Beginn der Katastrophe

Am Vormittag des 28. Juli 1914 wurden Erzherzog Franz Ferdinand, der österreichische Thronfolger und seine Frau, Herzogin Sophie von Hohenberg, von Terroristen in Sarajevo erschossen. Mit diesem tragischen Ereignis begann der 1.Weltkrieg, auch wenn das damals noch keiner wußte.
Nach dem Besuch eines Gottesdienstes in Bad Ildiza fuhr das Paar mit einem Sonderzug nach Sarajevo. In der Stadt angekommen inspizierte der Thronfolger die österreichische Kaserne. – Die ehemals osmanischen Provinzen Bosnien und Herzegowina waren im Berliner Kongress (1878) Österreich zugesprochen worden. – In einem Fahrzeug- Konvoi fuhren sie entlang einer vorher bekanntgegebenen Route in die Innenstadt. Unter den Tausenden Schaulustigen befanden sich auch sechs junge Männer der nationalistischen bosnischen Bewegung „Mlada Bosnia“ (Junges Bosnien). Sie trugen Sprengkörper und Pistolen für einen Terroranschlag bei sich.
Um 10.25 Uhr warf Nedeljko Cabrinovic eine Bombe auf den Wagen des Thronfolgers. Das Attentat konnte aber abgewehrt werden, sodass lediglich zwei Insassen des nachfolgenden Fahrzeugs und einige Passanten verletzt wurden. Nach dem offiziellen Empfang im Rathaus wollte Franz Ferdinand die von Anschlag verletzten Personen im Krankenhaus besuchen. Als der Chauffeur falsch abbog und zum rangieren kurze Zeit stehenblieb, trat der Terrorist Gavrilo Princip vor und tötet das Paar mit zwei Schüssen, die Prinzessin in den Bauch, den Erzherzog in den Hals. Der Attentäter und seine Kumpane wurden festgenommen. Drei der Terroristen wurden zum Tode verurteilt. Der noch minderjährige Schütze bekam 20 Jahre Gefängnis. – Serbische nationalisten, die in dem Mörder einen Nationalhelden erkennen wollen, haben jetzt anlässlich des 100. Jahrestages ein Denkmal für Princip in Sarajevo enthüllt. – Innerhalb weniger Wochen kochte im Sommer 1914 die öffentliche Stimmung hoch. Österreich mobilisierte seine Verbündeten, ebenso auch Serbien, das man hinter dem Anschlag vermutete.
In der Folge des nun ausbrechenden 1. Weltkriegs (1914-1918) starben rund 17 Millionen Menschen, 20 Millionen wurden zum Teil schwer verletzt. Allein durch die Blockade der Alliierten verhungerten im „Steckrübenwinter“ 1916/17 700 000 Deutsche. Unter denen durch den Krieg geschwächten Zivilisten raubte die Spanische Grippe (1918-1920) 25 Millionen Menschen das Leben. Die direkten Kriegsausgaben betrugen 956 Milliarden Goldmark. Eine damals unvorstellbare Summe, die in der Folge zu einer rasanten Inflation und Wirtschaftskrise führten.
Leider erkannten nicht alle Christen 1914 die realen Gefahren und Auswirkungen eines solchen Krieges. Viele zündelten, provozierten und forderten mit einer aufgeheizten Öffentlichkeit den Kampf gegen Frankreich und Russland.
Am 1. August 1914 predigte Oberhofprediger Ernst Dryander im Berliner Dom: „Wir ziehen in den Kampf für unsere Kultur – gegen die Unkultur. Für die deutsche Gesittung – gegen die Barbarei. Für die freie, an Gott gebundene Persönlichkeit – wider die Instinkte der ungeordneten Massen. Und Gott wird mit unseren gerechten Waffen sein.“ Und leider war er nicht der einzige, der das so sah.
In Berlin wurden vor dem Stadtschloss große Feldgottesdienste abgehalten. Die deutschen Christen sahen sich in diesem Konflikt als unschuldig, im Einklang mit Gott. Der evangelische Pfarrer Paul Althaus, später Professor für systematische Theologie in Erlangen: „Nach meiner Überzeugung wird dieser Feldzug in der Kriegsethik für uns das Schulbeispiel eines gerechten Krieges sein.“ Theologen beider Konfessionen stellen den Soldatentod auf eine Stufe mit dem Opfertod Jesu.
Vielleicht sollten Christen aus dieser Katastrophe des 1.Weltkriegs lernen, in gesellschaftlichen Krisenzeiten nicht zu schnell nach Gewalt und Militär zu rufen, ganz gleich ob es nun um die Provokationen skrupelloser Terroristen geht, um die Machtspiele irgendwelcher Staatsführer oder um „Feinde“ im eigenen Land. Auch wenn man sich bedroht oder zu Unrecht angegriffen fühlt, sollten Christen zuerst alle friedlichen Mittel ausschöpfen, ehe sie Gewalt in irgendeiner Weise überhaupt in Erwägung ziehen. Kriege sind eine der schlimmsten Geißeln der Menschheit – damals wie heute. Die mennonitische Tradition vollkommener Gewaltlosigkeit ist hier eine durchaus bedenkenswerte Option. Michael Kotsch