Die Begriffe Freund oder Freundschaft im Neuen Testament

Die Begriffe Freund oder Freundschaft kommen im Neuen Testament nicht sehr häufig vor. Es fehlen die schönen und reichen Beziehungsaussagen über das Thema, die wir aus dem Alten Testament kennen. Vom Gestalten einer Freundschaft zwischen zwei Menschen, wie es im Alten Testament etwa von David und Jonathan überliefert ist, fehlt im Neuen Testament komplett. Hier eine kleine Zusammenstellung der wichtigsten Aussagen.
Vom Wesen der Freundschaft
In Lukas 11,5–9 finden wir einen schönen Beleg für das Wesen der Freundschaft. Jesus lädt seine Jünger zu vertrauensvollem Beten ein. In diesem Abschnitt wird gewissermaßen das Vaterunser (11,2–4) mit einem Ausrufezeichen versehen: Die Jünger werden aufgefordert, sich auf die Bitten des Vaterunsers mit viel Vertrauen einzulassen. Um sie dafür zu motivieren, bringt Jesus das Gleichnis vom bittenden Freund. Zur Freundschaft gehört es, so prägt Jesus seinen Jüngern ein, dass ein Freund für den anderen zu jeder Tagesund Nachtzeit da ist. Freundschaft hat mit Hingabe, mit Verlässlichkeit und mit Treue zu tun. Im Hintergrund steht die Aussage, dass Gott sich bittenden Menschen gegenüber verhält wie ein solcher Freund, nämlich verlässlich und freigiebig. Ein anderer Hinweis findet sich in Lukas 15,6 und 15,29. Es geht hier um die großen Gleichnisse vom Verlorenen. Als ganz selbstverständlich wird von Jesus beschrieben und herausgehoben, dass es zum Wesen einer Freundschaft gehört, dass man anlässlich einer großen Freude seine Freunde zusammenruft, um mit ihnen zu feiern. Freude kann nicht bei sich allein bleiben, Freude will sich mitteilen. Freunde sind Teilhaber der Freude. Hier ist die Freude über Gott, der dem verlorenen Schaf bzw. dem verlorenen Sohn so nachgeht, dass am Schluss die Rettung steht. Ein Anlass zur festlichen Feier mit den Freunden! Ein dritter Beitrag steht in Lukas 7, in der Geschichte vom Hauptmann in Kapernaum (Lukas 7,1–10). Es sind die Freunde des Hauptmanns, die Jesus die Nachricht bringen, der Hauptmann wage es nicht, Jesus zu begegnen, vertraue aber darauf, dass Jesus seinen Knecht heilen könnte. Freunde treten ein, ganz gleich aus welcher Motivation heraus. In der Geschichte in Lukas 15 sind sie Teilhaber der Freude, hier sind sie Übermittler einer Nachricht. Freunde, so lehrt uns die Geschichte, stehen füreinander ein in guten und schlechten Zeiten. Sie können auch stellvertretend einen Dienst tun und helfen, „die Karre aus dem Dreck zu ziehen“. So erfahren wir hier bereits eine Menge über das Wesen wahrer Freundschaft, und das alles aus dem Munde Jesu.
