Das Beten ist ihr am Anfang schwergefallen

Religion ist für die einen existenzieller Teil des Lebens, für die anderen ein Relikt aus der Vergangenheit. Generell herrscht in der Gesellschaft die Tendenz, den Glauben in die private Ecke zu schieben.
Wie ein Wink vom Himmel wirkt da ein Beitrag, den „Zeit online“ unter dem Titel „Warum ich bete“ veröffentlicht und den „Watson“ übernommen hat. Darin erzählt Judith Luig schonungslos offen, wie sie den Zugang zum Beten gefunden hat. Sie beginnt mit einem bitteren Erlebnis. Der Beerdigung ihres ungeborenen Kindes. Sie hat es zu einem Zeitpunkt der Schwangerschaft verloren, „wo man schon längst denkt, jetzt geht alles gut“. In den Wochen darauf habe sie Hilfe gesucht, bei Ärzten, Therapeuten – erfolglos.
Auf dem Friedhof spricht der Pfarrer von seiner Hoffnung, dass Gott die verstorbenen Kinder zu sich nimmt. Und sie fragt sich: „Woran glaube ich?“ Als der Pfarrer das „Unser Vater“ betet, stimmt sie mit ein, wie automatisch. „Dein Reich komme.“ Leise spricht sie die Worte dieses alten Gebets mit. Als Kind habe sie über diese Worte gerätselt. Sie habe jeweils ohne nachzudenken mitgesprochen. Dann, als die ersten geliebten Angehörigen starben, habe sie sich verzweifelt an diesem Gebet festgehalten „wie an einer Formel“. „Warum können diese Worte trösten?“, fragt sie.
Vom Tag an, als sich Judith Luig von ihrem ungeborenen Kind verabschieden musste, betet sie. „Manchmal vergesse ich es, manchmal ist es zu halbherzig. Aber immer wieder finde ich etwas daran“, verrät sie. „Ich stelle mich ans offene Fenster. Richte meinen inneren Monolog irgendwo dahin. (…) Ich denke über die Worte des ‚Unser Vater‘ nach.“ Und sagt: „Beten ist ein ein intimer Akt. Es ist wie Sex. Man spricht viel drum herum, über was und wie es andere tun, aber über das eigene Erleben redet man nicht gern.“
Das Beten ist ihr am Anfang schwergefallen: „Mit wem spreche ich da? Mit einem bärtigen Mann auf der Wolke?“ Ihr helfen die Texte alter Kirchenlieder. Diese spricht sie nach wie Gebete, lernt sie auswendig. Mit der Zeit hängt sie selbstformulierte Sätze an. Sie äussert ihre Hoffnungen, spricht ihre Dankbarkeit aus. So wird sie finden, was sie sucht.
Als Erschaffener ahnt der Mensch das Ewige jenseits der Materie. Prediger 3,11 sagt: „Auch die Ewigkeit hat Gott den Menschen ins Herz gelegt.“ Rolf Hoeneisen FB

 

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