Wen Notleidende Mittel zum Zweck sind, um sich durch Wohltaten an ihnen den Himmel zu verdienen.

Der Theologe Helmut Thielicke berichteteinmal folgendes: „Ich wurde einmal von einer Krankenschwester gepflegt, die ihre Arbeit ausgezeichnet, pünktlich und mit Aufopferung tat. Sie hatte seit zwanzig Jahren nur Nachtschichten übernommen. Ich fragte sie einmal, ob das nicht sehr anstrengend sei und einen nicht auf die Dauer zermürbe, und wie sie die Kraft dazu habe. Da meinte sie strahlend: , Sehen Sie, jede durchwachte Nacht ergibt einen Edelstein in meiner himmlischen Krone, und ich habe jetzt schon 7175 beieinander.‘ Wie kam es, daß meine Dankbarkeit mit einem Schlage verflogen war, dass ich an ihre Liebe nicht mehr glauben konnte und dass das Gefühl der Geborgenheit plötzlich verschwand? Wenn sie sich anschickte, mir zu helfen, dann meinte ich, sie sähe durch mich hindurch wie durch Luft, und ihr Auge hing heimlich an ihrer himmlischen Krone, um sich an ihrem Gefunkel zu erfreuen … Die Kranken, die sie pflegte, waren ihr Mittel zum Zweck. Sie sah sie nicht mit den Augen Jesu an, den ihr Elend jammerte …, und der sein Leben daran setzte, um sie in das leidlose und todüberlegene Reich seines Vaters zu bringen. Sondern diese Schwester ,bediente‘ sich doch ihrer Kranken wie eines Materials. Sie berauschte sich daran, dass sie durch die wertvolle und tüchtige Arbeit … sich selbst einen immer neuen Befähigungsnachweis erbrachte und dass ihr Guthaben auf der himmlischen Bank ständig wuchs.“
Wem die Notleidenden nur Mittel zum Zweck sind, um sich durch Wohltaten an ihnen den Himmel zu verdienen, dem geht es nicht mehr um Christus und seine Brüder und Schwestern, sondern es geht ihm nur um sich selbst und sein eigenes Seelenheil. Darum kann es also nicht gehen, mir durch Taten der Liebe den Himmel verdienen zu wollen – das hat Jesus bestimmt nicht gemeint mit den Werken der Liebe an seinen geringsten Brüdern.