Falsche Freundschaften
Auch zu diesem Thema sagt das Neue Testament eine ganze Menge. Zunächst: Freunde können leider auch zu Feinden werden. In Lukas 21,16 weist Jesus darauf hin, dass es in Verfolgungszeiten geschehen kann und wird, dass die Jünger von Freunden ausgeliefert werden: „und man wird etliche von ihnen töten“. So etwas kann also passieren, auch wenn es im Vollzug einer Freundschaft als unmöglich erscheint. Nicht jeder ist ein wirklicher, bleibender Freund, das lehrt uns diese Geschichte. Wie schnell im übrigen eine Beziehung kaputtgehen kann, wenn die Voraussetzungen nicht mehr stimmen, zeigt ein Abschnitt aus der Passionsgeschichte: In Johannes 19,12 schreit das Volk Pilatus an: „Wenn du diesen (Jesus) freilässt, bist du des Kaisers Freund nicht.“ Man kann natürlich fragen, ob diese Freundschaft überhaupt je bestanden hat und ob der Begriff Freundschaft hier nicht sowieso zu hochgegriffen ist. Trotzdem wird hier eine grundsätzliche Aussage gemacht: Freundschaft hängt offenbar stark an Verabredungen; wenn eine Seite diese aufkündigt, dann kann eine freundschaftliche Beziehung zerbrechen. Auf der anderen Seite können Freundschaften auch auf merkwürdige Weise entstehen. In Lukas 23,12 lesen wir, dass Pilatus und Herodes durch die Begegnung mit Jesus Freunde werden. Hier ist es allerdings die gemeinsame ablehnende bzw. ratlose Haltung Jesus gegenüber, die sie zusammenbringt. Das  sind merkwürdige und eher fragwürdige Zweckfreundschaften. Freundschaften, die auf tönernen Füßen stehen. Doch es ist gut, dass wir im NT den Begriff Freundschaft auch unter diesem negativen Vorzeichen finden. Der Vorgang zeigt uns, dass der Begriff auch missbraucht werden kann. Es wird auch deutlich, dass Freundschaft – wie jede Beziehung unter Menschen – verletzlich, ja immer wieder gefährdet ist und dass vieles darauf ankommt, Freundschaften zu pflegen und immer wieder danach zu fragen, was denn wirklich das Verbindende einer Freundschaft ist.
Enge und Weite in einer Freundschaft
Eine andere Facette der Freundschaft lernen wir in Lukas 14,12 kennen. Jesus fordert einen seiner Gastgeber auf, zu einem Fest einzuladen, bei dem dessen Freunde ausgeschlossen sind. Vielmehr soll er Arme, Krüppel, Lahme und Blinde einladen. Die Argumentation ist überraschend und überzeugend: Bei Kontakten zu nahestehenden Menschen wie Geschwister, Verwandten, Nachbarn und eben auch Freunden, spielen Geschenke und Ähnliches eine wesentliche Rolle. Hier bekommt man etwas, man muss sich aber auch revanchieren. Dieser „Druck“ fällt bei einer Einladung an Arme und Lahme aus. Hier revanchiert sich Gott, indem er den Einsatz belohnt. Damit ist ein interessantes Thema angesprochen, das wir alle kennen und das eine Freundschaft durchaus anstrengend machen kann. Es können sich gewisse Zwänge einschleichen, die sich belastend auswirken, wenn die Freundschaft zu sehr an Riten, feste Zeiten und womöglich gegenseitige Aufmerksamkeiten gebunden ist. Aber noch etwas anderes ist hier wichtig. Jesus fordert dazu auf, nicht nur die nahestehenden Menschen im Auge zu haben. Manche Beziehung ist so stark, dass Menschen von außen gar keinen Zugang mehr dazu haben: Die Partner klammern sich aneinander und werden blind für Außenkontakte. So soll es nicht sein. Eine Freundschaft soll nicht eng machen, sondern in die Weite führen! Weite heißt in diesem Abschnitt der Bibel: Die Augen, das Herz, die Hände sollen geöffnet bleiben für Menschen in Not, für eine Haltung, die wir soziale Verantwortung und missionarische Leidenschaft nennen. Darum ist es auch bei der besten Freundschaft (und in jeder Partnerschaft) wichtig zu prüfen, ob dieser Bezug in der Beziehung prägende Bedeutung behält, ob die Freundschaft engstirnig oder weitherzig ist.
