Leserbrief zum Artikel „Himmel und Hölle“ von Tina Baier, SZ. vom 19.10.2012, Nr. 242, Lokalteil München – Seite R4

Mit Erstaunen las ich Ihren Beitrag über die Lukas-Schule, mit der ich mich auch als Familienvater von inzwischen fünf erwachsenen Kindern verbunden weiß. Gerade die Atmosphäre, die es ermöglicht, evangelisch Gläubige aus verschiedenen Traditionen und Überzeugungen mit einzubeziehen und dabei den respektvollen Umgang auch mit anderen Glaubensrichtungen einzuüben, war für uns Eltern während der Schulzeit unserer Kinder beispielhaft (mit den Paralleljahren zusammengerechnet 27 Lukas-Schuljahre).
Echtes Interesse am Schüler, intensives Bemühen, die Eltern oder Erziehungsberechtigten in die pädagogische Arbeit mit einzubeziehen, eine Orientierung an der bayerischen Verfassung in Verbund mit dem Glaubensspektrum evangelischen Lebens (aller Couleur), all das wird nach meiner Erfahrung in stetem Bemühen weitestgehend vorgelebt und praktiziert. „Ehrfurcht vor Gott“ – nicht vor dem Teufel (!), ohne Druck (!) – zu fördern mag nicht automatisch in allen bayerischen Bildungseinrichtungen eine solche Priorität haben, wie ich es an der Lukas-Schule kennen gelernt habe. Wie kritisch soll eine solche Werteorientierung als wichtiges Rückgrat der Gesellschaft in bester abendländischer Tradition nun in Augenschein genommen werden?
Als Theologe möchte ich zu einer schmerzhaft oberflächlichen und ohne zusammenhängende Kenntnis geäußerten „Fundamentalismus“-Verdächtigung nun etwas anmerken. Ohne einem als bildungsresistent zu identifizierenden – aber oft in karikierender Form wahrgenommenen – Fundamentalismus das Wort zu reden, muss von evangelischer Seite doch festgehalten werden: Fundamentalethische und bekenntnisorientierte Überzeugungen gehören zum Proprium einiger evangelischer „Helden“, besonders in Zeiten der beiden Diktaturen im Deutschland des 20.Jahrhunderts. Einem Pfarrer Brüsewitz müsste unsere deutsche Geschichte größten Respekt zollen, wenn auch wirkliches Verständnis kaum möglich ist. Brüsewitz verbrannte sich 1976 in der damaligen DDR selbst öffentlich. Ich hätte versucht ihn abzuhalten, aber sein Motiv beeindruckt (trotzdem nur entfernt vergleichbar mit dem Schicksal des lutherischen Liederdichters Jochen Klepper, der gegen Ende des Krieges solidarisch mit seiner jüdischen Frau Suizid beging, aus Sorge um deren bevorstehender Deportation): Brüsewitz weigerte sich, seine in der Bibel verankerte Gewissensüberzeugung einfach einem atheistisch geprägten Spitzelstaat und gewissen opportunistischen Kreisen seiner Kirche zu opfern (Anm.: der Suizid selber ist natürlich nicht von der Bibel her zu legitimieren! Aber der Gewissenskonflikt wird hieraus verständlich!) Eine ganz andere Erfahrung, die leichter nachvollziehbar ist, aber auch damals in seiner eigenen Kirche umstritten war – beschritt Pfr. Uwe Holmer, der der Lukas-Schule anlässlich ihres 20. Jubiläums 2009 einen Beitrag brachte. Er schrieb durch seine versöhnende Haltung Geschichte, als er nach schmerzhaften 40 Jahren DDR-Erfahrung als Christ den ehemaligen Staatsratsvorsitzenden der DDR, Erich Honecker und dessen Frau in seine diakonische Einrichtung aufnahm und beide damit vor einer potentiellen Lynchjustiz schützte. Ebenfalls eine fundamentalethische Überzeugung (Stichwort: „Nachfolge“) findet man bekanntermaßen bei Dietrich Bonhoeffer, der sich lieber einem Todesurteil durch die Nazis unterwarf als sein christliches sowie politisches Bekenntnis dem Hitlerstaat zu opfern. Viele Beispiele aus der Geschichte evangelischen Lebens könnten hier aneinander gereiht werden. Aktuell wären Persönlichkeiten zu nennen, die wie der iranische evangelische Pfarrer Yucef Nadarchani, der einem anderen Kulturkreis angehört, bereit sind, mit einer Todesdrohung in ihrer Heimat zu leben, weil sie Christen sind. Das lässt sich nur mit einem eindeutigen Überzeugungsprofil aushalten. Um dieses zu bekommen, darf Glaube niemals aufgezwungen oder eingefordert werden, aber es muss ausreichend auch Information zur Verfügung stehen, die ein authentisches, in unserer modernen Gesellschaft lebbares, Glaubensprofil ermöglicht. Dafür steht die Lukas-Schule. Nicht dass Biografien wie die genannten zum Programm erhoben werden, niemand braucht doch hoffentlich in unserem einzigartigen, geschichtlich so wertvollen rechtsstaatlichen Schutzraum Ängste wegen seiner Überzeugungen zu haben. Aber: sollen die in unserem Gemeinwesen zum Glück vorhandenen Freiheiten, verantwortliche Bürger auszubilden, die wachsam sind, und die den Gefahren von links und rechts nicht so ohne weiteres erliegen, in Frage gestellt werden, nur weil Überzeugungsprofile scheinbar zu einseitig aus dem jüdisch-christlichen Erbe (d.i. vor allem AUCH die Bibel) kommen? Brauchen wir denn eher unkritische, angepasste, geistig unförmige Konsumenten, die sich dann bei potentiellen ethischen Konfliktentscheidungen einfach einer Mainstreammeinung unterwerfen? Die Lukas-Schule meint, dass Verantwortung vor dem Schöpfer auch zur Verantwortung vor der Schöpfung und in der Gesellschaft führt. Damit wird nun gerade nicht einem bildungsfeindlichen Fundamentalismus das Wort geredet. Aber der Fundamentalismusbegriff selbst sollte jetzt enger und klarer definiert werden und nicht automatisch assoziativ-schlagwortmäßig missbraucht werden, was leider in diesem Artikel auch geschehen ist. Dazu noch eine Anmerkung aus meiner Erfahrung: bei aller Überzeugung gehört selbstkritische Reflexion auf jeden Fall mit zum Umgangsrepertoire des Kollegiums, der Verwaltung und der Trägerschaft an der Lukas-Schule. Das trifft sowohl auf pädagogische Qualifikation als auch auf Bildungsinhalte zu. Mancher hat die Lukas-Schule schon wegen dieser Qualität beneidet. Schade wäre, wenn sich Neid als Motiv von Recherchen und Berichterstattungen einschleichen würde. Wegen des hohen Guts einer ehrlichen Selbstdisziplinierung ist das, was an christlicher Überzeugung gelebt und vermittelt wird, aber doch umso authentischer und wird durch die vielen Anfragen auch so wahrgenommen. Ich bin jedenfalls stolz auf meine fünf Kinder, die, auch durch die Lukas-Schule, inzwischen als gehobene bayerische Verwaltungsbeamtin, Diplomingenieur für Geomedientechnik, Architektin, Elektronikerhandwerker und staatlich anerkannte Erzieherin ihre Frau und ihren Mann in der Gesellschaft stehen und allesamt einen persönlich überzeugten,  fröhlich-dankbaren Glauben in reformierter evangelischer Tradition leben. Klaus Giebel