Bibelkritik und historisch-kritische Methode – ein „starker Glaube“

Die Bibelkritik ist fast so alt wie die Menschheit. Schon im Garten Eden wurden Adam und Eva durch die berühmte Frage des Teufels versucht: „Sollte Gott gesagt haben…?“ Nach dem Sündenfall gehört es zum Wesen des Menschen, sich gegen Gott aufzulehnen, seinem Willen zu widerstehen und seiner Wahrheit zu misstrauen. Seitdem es das geschriebene Wort Gottes gibt, erfährt es Widerspruch, Zweifel und Unglauben. Halten wir also fest: Die innere Haltung der Bibelkritik gehört zum Wesen der Sünde und des Sünders von Anfang an.
Dennoch wurde bis etwa ins 17. Jahrhundert hinein die Bibel allgemein als Gottes Wort akzeptiert. Damit ist nicht gesagt, dass die Mehrheit der Menschen, die damals im Einflussbereich der Bibel lebten, persönlich gläubig war und dem Wort Gottes gehorchte. Dennoch galt die Bibel allgemein als verbindliche und zuverlässige Auskunftsquelle für das Verständnis der Welt und ihrer Geschichte. Die moralischen Maßstäbe der Bibel wurden wenigstens akzeptiert (wenn auch nicht immer persönlich befolgt). Selbst wer sich wissenschaftlich betätigte, wollte nicht im Widerspruch zu dieser Autorität stehen. Aufbruch wohin…? In der kulturgeschichtlichen Epoche der Renaissance, die dem Mittelalter folgte, begann eine Entwicklung, bei der der Mensch sich selbst zunehmend als „Nabel“ der Welt verstand. Nach und nach bildete sich die Meinung heraus, dass nur der eigene Verstand in der Lage sei, die Wahrheit über den Sinn des Lebens, die moralischen Maßstäbe und den richtigen Umgang mit der Welt herauszufinden. Zunehmend wurden Traditionen und alte Autoritäten hinterfragt (nicht nur die Bibel) und neue Wege zur Erforschung der Wirklichkeit gesucht. Auch in der Kunst und Musik schlug sich dieser Aufbruch nieder. Wer die kultur- und geistesgeschichtliche Entwicklung im Überblick verstehen will, sollte dazu die immer noch interessante Untersuchung des christlichen Kulturkritikers Francis Schaeffer lesen: „Wie können wir denn leben?“
Geschichtlich gehört die Reformation (Luthers Thesenanschlag erfolgte im Herbst 1517) ebenfalls in die Zeit der Renaissance. Auch die Reformatoren gingen neue Wege und stellten – allerdings unter Berufung auf die Bibel! – jene menschlichen Traditionen in Frage, die sich im Rahmen der Römisch-Katholischen Kirche etabliert hatten und der Bibel widersprachen. Die Reformation wollte zurück zu den Quellen, aber nicht zu jenen der Antike (das war typisch für die Renaissance), sondern zu den Quellen der Bibel. Humanismus gegen Reformation Während also die Reformation zu einem bewussten Gebrauch des Verstandes und einer kritischen Haltung gegenüber menschlichen Traditionen aufrief, wußte sie zugleich um die Begrenztheit und Fehlbarkeit des menschlichen Denkens. Die Folgen des Sündenfalls wiegen schwer: Nicht nur die moralischen Möglichkeiten des Menschen sind von der Sünde korrumpiert und beschädigt, sondern auch sein Denken, seine Fähigkeit zur Wahrheitserkenntnis (1.Kor.2).
Deshalb gehört zu einem nüchternen Umgang mit der menschlichen Rationalität, dass man sie nicht zur letzten Instanz erhebt, sondern der Autorität der Bibel unterstellt (vgl. 2.Kor 10,5). Diese biblische Nüchternheit fehlte dem klassischen Humanismus, der die Möglichkeiten des Menschen überschätzte und sich anmaßte, „auf eigene Faust“ durch die richtige Anwendung des eigenen Denkens die grundlegenden Wahrheiten ohne göttliche Hilfe selbst herausfinden zu können.
