Daniel, Belsazar und die Frage nach der biblischen Prophetie (Teil I)

Die Entstehung des Danielbuches (oder die letzte Redaktion) in einem Zeitraum zwischen ca. 167.v.Chr. und ca. 164.v.Chr. zu vermuten ist in den meisten universitären Disziplinen, die sich mit dem Danielbuch und/oder dem Alten Orient beschäftigen, gängiger Konsens geworden. Die jüdisch-christliche Tradition schreibt das Buch allerdings Daniel, einem Juden im babylonischen Exil des jüdischen Volkes (585-515.v.Chr.) zu. Schon die Qumran-Essener, eine jüdische Gruppe, die ein asketisches Leben in der Wüste führten, haben Daniel als Autor des Buches anerkannt. Was daran besonders ist? Dafür sei zunächst eine kurze Vorbemerkung zur Zeit der Makkabäer gemacht, die später noch einmal sehr wichtig werden soll.
Die Seleukidische Herrschaft und der Aufstand der Makkabäer
Nach dem Tod Alexanders des Großen, der bekanntlich die gesamte damalige (bekannte und zivilisierte) Welt eroberte (inklusive des kleinen Königreiches Juda), im Jahre 323, wurde sein Reich in vier kleinere Reiche aufgeteilt. Das Königreich Juda lag zunächst im Herrschaftsbereich der Ptolemäer (eines der vier nachfolgenden Reiche), die ihren Hauptsitz in Ägypten, hatten. Die nördlich und östlich gelegenen Seleukiden, das größte Nachfolgerreich Alexanders, rangen den Ptolemäern jedoch in einer vielzahl sogenannter „Syrischer Kriege“ die komplette Region um das Königreich Juda im Jahre 200.v.Chr. ab.
Antiochus IV („Epiphanes“) bestieg 174.v.Chr. den Seleukidischen Thron und führte eine beinharte „Hellenisierung“ Judas durch. Die jüdischen Bräuche und Feste wurden verboten, stattdessen wurden ab 167.v.Chr. Schweine im Tempel zu Jerusalem geopfert. Antiochus Religionspolitik zielte auf eine bewusste Demütigung der Juden und auf ein Ende des jüdischen Glaubens. 167.v.Chr. kam schlussendlich auch der jüdische Tempeldienst komplett zu einem Ende. Seleukidische Abgesandte wurden in das gesamte Umland geschickt, um die Bevölkerung dazu zu zwingen den Hellenismus anzunehmen und Zeus, dem höchsten Gott des Griechischen Pantheons, zu opfern.
In Modi´in jedoch trafen die Selukiden auf Widerstand. Mattathias, ein jüdischer Priester, tötete den Abgesandten der Seleukiden und gab den Anstoß zu einer Widerstandsbewegung, deren Führung schon bald Judas Makkabäus übernehmen sollte. Er begründete damit das Geschlecht der Makkabäer, die 164.v.Chr. den Tempel zurückeroberten und weihten und 152 v.Chr. Juda zu einem selbstständigen und unabhängigen Staat machten, frei von der seleukidischen Herrschaft.
Warum jedoch ist das für die Datierung des Danielbuches wichtig?
Zunächst einmal wird die griechische Herrschaft über Juda in Kapitel 11 des Buches sehr genau vorhergesagt. Sowohl die Herrschaft Alexanders, als auch der Streit zwischen den Ptolemäern und den Seleukiden, die im Danielbuch als „Könige des Nordens und Südens“ bezeichnet werden (Daniel 11,1-12). Ebenso werden Antiochus Epiphanes und alle seine Handlungen gegen Israel mit einer unglaublichen Genauigkeit vorhergesagt (Daniel 11,13-45). Eine einzige Ausnahme bildet der Tod Antiochus Epiphanes, der auf einem Feldzug in Syrien und nicht zwischen „Zion und dem Meer“ (Daniel 11,44-45) starb.
Außerdem fällt die Entstehung der Qumran-Essener in genau diese Periode. Der ab 167 v.Chr. korrumpierte Tempeldienst wird zwar 164 wieder aufgenommen, jedoch erklärten sich die Makkabäerfürsten ab 152.v.Chr. selbst zu „Priesterfürsten“, obwohl sie keine Leviten waren und somit gar nicht jüdische Hohepriester sein durften, und nahmen das Hohepriesteramt an. In Abgrenzung an diese Korrumpierung des Priesterdienstes entstand die Gemeinde von Qumran irgendwann in der Mitte des zweiten Jahrhunderts vor Christus am Toten Meer.
Qumran, das Danielbuch und die philosophischen Vorraussetzung moderner (und postmoderner) Forschung.
