Jörg Lauster: Die Verzauberung der Welt

Der Marburger systematische Theologe Jörg Lauster hat das Wagnis unternommen, auf knapp 700 Seiten eine Kulturgeschichte des Christentums zu erzählen.
Der Titel „Verzauberung der Welt“ führt etwas in die Irre, geht es nicht vielmehr um eine „Entzauberung der Welt“ durch das Christentum? Auch der Untertitel weckt falsche Erwartungen – es handelt sich ausschließlich um eine Kulturgeschichte des abendländischen Christentums mit einem deutschen Schwerpunkt. In elf Kapiteln erzählt Lauster die Kulturgeschichte des Christentums, in der Gliederung dabei durchaus konventionell.
Auf ca. 70 Seiten wird die Geschichte der Anfänge bis zur konstantinischen Wende eher knapp behandelt. Die Geschichte des Christentums beginnt mit dem Auferstehungsglauben, der sich auch historisch aufzeigen lässt. Die erstaunlich schnelle, aber geografisch sehr unterschiedliche Ausbreitung des Christentums wird kurz gestreift.
Der italienischen Renaissance widmet Lauster ein umfangreiches Kapitel, das ihn als Kenner und Liebhaber dieser Epoche ausweist. Im Verhältnis dazu wird die Reformation, die er mit Recht als „die Reformationen“ interpretiert, außerordentlich knapp und mit deutlicher Distanz behandelt, was angesichts einer etwas ausufernden Reformationsdekade zwar verständlich ist, aber nicht ganz angemessen erscheint. Einige seiner Urteile fordern zum Widerspruch heraus. Kann man Luthers Abendmahlslehre einfach „traditionell“ nennen? Auch Städte wie Zürich oder die Reichsstädte, auf die er leider nicht eingeht, haben Obrigkeiten, die wie die Fürsten bei der Durchsetzung der Reformation eine wichtige Rolle spielen. Bei Lausters Erzählung der Kulturgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts findet man immer wieder faszinierende Einzelbeobachtungen wie z.B. über die Entstehung des Romans aus dem Geist des Pietismus. Aber die Darstellung hat im Ganzen etwas Zufälliges. Es handelt sich eher um durchaus hochinteressante Essays. Was Lauster nach Kosellek als „Sattelzeit“ (ca. 1770-1830) behandelt, ist dabei kenntnisreich und nicht selten originell. Die Kulturgeschichte des Christentums wird hier fast zu einer allgemeinen europäischen Kulturgeschichte mit einem deutlichen Schwerpunkt in Deutschland. Angesichts vieler interessanter Entdeckungen gerät der Zusammenhang etwas aus dem Blick. Karl Barths Äußerungen über Mozart kann man originell finden, über Mozart sagen sie eigentlich nichts. Gelungen ist dagegen die als Säkularisierungsprozess gedeutete Loslösung der Kirchenmusik aus ihrem bisherigen liturgischen Rahmen. Ein glänzend geschriebenes Buch, das viele Entdeckungen bereithält, aber immer wieder auch zur Diskussion und manchmal zum Widerspruch reizt. Hanns Christof Brennecke Der gesamte Artikel ist auf der  Internetseite http://www.sehepunkte.de/2015/07/26427.html