Heute ist Tag der Arbeit!

Aber in welcher Verbindung steht eigentlich Gottes Wirken mit unserer Arbeit? Timothy Keller beantwortet diese Frage, indem er die Kerngedanken seines Buches „Berufung – Eine neue Sicht für unsere Arbeit“ zusammenfasst:
Erstens gibt uns der christliche Glaube einen moralischen Kompass – eine Art inneres GPS, durch das wir eine ethische Orientierungsfähigkeit erhalten, die uns über die rein rechtlichen Aspekte oder Anforderungen einer Situation hinaus führt. Ein gläubiger Christ, Vorstandsmitglied einer großen Finanzinstitution, die vor Kurzem durch das Bekanntwerden von Korruption Schlagzeilen machte, erzählte mir von einem Meeting von Spitzenkräften hinter verschlossenen Türen. „Wir müssen moralische Werte wiederherstellen!“ forderte einer der Anwesenden. Sofort kam die Gegenfrage: „Wessen Werte? Wer legt denn fest, was moralisch ist und was nicht?“. Und genau da liegt unser Problem. Es gab einmal Umgangsformen, basierend auf von vielen Menschen geteilten moralischen Intuitionen, durch die das Verhalten in der Gesellschaft reguliert wurde. Diese gingen weit über rechtliche Vorschriften hinaus. Vieles von der Rücksichtslosigkeit, von dem Mangel an Transparenz und Integrität die wir auf dem Markt und in vielen anderen Berufszweigen beobachten können, entstammt dem Wegfall dieser moralischen Intuitionen. Aber Christen, die in diesen Bereichen arbeiten, haben eine stabile ethische Orientierungsfähigkeit und können daher durch ihr persönliches Vorbild in das Wertevakuum, das von vielen wahrgenommen wird, hineinsprechen.
Zweitens gibt dir dein christlicher Glaube eine neue spirituelle Kraft, ein inneres Gyroskop, das dich davor bewahrt, durch Erfolg, Versagen oder Langeweile dein Gleichgewicht zu verlieren. Im Bezug auf Erfolg und Versagen hilft das Evangelium Christen dabei, ihre tiefste Identität nicht in ihrer Leistung zu begründen, sondern darin, wer wir in Christus sind. Das bewahrt uns vor aufgeblasenen Egos in Zeiten des Erfolgs, aber auch vor Bitterkeit und Verzweiflung in Zeiten mit viel Gegenwind. Während manche Berufe uns dazu verleiten, zuviel zu arbeiten und uns zu ängstigen, liegt die Versuchung bei anderen Jobs eher darin, sie nur noch als sinnlose Schufterei zu sehen, nur noch für’s Wochenende zu arbeiten, nur das Nötigste zu tun – und auch das nur, wenn wir beobachtet werden. Paulus nennt solch ein Verhalten „Augendienerei“ (Kolosser 3,22-24) und fordert von uns, dass wir jeden Job als Arbeit für einen Gott verstehen, der alles sieht und uns liebt. Dieses Wissen macht Berufe mit hohem Druck erträglich und selbst die bescheidensten Betätigungen bedeutsam.
Drittens gibt uns der christliche Glaube ein neues Verständnis von Arbeit als Gottes Weg, um durch uns diese Welt zu lieben und für sie zu sorgen. Hier ist ein Blick auf die Stellen in der Bibel aufschlussreich, an denen es heißt, dass Gott allen Menschen Nahrung gibt. Denn wie tut Gott das? Durch menschliche Arbeit – von dem einfachen kühemelkenden Bauernmädchen bis hin zu dem LKW-Fahrer, der die Erträge auf den Markt zum Lebensmittelhändler vor Ort bringt. Gott könnte uns direkt ernähren, aber er hat sich dazu entschieden, es durch Arbeit zu tun. