Ein leiser Rebell

Jochen Klepper gilt als einer der bekanntesten Kirchenlied-Dichter des 20. Jahrhunderts. Im Advent 1942 nahmen sich Klepper, seine jüdische Frau Hanni und Tochter Renate das Leben.

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Berlin (epd). Die Familie wollte mit ihrem Suizid niemanden gefährden. Bevor sie vor 70 Jahren, am 11. Dezember 1942, in Berlin aus dem Leben schied, klebte Hanni Klepper einen Zettel für die Haushaltshilfe an die Küchentür: „Vorsicht Gas!“ Zwei Tage zuvor war dem Romanautor und Liederdichter Jochen Klepper beim Gespräch mit Adolf Eichmann endgültig klargeworden, dass es keine Ausreisegenehmigung für seine jüdische Frau Hanni und Tochter Renate geben würde. Das hätte Zwangsscheidung, Deportation und Tod bedeutet.
Am 22. März 1903 kam Jochen Klepper in der niederschlesischen Provinzstadt Beuthen zur Welt. Der Sohn einer deutschnationalen Pfarrerfamilie studierte in Erlangen und dann in Breslau Theologie, musste aber wegen einer schweren Nervenkrise die Universität verlassen. Jahre später wagte er einen neuen Anlauf zum Start ins Berufsleben – als Journalist.
Im Evangelischen Presseverband Breslau war er bald verantwortlich für die kirchliche Rundfunkarbeit. Er führte Regie, gab den gerade erst eingeführten Morgenandachten ihre Form, schrieb für Tageszeitungen und hielt Vorträge. 1931 wechselte er als Redaktionsassistent an das Berliner Funkhaus.
Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten verlor der mit einer jüdischen Frau verheiratete Klepper 1933 seine Anstellung. Er konnte eine untergeordnete Tätigkeit bei einer Rundfunkzeitung des Ullstein-Verlags übernehmen, wurde 1935 aber auch hier entlassen. Seine Frau Hanni hatte keine religiösen Wurzeln im Judentum und ließ sich schließlich taufen. Vor der Verfolgung schützte auch das nicht.
Jochen Klepper verlegte sich nun auf das Schreiben von Romanen. Sein Erstling von 1937, mehr als tausend Seiten stark und auf intensiven Recherchen in Archiven und Schlossbibliotheken beruhend, ließ aufhorchen: „Der Vater. Roman eines Königs.“ Quer zu den gewohnten Klischees zeichnete Klepper ein ganz neues Bild des „Soldatenkönigs“ Friedrich Wilhelm I. von Preußen (1688-1740), der Gott und den Menschen dienen will und seine eigentliche Würde aus Glauben und Demut bezieht.
Kleppers wahre Leidenschaft aber galt den Kirchenliedern. Der hellwache Poet hielt ebenso unverbrüchlich an der Kirche fest, wie er ihr kritisch gegenüberstand. Er fand viele Predigten seicht, und er verübelte den Kirchenleitungen ihren Verrat am Juden Jesus: „Was an den Juden geschieht“, notierte er noch vor der Reichspogromnacht 1938, „ist eine schwere, schwere Glaubensprüfung – für die Christen.“
Im selben Jahr erschien sein erstes Liederbändchen „Kyrie“ mit Texten, die von tiefer Vertrautheit mit der Bibel zeugen. In der protestantischen Frömmigkeit beheimatet, sind sie zugleich aber der Niederschlag sehr persönlicher Glaubenserfahrungen. Aus dem Schmerz geborene Gesänge, die Finsternis und Verzweiflung nicht ausblenden und doch voller Hoffnung sind.
Dass seine Lieder die Gesangbücher eroberten, erlebte Klepper nicht mehr. „Die Nacht ist vorgedrungen“, „Er weckt mich alle Morgen“, „Der du die Zeit in Händen hast“ – längst sind seine Gesänge den Christen aller Bekenntnisse lieb geworden.
1937 wurde der Dichter aus der Reichsschrifttumskammer ausgeschlossen – was einem Berufsverbot gleichkam. Erst nach Intervention angesehener Freunde wurde Klepper unter der Bedingung wieder aufgenommen, künftig sämtliche Manuskripte vor dem Druck begutachten zu lassen. Tochter Brigitte durfte nach England ausreisen, ihre Schwester Renate wollte in der Schweiz unterkommen, aber die dortigen Behörden lehnten das Gesuch ab.
Klepper tritt den schweren Gang zum Reichsinnenminister Wilhelm Frick an, von dem er weiß, dass er seinen Roman über den Soldatenkönig schätzt. Tatsächlich lässt sich der Minister erweichen, Renate dürfe ausreisen, wenn irgendein Land sie aufnehme.
Im Januar 1942 beschließt die Wannsee-Konferenz die systematische Vernichtung der europäischen Juden, die Massendeportationen beginnen. Anfang Dezember kommt aus dem neutralen Schweden endlich die Einreisegenehmigung für Renate.
Doch inzwischen ist Adolf Eichmann, „Judenreferent“ im Reichssicherheitshauptamt, für solche Gnadenakte zuständig, und der hält sich bedeckt: Man werde telefonisch Bescheid geben. Was Jochen Klepper, vermutlich zu Recht, als Ablehnung auffasst – und als Todesurteil für sich, seine Frau und die Tochter. Die Familie nimmt sich selbst das Leben.
http://www.ekd.de/aktuell/85665.html

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