Terror – Schuld der Religion?

Es gibt Stimmen, die behaupten, die Ursache des heutigen Terrors liege vor allem in der Religion. Aber es scheint doch etwas abwegig, anzunehmen, die Beseitigung aller Formen von Religion würde wirklich dazu führen, den Terrorismus zu beseitigen.
Aussagen wie diese werden immer häufiger, während die Gesellschaft nach Erklärungen für die Probleme sucht, die unsere moderne Zeit lähmen und plagen. Die Indizien gegen die Religion scheinen sich zu häufen; und ohne näheres Hinsehen könnte es schwierig sein, zu erkennen, ob religiöser Glaube überhaupt etwas Positives hat. Charles Darwin, Friedrich Nietzsche und Sigmund Freud vertraten schon vor deutlich mehr als einem Jahrhundert ein rein säkulares Weltbild – wozu brauchen wir die Religion dann noch? Harris, Dawkins und viele andere meinen, Religion sei ein überholtes und gefährliches Relikt, dessen sich eine reife Gesellschaft besser entledigen sollte. Alle Erklärungen, die die Religion einst geliefert habe, biete auch der Säkularismus – ohne die Unvernunft von Gewalt und Hass. Er sei die ruhige, objektive gesellschaftliche Kraft, die die destruktive Religion nie sein könne.
Schon eine flüchtige Untersuchung säkularer Gesellschaften bringt etliche äußerst widerwärtige und brutale Taten ans Licht – allesamt begangen von Menschen, die religiösen Glauben öffentlich ablehnten. Der politische Philosoph John Gray schreibt: „Terror wurde im letzten Jahrhundert in beispiellosem Ausmaß praktiziert, . . . zu einem großen Teil im Dienst säkularer Hoffnungen“ (Black Mass, 2007).
Die Sowjetunion war eine erklärtermaßen säkulare Gesellschaft. Unter Josef Stalin wurden dort unsagbare Grausamkeiten und Morde begangen. Am Höhepunkt der stalinistischen Brutalität, während des Großen Terrors von 1937-1938, wurden 18 Monate lang Hunderttausende durch Erschießungskommandos getötet. Ungezählte weitere Tausende starben an Hunger, unmenschlichen Zuständen und durch schiere Bösartigkeit. Vom Leben in den Zwangsarbeitslagern der Gulags berichteten nur wenige – u.a. Alexander Solschenizyn und Warlam Schalamow – die trotz sowjetischer Zensur ihre Erfahrungen veröffentlichten.
Der wirklich Furcht erregende Aspekt des Sowjetterrors ist jedoch, dass es keine Möglichkeit gibt, das Ausmaß seiner Grausamkeit korrekt zu erfassen, denn die sowjetischen Funktionäre waren gehalten, Aufzeichnungen von Leidensgeschichten zu vernichten bzw. nicht anzufertigen.
Ein weiteres Beispiel liefert Frankreich im späten 18. Jahrhundert. Das ist von besonderer Bedeutung, da die Französische Revolution eine starke Inspiration für die Bolschewisten war. Tatsächlich sah Lenin sowohl diese Revolution als auch die Revolutionäre als Vorbilder der Disziplin in seiner neuen bolschewistischen Gesellschaft. Er lernte von „den Jakobinern, die besiegt wurden, weil sie nicht genug Leute guillotinierten; und . . . der Pariser Kommune, die besiegt wurde, weil ihre Anführer nicht genug Leute erschoss“ (Aleksandr Nekrich und Mikhail Heller, Utopia in Power, 1982, 1986). Für viele war die französische Revolte gegen die Aristokratie ein Symbol für das Streben der modernen Welt nach säkularer Freiheit und Fortschritt. Der Schlachtruf der Bewegung, Liberté, égalité, fraternité, ou la mort! (Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit – oder Tod!), hat seine Kraft über Frankreich hinaus im gesamten Abendland behalten. Viele vergessen jedoch, welche Gräueltaten im Namen dieser säkularen Ideale begangen wurden. Die Jakobiner sind notorische Beispiele für die Bösartigkeit säkularer Gewaltherrscher. Mit dem Ziel, Frankreich zu entchristianisieren, propagierten einige ihrer Anführer, u.a. Jacques Hébert, Pierre Gaspard Chaumette und Joseph Fouché, Le Culte de la Raison, den fraglosen Glauben an die atheistische Vernunft. Sie beschlossen, ihrer zersplitterten Nation diesen „culte“ aufzuzwingen, doch ihr Enthusiasmus führte zu einem Gemetzel an Tausenden von Männern und Frauen – dem Historiker Christopher Hibbert zufolge den „schlimmsten Ausschreitungen“ der Revolution. Während der Schreckensherrschaft von 1793 kam Fouché – „einer der am meisten gefürchteten Jakobiner“ – letztlich „zu dem Schluss, dass die Guillotine ein zu langsames Instrument für ihre Zwecke war, und ließ über 300 ihrer Opfer durch Kanonenfeuer niedermähen“ (The Days of the French Revolution, 1980, 1999).