Die genau Vorhersage der Ereignisse zwischen 323 v.Chr. und 164.v.Chr. im Danielbuch lassen für die Mehrheit der Forscher keinen anderen Schluss zu, als das das Danielbuch ein Produkt aus der Zeit der Makkabäer sein muss, auch wenn das Buch selbst und die jüdische Tradition auf einen im jüdischen Exil lebenden Daniel als Autor deuten. Ein Teilaspekt der biblischen Prophetie, das Vorraussagen der Zukunft, wird aufgrund eines methodischen Atheismus und Naturalismus konsequent abgelehnt. Daniel kann für die Mehrheit der Forscher das Buch nicht im (oder kurz nach dem) babylonischen Exil, das 515 v.Chr. endete, geschrieben haben, weil er dafür die Zukunft hätte kennen müssen. Das Buch muss daher in der Makkabäerzeit entstanden sein (wahrscheinlich noch vor dem Tod Antiochus des IV.), um die jüdische Situation zu erklären, indem man sie als Gottgewirkt in den Mund einer Person wie Daniel legt.
Was uns hier also begegnet ist nicht nur die Frage nach der internen und externen Evidenz zur Datierung des Danielbuches. Viel mehr treffen hier philosophische Vorraussetzungen und Weltbilder aufeinander. Datiert man Daniel in das babylonische Exil, dann lassen die eigenen philosophischen Vorraussetzungen den Schluss zu, dass biblische Prophetie tatsächlich stattfinden kann. Datiert man es hingegen in die Makkabäerzeit, dann lässt das eigene Weltbild diesen Schluss vielleicht nicht zu. Die Frage nach wissenschaftlicher Objektivität kann also nicht mehr gestellt werden. Je nach persönlichem Weltbild können (und werden) Quellen (schriftliche und nicht-schriftliche) anders gedeutet und gewertet.
Sollte jetzt eine Frustration hinsichtlich der Möglichkeiten wissenschaftlicher Aussagen über das Danielbuch herrschen? Ich denke nicht, denn die Textinterne und externe Evidenz sollte betrachtet und ausgewertet werden und zwar auf dem Hintergrund der Reflektion über das eigene Weltbild. Nur so ist es möglich über den eigenen subjektiven Tellerrand hinauszublicken und sich ernsthaft mit den Quellen zu beschäftigen.
Wie oben schon gesagt haben auch die Qumran-Essener das Danielbuch durchaus als heilige Schrift anerkannt und gelesen, wobei das älteste, in Qumran gefundene, Fragment des Danielbuches (4QDanc) von Frank Moore Cross auf das späte zweite Jahrhundert vor Christus datier wurde (Also gerade einmal 40-50 Jahre nach einer spät datierten möglichen Entstehung).
Die Funde aus Qumran machen noch etwas deutlich: Die Sorgfalt und Genauigkeit der Tradierung heiliger Bücher in der Qumran-Gemeinde. Nehmen wir einmal an, dass Qumran 152.V.Chr. entstand. Die Männer, die damals die Treue zu den Makkabäern brachen und in die Wüste auswanderten müssen etwa zu der Zeit geboren worden sein, in der das Danielbuch entstand (wenn man es als Produkt der makkabäischen Zeit versteht). Das Danielbuch scheint in Qumran in seiner Stellung anderen heiligen Büchern wie den 5 Büchern Mose oder Jesaja in nichts nachgestanden zu haben und wurde ebenfalls als heiliges Buch verstanden und sorgfältig tradiert. Dass ein Buch wie Daniel spät entsteht, und dann in einer Gemeinde wie Qumran breit akzeptiert und als heiliges Buch verstanden wird, sich quasi zwischen die anderen heiligen Bücher „mogelt“, mit den Anspruch von Historizität der im Buch geschilderten Geschehnisse, scheint in einem Zeitraum einer einzigen Generation schwierig bis unmöglich.
Die Frage nach der Evidenz
Die Problematik der aufeinandertreffenden Weltbilder wird durch den Umstand der in Qumran gefundenen Schriftrollen nicht vereinfacht. Die Funde von Qumran sind durchaus eine gute Möglichkeit für eine frühe Datierung des Danielbuches einzustehen und dabei auf rationale Gründe zu verweisen. Eine Frühdatierung Daniels als „unwissenschaftlich“ abzustempeln wird schwieriger und es muss die Frage gestellt werden: Ist eine Spätdatierung nur Produkt des eigenen Weltbildes und der eigenen philosophischen Vorraussetzungen (Die gleiche Frage kann natürlich umgekehrt für eine Frühdatierung gestellt werden)?
Was jedoch ist die Evidenz, die zur Verfügung steht, um die Frage weiter zu erörtern? Auch wenn ich die Fragestellungen nicht annähernd erschöpfen kann, möchte im im folgenden (zweiten) Teil dieses Posts auf einige Umstände eingehen, die zu einer Klärung der Datierungsfrage heranzuziehen sind. Die Frage hat nämlich eine größere Dimension, denn es steht nich nur die Datierung des Danielbuches zur Diskussion, sondern auch die Frage nach der glaubwürdigkeit biblischer Prophetie. Bis dahin, Fortsetzung folgt….
http://gesellschaftsfaehig.blogspot.de/2013/02/daniel-belsazar-und-die-frage-nach-der.html