Auf der Achterbahn der Seligpreisungen

Viele Menschen finden heute reine Wortbeiträge, Vorträge, politische Reden und auch Predigten langweilig. Ihnen reicht das Wort nicht mehr. Mindestens die Bebilderungsmaschine von Powerpoint muss noch dazu kommen, so als würden die Redner ihren eigenen Worten nicht mehr trauen. Dann projizieren sie die Zerstreuung lieber auf einen Bildschirm. Denn die Augen des Zuhörers lassen sich leicht ablenken.
Ich bin ganz überzeugt, dass Jesus von Nazareth seinen eigenen Worten und ihrer Wirkung getraut hat. Genauso bin ich überzeugt, dass er die Worte der Bergpredigt, insbesondere die Seligpreisungen nicht gebrüllt hat. Er musste dazu auch nicht wild mit den Armen rudern. Er brauchte die bunten Bilder von Powerpoint nicht. Ich stelle mir vor, dass Jesus von Nazareth die Seligpreisungen der Bergpredigt mit ruhiger, klarer, unaufgeregter Stimme gesprochen hat. Kein Einpeitscher, kein Aufwiegler, kein Krawallbruder, keiner, der Hetzparolen geifert oder sich des zackigen Kommandotons bedient. Ich stelle mir auch vor, dass die Menschen am Fuß des Berges, seine Zuhörer nach den Seligpreisungen nicht applaudiert haben. Die Seligpreisungen sind stille, tröstende Worte. Das fehlende rhetorische Getöse nimmt ihnen nichts von ihrer nachhaltigen Wirkung.
Achterlei
Eigentlich stehen da neun Seligpreisungen. Acht davon sind grammatisch ganz gleich gebaut, deswegen hat sich die Rede von der Serie der acht Seligpreisungen durchgesetzt: die geistlich Armen, die Leidtragenden, die Sanftmütigen, Menschen, die nach Gerechtigkeit hungern, die Barmherzigen, die Menschen reinen Herzens, die Friedensstifter, die um der Gerechtigkeit willen Verfolgten. Die acht Seligpreisungen zielen auf die Menschen, die nach dem Himmelreich, nach Gerechtigkeit und Frieden suchen.
Moralische Verachtung
Man kann die Seligpreisungen leider auch im Sinne qualitativen Wachstums lesen, im Sinne eines moralischen Appells: Werdet barmherziger! Werdet friedlicher! Werdet sanftmütiger! Aber Barmherzigkeit, Frieden und Sanftmut vertragen keine Befehlssprache.
Preisen
Die Seligpreisungen treffen eine paradoxe Aussage. Einerseits sprechen sie einen Glückwunsch aus, richten diesen andererseits aber an Menschen, die für ihre Lebenssituation nach gängigen Maßstäben nicht zu beglückwünschen sind. „Selig die Armen! Selig die Hungernden! Selig die Trauernden!“ – für sich betrachtet klingen die Aussagen zynisch.
Man muss auf den Namen achten: Die Seligpreisungen wollen Menschen preisen. Die irgendwo in der Menschenmenge, auf dem Berg, wo Jesus redet, aber auch im Park in der Sommernacht, da verbergen sich unerkannt die Barmherzigen, die Friedensstifter, die Sanftmütigen. Jede Gesellschaft braucht sie dringend als Gegengewicht zu all den, religiösen Getue der heutigen Zeit, den kirchlichen Einzäunern, den frommen Türwächtern, Türhütern und Türstehern, zu den spirituellen Grenzpolizisten, den dogmatischen Besserwissern und vielen anderen, die den Gemeinden das Leben schwer machen.
Keine Frage: Jesus redet über das Gesetz, gerade über das Gesetz, das zum Glauben verhelfen soll. Aber diese Passagen gehören für ihn nicht an den Anfang. Am Anfang der Bergpredigt stehen Loben und Preisen. Preisen ist solch ein altmodisches Wort geworden. Preisen übertrifft das banale und achtlose „Gefällt mir“ der sozialen Netzwerke. Wer einen anderen Menschen preisen will, der muss ihn erst kennen lernen. Noch viel mehr gilt das, wenn Jesus sagt: Gott preist die Menschen, die barmherzig sind. Gott preist die Menschen, die leiden. Gott preist die Menschen, die Frieden stiften.
Selig sind die, die Gottes Gnade einfach und schlicht (ein zweites altmodisches Wort) im Herzen annehmen. Für das Reich Gottes benötigt niemand eine Aufenthaltserlaubnis, ein Visum, einen Reisepaß oder ein Gesundheitszeugnis. Selig seid ihr. Das Reich Gottes steht allen offen, die sich Gottes Gnade gefallen lassen.
Die Seligpreisungen leiten uns an, Leiden und Unbarmherzigkeit nicht zu vergessen. Aber machen sie uns genauso gewiss, dass am Ende Leid und Elend nicht triumphieren werden. Gott stiftet Menschen zu Barmherzigkeit, Frieden und Gerechtigkeit an, ohne moralischen Zeigefinger. Das macht die Schönheit, die Reinheit (das dritte altmodische Wort) der Seligpreisungen aus: Sie zeigen Trost und Schrecken gleichzeitig. Sie zeigen beides in ihrer ganzen Macht. Und sie zeigen, daß der Trost ein klein wenig größer ist als der Schrecken.
http://predigten.evangelisch.de/predigt/auf-der-achterbahn-der-seligpreisungen-predigt-zu-matthaeus-51-10-von-wolfgang-voegele