Von der Pike auf

Wer etwas „von der Pike auf“ gelernt hat, kennt sich in seinem Fachbereich gewöhnlich sehr gut aus. Der Betreffende hat sich auch vor den einfachen und eher unangenehmen Arbeiten nicht gedrückt. Er weiß wovon er redet und hat sich bewährt.
Die Redewendung, etwas „von der Pike auf“ zu lernen stammt ursprünglich aus dem Militär des Mittelalters und der frühen Neuzeit. Eine damals beliebte Waffe der einfachen Soldaten war die „Pike“, ein bis zu drei Meter langer Speer, der insbesondere erfolgreich gegen Reiter eingesetzt wurde. Man konnte den Gegner damit auch aus sicherer Entfernung verletzen ohne dass dieser einem mit Schwert oder Keule gefährlich werden konnte. Wer neu zu den Soldaten kam wurde zuerst gewöhnlich an der „Pike“ ausgebildet. Hatte sich der Kämpfer als „Pikenier“ bewährt bekam er möglicherweise eine Spezialausbildung im Schwertkampf oder mit Feuerwaffen. Dann stieg er zum Arkebusier oder Musketier auf. Ganz gleich wie hoch man in der militärischen Karriere aufstieg, konnte man mit Recht von sich sagen, dass man sein Geschäft „von der Pike auf“ gelernt hatte. Man kannte sich auch mit den Möglichkeiten und Problemen der einfachen Soldaten aus und konnte sie bei seinen Entscheidungen angemessen berücksichtigen.
Jemand, der nicht „von der Pike auf“ Soldat gewesen war, sondern als Quereinsteiger gleich als Hauptmann oder Leutnant begann, schätzte die militärische Situation zuweilen weltfremd, fernab der Möglichkeiten der einfachen Soldaten ein. In der Truppe waren deshalb insbesondere die Offiziere beliebt, die auch die Pikeniere verstanden, ihre Arbeit schätzten, ihnen aber auch keine unmöglichen Aufgaben zumuteten, weil sie selbst dieses Geschäft „von der Pike auf“ gelernt hatten.
Wer heute etwas „von der Pike auf“ gelernt hat ist eher im Alltag es wirtschaftlichen Lebens anzutreffen: der Konstrukteur, der auch schon selber in der Werkstatt stand, der Abteilungsleiter, der auch schon selbst Erfahrungen in Kundengesprächen gemacht hat, oder der Pädagogik- Professor, der schon selbst längere Zeit im Unterrichtszimmer stand – eben nicht der Vorgesetzte, der Regeln und Vorgaben macht, ohne viel von der Materie oder der Arbeit seiner Angestellten zu verstehen.
Auch im gemeindlichen Bereich sollte ein Leiter oder Pastor seine Tätigkeit „von der Pike auf“ gelernt haben. Wer sein Leben lang nur auf der Schulbank oder an der Uni saß, kann die Probleme der Gemeindeglieder nicht richtig verstehen und schätzt ihr alltägliches Engagement in der Gemeinde nicht angemessen. Wer später einmal Pastor werden will, sollte immer zuerst auch bei „einfachen“ Gemeindeaufgaben seine Erfahrungen sammeln, in der Kinderarbeit, in der Küche oder in der Jugendgruppe. Das hilft die Gemeinde zu verstehen und zu schätzen und bewahrt vor allzu weltfremden Beurteilungen. Schon der Apostel Paulus forderte deshalb, dass in einer Gemeinde nur die zu Ältesten und Diakonen ernannt werden sollten, die sich über längere Zeit in „einfachen“ Gemeindeaufgaben bewährt hatten. (1Tim 3,6.10; vgl. 1Petr 5,3) Michael Kotsch
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