Julie die Magd. Ich habe nur ein Recht gehabt, keines zu haben.

„Ich bin 1894 in Zürich geboren. Meine Mutter hat in einer Gastwirtschaft geputzt, mein Vater war Maurer. Als ich drei Jahre alt war, hat mein Vater meine Mutter im Rausch erschlagen. Weil kein Bauer oder sonst jemand ein so geringes Kind, wie ich es war, aufnehmen wollte, bin ich in ein Heim gekommen. Dort bin ich geblieben, bis ich mit sechzehn Jahren meine erste Stelle als Stallmagd bekommen habe. Ich durfte nicht mit am Tisch sitzen, ich habe nur in der Küche etwas zu essen bekommen und musste Schürzen anziehen, die aus Kartoffelsäcken genäht worden waren. Ich bin ein richtiger Schuhputzlumpen gewesen. Ich habe gemeint, das sei normal, dazu bin ich eben auf der Welt“
Julie Blum, eine arme Magd die im evangelischen Kinderheim Tüllinger Höhe bei Lörrach 13 Jahre ihres Lebens verbrachte und später bei einem Bauer in Weil am Rhein arbeitete, erzählt hier in einfachen Worten ihre Lebensgeschichte.
Manche Leser fühlen sich vielleicht an Anna Wimschneiders „Herbstmilch“ erinnert — aber dieses Buch ist viel direkter, und viel unmittelbarer, und noch viel beeindruckender. Erstmals erschienen ist es 1983, zu Lebzeiten Julie Blums.
Eine alte Frau, die zeit ihres Lebens ausgenützt wurde und der es im Altersheim besser geht denn je, die nichts Spektakuläres beigetragen hat zur Weltgeschichte, die einen aus den verschiedenen Fotos heraus eigensinnig anblinzelt — warum sollte man ihre Erinnerungen lesen? Rhetorische Frage. Man sollte sie lesen, weil Julie Blum etwas zu erzählen hat, aus einer Vergangenheit, die so lange noch nicht vergangen ist. Auch wenn sie nicht lange zur Schule gehen durfte oder, in ihren eigenen Worten: nichts lernen durfte — ihre Beobachtungsgabe ist verblüffend, und das selbständige Denken konnten ihr all die Prügel und Misshandlungen nicht austreiben.
Schon die Entstehungsgeschichte dieses Buches ist bemerkenswert; schließlich hatten nicht viele Bauernmägde die Gelegenheit, sich zu Wort zu melden. Begonnen hat es mit einem Schreibwettbewerb für Senioren, an dem teilzunehmen sie der Leiter ihres Altersheimes ermutigt hat. Man wurde aufmerksam auf das, was sie schrieb, und Birgit Kienzle, eine junge Filmemacherin, nahm den Kontakt auf. Am Ende entstand nicht nur ein Film, sondern auch ein Buch, das einen von der ersten Seite an fesselt: Entstanden ist es offenbar aus verschiedenen Interviews, doch hat die Herausgeberin ihre eigene Person soweit wie möglich herausgehalten und lässt Julie Blum in ihrer eigenen Sprache berichten. Freilich ist der O-Ton von Julie geglättet; das war wohl notwendig, um möglichst viele Leser zu erreichen. Aber Kienzle hat das ganz behutsam gemacht; man hört stets die Bauernmagd sprechen, die nun endlich Gelegenheit dazu bekommt.
Man nimmt teil am Leben des Waisenmädchens Julie, das zur Arbeit angehalten wird, kaum dass es laufen kann. Mit 17 Jahren beginnt ihre Laufbahn als Stallmagd bei verschiedenen Bauern. Manche meinen es gut mit ihr, verhalten sich anständig, aber längst nicht alle. Sie schildert ihre Arbeit, ihr Leben, die mitunter unglaublichen Umstände, unter denen sie hausen muss: Ein eigenes sauberes Zimmer hat sie nur selten, oft darf sie nur ihre Wäsche wechseln, wenn man es ihr erlaubt, und noch andere Ungeheuerlichkeiten. „Ich hätte mich wehren sollen, heute würde ich mir nichts mehr gefallen lassen“, sagt sie am Ende ihres Berichts. Sie beobachtet ihre Arbeitgeber genau, oder besser: Sie durchschaut sie. Die Frommen sind nicht selten die Schlimmsten, und Verlass ist nur auf die Tiere — die erfassen schnell, dass Julie es gut mit ihnen meint, und Julie wiederum wird ja oft selber wie ein Stück Vieh behandelt. Die Misshandlungen und Ungerechtigkeiten haben Julie Blum überhaupt nicht verbittert — das vielleicht ist das Erstaunlichste an diesem Buch. Sie hat ihren Frieden gemacht, und sie hat ihren eigenen verschmitzten Humor entwickelt, der sie schmunzeln lässt bei dem Gedanken, dass sich nun „alle geärgert [haben], die den [Film] gesehen und mich früher schikaniert haben“.
Die Geschichte von Julie der Magd wird ergänzt durch zahlreiche private und öffentliche Dokumente — neben die Fotos der Erzählerin treten Dokumente zur Situation der Landarbeiter in Deutschland, die die Zusammenhänge verstehen helfen. Dass etwa die Landarbeitsordnung von 1919 bis 1969 in Kraft war, spricht Bände.
„Julie die Magd“ ist aber nicht nur ein authentischer Einblick in eine abgeschottete Welt, die man heute so nicht mehr findet (Gott sei Dank!) — es ist vor allem der fesselnde Bericht von einem nur scheinbar unspektakulären Leben, erzählt von einer nur scheinbar unspektakulären Frau.
Schlusswort: Von Julie Blum
Ich muss Gott danken, dass er mir mein Augenlicht und meinen Verstand erhalten hat, obwohl man mich immer für rückständig angesehen hat. Aber wenn man einen Verstand bekommen hat, muss man ihn gebrauchen. Meist gilt der mit dem größten Verstand, der es am besten kann, die anderen zu übervorteilen und ausnützen. Da will ich schon lieber zurückstehen und diesen Vorteil anderen überlassen. Dafür hat man dann den Segen Gottes, wenn man zurückstehen und verzichten kann, und sein gutes Gewissen.
·  Verlag: Rowohlt TB-V., Rnb. (August 1992) Birgit Kienzle (Autor)
·  ISBN-10: 3499151294 ·  ISBN-13: 978-3499151293

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