Freundschaft mit Jesus
Das größte und tiefste Wort über die Freundschaft steht in Johannes 15,13 und lautet: „Die größte Liebe beweist der, der sein Leben für die Freunde hingibt.“ Jesus sagt das seinen Jüngern im Zusammenhang seiner Abschiedsreden (Kapitel 13–16). Hier hören wir aus dem Munde Jesu, was Freundschaft eigentlich und zutiefst ist: Liebende Hingabe mit der Bereitschaft, das Leben einzusetzen. Hintergründig bereitet Jesus seine Jünger schon darauf vor, dass er nicht mehr lange unter ihnen sein wird. Er wird für sie in den Tod gehen, für sie sterben, damit sie nicht sterben müssen. So hatte es schon der Hohepriester Kaiphas gesagt, nicht wissend, was er eigentlich damit meinte: „Begreift ihr denn überhaupt nichts? Habt ihr euch nie überlegt, dass es in eurem Interesse ist, wenn ein Mensch für das Volk stirbt und nicht das ganze Volk umkommt?“ (Johannes 11,49f). Nun wird es noch deutlicher, um in der Passionsgeschichte in aller Klarheit herauszutreten: Jesus stirbt den Opfertod für die Menschheit; er nimmt die Strafe Gottes für menschliche Schuld auf sich, damit die, „die an ihn glauben nicht verloren werden, sondern ewiges Leben haben“ (Johannes 3,16). Das ist das Wunder der Freundschaft Jesu: Er erklärt seine Jünger zu Freunden und handelt an ihnen und an ihrer Stelle, wie es nur dieser Freund tun kann. Und indem Jesus den Begriff „Freunde“ auf seine Jünger überträgt, erlaubt er auch eine dementsprechende Intensität, eine herzliche Verbundenheit, die sich auch im Empfinden niederschlagen darf. Viele Gesangbuchlieder haben das aufgenommen und geben in Wort und Melodie den Wärmestrom der Freundschaft wieder. Hier sehen wir, wie abgeflacht in der deutschen Umgangssprache der Begriff Freundschaft ist, wenn man die biblischen Belege zum Vergleich heranzieht und insbesondere Johannes 15,13 bewegt. Auch Jesus ist mit seinen Jüngern weite Wege gegangen, bis diese Sprach- und Begegnungsform möglich wurde. Umso mehr ist es für uns wichtig, den kostbaren Begriff Freundschaft vor inflationärer Aushöhlung zu schützen.
Jesu Erwartung von Freundschaft
Auch hierzu sagt der angesprochene Text in Johannes 15,13ff etwas, wenn man einfach weiterliest. Zunächst wird noch eins draufgegeben: Jesus nennt die Jünger ausdrücklich Freunde und macht sie zu Teilhabern seiner Gottesbeziehung. Er nimmt sie mit hinein in seine Fülle. Was ihm gehört, gehört auch ihnen (15,15). Aber dann lesen wir auch, was Jesus von seinen Freunden erwartet. Er will, dass sie seine Gebote halten, dass sie in seinen Spuren gehen, dass sie bei ihm bleiben. Freundschaft ist nicht nur Geschenk, sondern auch Verantwortung. So gehört beides zusammen, die emotionale Seite, aber auch die nehmende und gebende Seite. Freundschaft wird da gelebt, wo Verabredungen eingehalten werden, wo Verantwortung übernommen wird und wo Pflege kein Fremdwort ist. Jesus sehnt sich nach gelebter Freundschaft mit seiner Gemeinde. Er hat alle Voraussetzungen dafür geschaffen und bringt täglich neu ein, was eine Freundschaft am Leben erhält. An uns ist es, darauf zu antworten und ihm treu zu sein. Vielleicht ist da ein Zusammenhang, wenn Bischöfe in Titus 1,8 „Freunde des Guten“ genannt werden und wenn sich Johannes der Täufer in Johannes 3, 29 als „Freund des Bräutigams“ bezeichnet. Wer hat seine Freundschaft Jesus gegenüber mehr bewiesen als der große Vorläufer Johannes, von dem Jesus an anderer Stelle sagt, es sei „unter denen, die von Frauen geboren sind, kein Größere aufgetreten“ als er (Matthäus 11,11)? Was hat die Betrachtung des Begriffs „Freundschaft“ durch das Neue Testament hindurch ergeben? Voller Freude und Dankbarkeit können wir wahrnehmen, dass Jesus diesen Begriff mit wirklichem Leben füllt und dass wir selbst diesen Wundertitel erhalten. Und dankbar können wir auch die Facetten des Begriffs in verschiedenen mitmenschlichen Zusammenhängen zur Kenntnis nehmen und einmal mehr sehen, wie reich die Bibel ist und wie sie davor bewahrt zu verflachen und darüber beziehungsunfähig zu werden oder eine Beziehung zu missbrauchen. „Ihr seid meine Freunde, wenn ihr tut, was ich euch auftrage.“ Johannes 15,14