Typisch und wegweisend für diese Geisteshaltung war der französische Philosoph René Descartes (1596-1650). Er machte den methodischen Zweifel zum Ausgangspunkt seines gesamten Denkens. Das einzig Sichere, wovon der Mensch ausgehen könne, sei die Existenz seines Zweifels: „Ich denke (zweifele), also bin ich“, war sein berühmter Leitspruch (Cogito ergo sum). Auf diesem Wege hoffte Descartes zu gesicherten Erkenntnissen über Gott und den Menschen zu gelangen. In tiefer Einsamkeit steht der Mensch so bei sich selbst und kann sich nur noch auf das verlassen, was er aus sich selbst heraus zu wissen meint. Dabei übersah der kritische Descartes, dass sein Vertrauen in die Leistungsfähigkeit des menschlichen Denkens nur ein „Glaube“ war, den er durch nichts beweisen konnte. Als Ergebnis blieb bei ihm nur noch eine blasse Gottesidee übrig. Die gesamte biblische Heilsgeschichte wurde über den Haufen geworfen.
Kant – was ist ein mündiger Mensch?
Aber die anmaßende Haltung, das naive Vertrauen in die menschliche Vernunft – und die damit begründete Ablehnung der biblischen Offenbarung setzten sich geistesgeschichtlich immer stärker durch. Es ist in der Kürze dieses Artikels nicht möglich, die verschiedenen philosophischen Strömungen und Schulen zu beschreiben, die an dieser Entwicklung in England, Frankreich und Deutschland teilgenommen und sie vorangetrieben haben. Ein Meilenstein in der Glaubensgeschichte des Rationalismus muß aber noch genannt werden: Der Königsberger Philosoph Immanuel Kant (1724-1804). Er forderte eine „Aufklärung“, die den Menschen von seiner Unmündigkeit und von fremdbestimmten Vorgaben befreien sollte. Dazu gehörte auch die Befreiung vom Welt- und Menschenbild der Bibel. Kant behauptete eine strikte Trennung von Glauben und Denken. Sachgerechte und wahre Aussagen über den Menschen und die Geschichte könnten nur durch Sinneswahrnehmung und Vernunftgebrauch gewonnen werden. Es sei prinzipiell ausgeschlossen, dass ein Gott auf übernatürlichem Wege (etwa durch die Inspiration eines schriftlichen Dokumentes wie der Bibel) den Menschen zuverlässige Informationen über Natur, Geschichte, Moral oder gar Gott selbst mitteilen könnte.
Ein Zeitgenosse Kants, der Theologe Johann Salomo Semler (1725-1791) wendete diese Denkweise auf die Bibel an: sie dürfe keine überlegene Autorität beanspruchen, sondern sei nur ein religiöses Literaturprodukt unter vielen. Die „heilige Schrift“ ist demnach keine von Gott geschenkte Offenbarung, sondern nur eine Sammlung subjektiver Glaubenserfahrungen. Sie kann also keinen Anspruch auf umfassende Wahrheit und Zuverlässigkeit erheben – und damit auch keine Autorität beanspruchen. Ein weiterer Zeitgenosse Kants, Gotthold Ephraim Lessing (1729- 1781), sprach von einem „garstigen Graben“, der den Bibelleser von den geschichtlichen Aussagen der Bibel (z.B. über die Wunder Jesu und sein Sterben und Auferstehen) trenne. Alle übernatürlichen Aussagen der Bibel seien als „zeitbedingt“ auszuscheiden. Folglich kann Jesus Christus keinen Vorrang etwa gegenüber dem Wahrheitsanspruch des Islam behaupten (so Lessing in „Nathan der Weise“).
Das Glaubensbekenntnis der „historisch-kritischen Methode“
An der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert ist es dann der Theologe Ernst Troeltsch (1865- 1923), der die neue Haltung zur Bibel, die sich seit dem 17. Jahrhundert Schritt für Schritt wie ein Virus ausgebreitet hatte, noch einmal auf den Punkt bringt. In einem berühmten Aufsatz „Über historische und dogmatische Methode in der Theologie“ (1898) formuliert er drei Säulen, auf denen die sogenannte „historisch-kritische Methode“ der Bibelauslegung beruht: Das erste Prinzip der Kritik erklärt den Menschen zur Gerichtsinstanz, vor der sich die Bibel verantworten muss. Das zweite Prinzip der Analogie erklärt Wunder für unmöglich: Es könne auch damals nur das passiert sein, was sich heute in unserer Alltagserfahrung zuträgt. Und schließlich das Prinzip der Korrelation: Jedes Geschehen muss aus einem innerweltlichen Geschehenszusammenhang heraus erklärbar sein. Es kann also nur das als wahr anerkannt werden, was sich unter natürlichen Bedingungen erklären lässt. Mit anderen Worten: Man schließt von vornherein aus, daß ein handelnder Gott aktiv in den Lauf der wirklichen Geschichte eingreift. Bei diesen drei Kriterien (Maßstäben) handelt es sich nicht um objektive Gegebenheiten, sondern um ein philosophisches Glaubensbekenntnis. Mehr noch: um eine Ideologie.
