Philosophie an der Internationalen Akademie für Philosophie (an der Pontificia Universidad Católica de Chile) in Santiago de Chile. http://von-wachter.de , epost@von-wachter.de .

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