Bedeutet dies, dass Atheismus oder Säkularismus an solchen Massenmorden schuld sind? Das ließe sich kaum begründen. Es zeigt einfach, dass in diesen Fällen nicht Religion die Ursache von Gewalt und Terror ist. Die Abwesenheit von Religion war nicht gleichbedeutend mit der Abwesenheit von Gewalt; das beweisen die Schreckensherrschaft der Jakobiner und Stalins Säuberungen. Andererseits zeigen die spanische Inquisition und der islamistische Terror, dass auch Atheismus nicht die einzige Ursache ist. Tatsächlich sind viele Religionsanhänger weitgehend friedlich, ebenso wie viele Säkularisten. Einer der beiden Weltsichten den Drang zu Gewalt nachzusagen, ist eindeutig unvernünftig. Wir müssen tiefer suchen.
Was alle diese Gewaltausbrüche gemeinsam haben, ist ein überwältigender und blind machender Wunsch, anderen seine eigenen Überzeugungen aufzuzwingen. Alle Diktatoren wollten uneingeschränkte Macht; die Jakobiner hofften, wie heute al-Kaida, die Welt zu ihrem eigenen Weltbild zu bekehren.
Hätte man Nietzsche gefragt, hätte er die Verantwortung für Krieg und Gewalt unserer eigenen menschlichen Widersprüchlichkeit zugeschrieben. In seinem gewaltigen Werk Also sprach Zarathustra schrieb er: „Der Leib ist eine grosse Vernunft, eine Vielheit mit einem Sinne, ein Krieg und ein Frieden.“ Wie der Wissenschaftler und Theologe Alister McGrath anmerkt, zeigte Nietzsche: „Es scheint etwas in der Natur des Menschen zu geben, das es möglich macht, dass unsere Glaubenssysteme sowohl große Taten der Güte als auch große Taten der Schlechtigkeit inspirieren können“ (Dawkins’ God: Genes, Memes, and the Meaning of Life, 2005). Diese Worte erinnern an die Symbolik der beiden Bäume im biblischen Garten Eden. Adam und Eva zogen es vor, von dem Baum zu essen, der für die Erkenntnis von Gut und Böse stand; und damit begann die Anomalie, von der Nietzsche schrieb.
Die Ursache von Terror und Gewalt liegt irgendwo in unserem inneren Wesen. Der Apostel Jakobus erklärt dies in seinem Brief, der das älteste apostolische Schreiben ist: „Woher kommt der Kampf unter euch, woher der Streit? Kommt’s nicht daher, daß in euren Gliedern die Gelüste gegeneinander streiten? Ihr seid begierig und erlangt’s nicht; ihr mordet und neidet und gewinnt nichts; ihr streitet und kämpft und habt nichts“ (Jakobus 4, 1-2).
Es ist in der Tat eine gefährliche Vereinfachung und weicht gleichzeitig der Verantwortung für die Welt aus, der Religion die Schuld für Terror und Gewalt zu geben, wie es viele heute allzu gern tun. Viele vergessen, dass Religion, wie sie die meisten von uns kennen, ein menschliches Konstrukt ist, weit weg von den Prinzipien und Werten, die Gott ursprünglich für die Menschheit vorgesehen hatte. So gesehen sind sowohl Religion als auch Atheismus Menschenwerk und folglich einander sehr ähnlich. Dass bei beiden aggressives und grausames Handeln möglich ist, dürfte nicht überraschen, denn beide haben denselben Ursprung: Religion, Atheismus und Terrorismus – sie alle sind Produkte der primären und zuweilen gewalttätigen Natur des Menschen. DONALD WINCHESTER
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