Was dann im 20. Jahrhundert an bibelkritischen Thesen folgte, war weder neu noch wissenschaftlich. Es hatte eine lange philosophische Vorgeschichte. Während die modernen Naturwissenschaften des ausgehenden 20. Jahrhunderts sich längst von dem geschlossenen Weltbild der Aufklärungszeit abgekehrt hatten, schrieb etwa Rudolf Bultmann in den 40er Jahren des 20. Jahrhunderts: „Erledigt sind die Geschichten von der Himmelfahrt Christi … Erledigt ist durch die Kenntnis der Kräfte und Gesetze der Natur der Geister und Dämonenglaube (…) Die Wunder des neuen Testaments sind damit als Wunder erledigt (…) . Es ist eine Ironie der Geschichte, dass Bultmann, der dem „modernen Menschen“ entgegenkommen wollte, sich mit solchen Sätzen als völlig veraltet erwies, selbst im Hinblick auf die weltliche Diskussion in den Naturwissenschaften. Dennoch hat sich diese Denkweise, für die er nur ein Beispiel unter vielen ist, an den deutschen Universitäten auf breiter Front durchsetzen können. Das war keine Frage der Wissenschaft, sondern der Macht. Ergebnis: Entweder…oder
Wer die „historisch-kritische Methode“ (HKM), wie sie in ihren Prinzipien bis heute gelehrt wird, richtig verstehen will, muß also folgende Grundsätze bedenken.
1. Die HKM ist keine neutrale wissenschaftliche Methode, sondern eine Weltanschauung.
2. Diese Weltanschauung widerspricht in ihrem Wesen den Aussagen der Bibel. Sie bestreitet deren Offenbarungscharakter und verneint ihre Autorität.
3. Mit dem Instrument der HKM erhebt der Mensch sich selbst (und das sogenannte „neuzeitliche Wahrheitsbewußtsein“) zum Richter über das Wort Gottes.
4. Die HKM zerstört das Fundament, auf dem rettender Glaube entstehen und wachsen kann. 5. Die Eigendynamik der HKM erlaubt keine „gemäßigte“ Anwendung. Wer ihr den kleinen Finger reicht (so hat Troeltsch richtig gesehen), von dem nimmt sie die ganze Hand. Darum gilt: Keine Kompromisse!
6. Wir müssen grundsätzlich zwischen „historischer“ und „historisch-kritischer“ Bibelauslegung unterscheiden. Wer den Selbstanspruch der Bibel ernst nimmt, Gottes irrtumsloses Wort zu sein, kann durch historische Untersuchungen (z.B. über die religiösen Rahmenbedingungen des Neuen Testaments) zum besseren Verständnis des Textes beitragen. Historische Arbeit stellt den umfassenden Wahrheitsgehalt der biblischen Aussagen nicht in Frage, sondern versucht diese so gut wie möglich zu verstehen. „Historisch-kritische Arbeit“ dagegen bleibt gefangen im Netz ihrer bibelwidrigen Voraussetzungen.
Auch in manchen evangelikalen Kreisen ist ein schleichender Einfluß der historisch-kritischen Denkweise zu beobachten. Dem gilt es zu widerstehen. Wer auf dem schwierigen Feld der theologischen Arbeit bestehen will, muß seinen Verstand gründlich gebrauchen (2.Kor.10,5), kann sich aber allein auf den Herrn Jesus Christus verlassen (Joh.15,5). Wohl dem, der so singen kann, wie es uns einer meiner Lehrer immer wieder eingeschärft hat: In meinem Studieren wird er mich wohl führen und bleiben bei mir; wird schärfen die Sinnen zu meinem Beginnen und öffnen die Tür. Dr. Wolfgang Nestvogel

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