„Wir haben ein Verfallsdatum“

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Ein christlicher Arzt wird mit der Diagnose „Krebs“ konfrontiert

Im August 2012 erhielt der Schweizer Psychiater, Referent und Autor Samuel Pfeifer die Diagnose Krebs. Aufgrund der aggressiven Krankheitsform wurde ihm kaum noch eine Überlebenschance gegeben. Heute arbeitet er wieder. Die Klinik Sonnenhalde schreibt in einer öffentlichen Mitteilung: „Wir freuen uns und sind sehr glücklich, dass Dr. Samuel Pfeifer nach langer Krankheit wieder gesund und in der Sonnenhalde zurück ist“. Was ist passiert? Dr. Pfeifer hat im vergangenen August sein 25- jähriges Jubiläum als Chefarzt der Klinik Sonnenhalde gefeiert. Wenige Tage davor bemerkte er einen abnormen Lymphknoten. Er ließ sich untersuchen mit dem Resultat, dass er ein Lymphom hatte, Krebs.
Die Redaktion von idea-Schweiz führte mit Dr. Pfeifer jetzt ein Interview, das wir hier übernehmen.
Wie waren aus medizinischer Sicht die Heilungsperspektiven?
Am Anfang wurde mir eine Überlebenswahrscheinlichkeit von 15 Prozent gegeben.

Ihr Leben hing nur noch an einem Faden …
Es war sehr ernst. Ich wurde aber am Universitätsklinikum sehr kompetent betreut.
Die Behandlung dürfte allerdings belastend gewesen sein.
Sie war einschneidend. Mir wurde Chemotherapie verordnet.
Was dachten Sie zehn Minuten nach Erhalt dieser niederschmetternden Diagnose?
Das klingt jetzt vielleicht etwas eigenartig … Aber durch die Tatsache, dass ich als Arzt und Psychiater immer wieder mit Menschen in Kontakt bin, die ohne Anlass plötzlich schwer erkranken, war einer meiner ersten Gedanken: „Warum soll es mir als Arzt besser gehen als meinen Patienten? Sollte ich aufgrund meines Berufes oder meines Glaubens vom Leben ‚besser‛ behandelt werden als sie?“ Ich erkannte mich als Schwacher unter Schwachen.
Wurde mit dieser Diagnose Ihre Beziehung zu Gott beeinträchtigt?
Nein – es ist ein großes Geschenk, dass ich das so sagen darf.
Was bestärkte Ihre Überzeugung, dass Sie nicht aus Gottes Hand geglitten sind?
Nur wenige Tage nach der Diagnose, hörte ich mir im Internet auf YouTube einen Country-Song von Lynda Randle an: „The God on the mountain is still God in the valley…”. Der Gott der guten Tage ist der gleiche Gott in den schlechten Tagen…“. Diese Melodie begann in mir zu spielen. Die Gewissheit, dass der Gott auf dem Berg, dem Gipfel des Erfolgs, und der Gott im Tal, in der Dunkelheit, der genau gleiche ist, trug mich durch. Wir können uns darauf verlassen, dass derselbe Gott, der uns lichterfüllte Höhenerfahrungen machen lässt, auch im dunkeln Tal unverändert präsent ist.
Diese Erkenntnis erinnert an Davids Gedanken in Psalm 23. Auch er empfand in der Finsternis Gottes Gegenwart.
Ja, ganz genau.
Das heißt, Sie haben die Situation, auf den Tod krank zu sein, einfach mal so hingenommen?
Richtig. Ich nenne dies gläubigen Existenzialismus.
Was meinen Sie damit?
Ich darf auf diesem Planeten leben, akzeptiere aber, dass meine irdische Existenz irgendwann wieder endet. Einmal besuchte mich ein Freund. Er las mir eine Textstelle aus dem Römerbrief vor, aber nicht Vers 28 aus Kapitel 8, sondern etwas weiter vorne, ab Vers 20. Dort steht, dass die ganze Schöpfung der Vergänglichkeit unterworfen ist. Wir sehnen uns „nach der Erlösung unseres Leibes“. Das heißt, wir unterliegen einem Verfallsdatum.
Sie mussten mit der Familie über Ihre Situation reden, auch über ein mögliches Sterben …
Ja, meine Söhne fragen: „Warum passiert das jetzt? Warum dir?“ Ich sagte Ihnen, mein Leben sei vergleichbar mit einem Apfel, der irgendwann mal fleckig und schrumpelig wird, weil er eben ein Verfallsdatum hat, so wie wir Menschen.
Hätten Sie es verstanden, wenn Ihre Söhne gesagt hätten: „Komm, wir bitten Gott um Heilung?“
Sie haben das ja auch gesagt und viele andere genauso. Ich erfuhr das ganze Spektrum im Bereich der Bitten um Heilung. Das ging von „Sämi, wir denken an dich“, über „Sämi, wir würden zu dir kommen, um für dich zu beten“, bis hin zu „Sämi, wir kennen da jemanden mit einer besonderen Gabe. Möchtest du nicht mal zu ihm gehen?“
Wofür haben Sie sich entschieden?
Ich glaube an einen großen Gott. Aber ich glaube nicht, dass in einem speziell inszenierten Gebet mehr Macht liegt, als im Gebet eines Freundes, der mit mir betet. Von meinen Patienten weiß ich auch, wie ganz unterschiedlich die Folgen von Gebeten sein können. In mir festigte sich ein Bild: Die einzelnen Gebete von Hunderten von Menschen sind wie die Knoten in einem Netz des Glaubens, das mich trägt. Was immer auch geschehen sollte, ich war gehalten und begleitet.
Ich zitiere aus Ihrem Buch „Wenn der Glaube zum Problem wird“: „Ein Kind Gottes darf kindlich-vertrauensvoll zu Gott kommen, in dem Wissen, dass der Vater es liebt und ihm nur das Beste geben möchte.“ Das Beste bringt man aber schwerlich in einen Zusammenhang mit einer tödlichen Krankheit?
In einer solchen Situation gilt es, die Perspektiven zu sortieren. Es gibt die Perspektive auf der Erde – das ist die Sicht des Ehepartners, der Familie, deine Pläne, die du noch verwirklichen wolltest. Und es gibt die Perspektive des Himmels gemäß der Bibel. Wir werden einmal den König sehen! Es gibt noch etwas anderes, als das, was wir auf Erden kennen. Als Christ lebe ich mit einer Ewigkeitshoffnung. Es wird einmal einen neuen Himmel und eine neue Erde geben ohne Schmerzen, Leid, Not und Tod. Diese Perspektive bekam für mich eine starke Bedeutung, so stark wie noch nie zuvor. Sie wurde existenziell, konkret.
Sie selbst haben Gott nicht um Heilung gebeten?
Doch, im Sinne von „ich lege meinen Geist in deine Hände“, in dieser Haltung. Ich will es Gott überlassen, wie lange er mich auf der Erde haben will. Er hat mir in meinem Leben so viel Schönes geschenkt. Wenn er mich abberufen will, will ich auch dazu Ja sagen.
Doch die medizinischen Möglichkeiten wollten Sie schon ausschöpfen?
Ja, zusammen mit dem behandelnden Arzt habe ich die verschiedenen Möglichkeiten besprochen. Ich sagte Ja zu sechs Mal Chemotherapie. Nicht aber zur Stammzelltherapie, nur um mein Leben um einige Monate zu verlängern.
Lässt sich sagen, dass Sie durch die eigene Erfahrung lernten, einem auf den Tod kranken Menschen hilfreich zu begegnen?
Ja, durch das eigene Erleben bekommt alles mehr Tiefe. Wobei ich sagen muss, dass es sehr unterschiedlich ist, wie Menschen auf Krankheitsschocks reagieren. Einige möchten viel Gebet, andere wiederum lehnen sich auf und klagen Gott an. Sie haben Fragen, die sich nicht immer und schon gar nicht leichtfertig beantworten lassen.
Sehe ich es richtig, dass für Sie die Frage „Warum heilt Gott in diesem und jenem Fall nicht?“ gar nicht so viel Gewicht hat?
Es ist eine Tatsache, dass viele Menschen mit Einschränkungen und Schwächen leben müssen. Wenn uns die theologischen Antworten auf unsere Unvollkommenheit fehlen, dann kreieren wir eine idealistische Lehre, die ein derart hohes Ziel steckt, dass wir es nicht erreichen. Diejenigen, die mit Schwachheit und Krankheit leben müssen, werden theo-logisch ausgegrenzt, manche reden von Schuld und mangelndem Glauben etc. So wird ihnen genau das vorenthalten, was ich in meiner Krankheitszeit erfahren durfte – dass der Gott auf dem Berg unten im Tal genau der gleiche ist! Auch im dunkeln Tal ist Gott gegenwärtig. Diese Wahrheit können wir nur dann anderen Menschen zusprechen, wenn unsere Theologie Schwachheit integriert.
Haben Ihre Gebete sich verändert?
Ein Grundtenor meines Gebets ist Dankbarkeit für so vieles, was ich als Geschenk erlebe. Das war schon immer so. Wer dies noch nicht macht, dem empfehle ich, Dankbarkeit zu trainieren und Gott als allmächtigen Schöpfer des Universums und der Erde anzubeten, im Bewusstsein, dass wir ohne ihn nicht existierten. Dieses Staunen, dass Gott an mich denkt, obwohl er so unfassbar groß ist, weckt in mir enorme Dankbarkeit. Er kennt meine innersten Gedanken, meine Abgründe, „mein Seufzen ist ihm nicht verborgen“ (Psalm 38, 10). Gott weiß, was ich gerne hätte. Aber die Entscheidung, was dran ist, kann ich nicht von ihm erzwingen.
Kann man sagen, dass Sie in großer Not einen noch größeren Trost oder Tröster gefunden haben?
Ja, das ist erfahrbar. Vor vielen Jahren starb eines unserer Kinder am plötzlichen Kindstod. Auf die Todesanzeige setzten wir Verse aus dem zweiten Korintherbrief, wo Paulus Gott als den „Vater der Barmherzigkeit“ und „Gott allen Trostes“ beschreibt. In der Neuen Genfer Übersetzung steht weiter: „In allen unseren Nöten kommt er uns mit Trost und Ermutigung zu Hilfe, und deshalb können wir dann auch anderen Mut machen, die sich ebenfalls in irgendeiner Not befinden: Wir geben ihnen den Trost und die Ermutigung weiter, die wir selbst von Gott bekommen“. Leid lässt Trost erfahren, der dazu dient, andere zu trösten.
Dr. Samuel Pfeifer
ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie und war bis 2012 Chefarzt der Klinik Sonnenhalde in Riehen. Seit 2013 ist er an dieser Klinik als Leitender Arzt tätig.
idea_Spektrum_20.2013   BRENNPUNKT 5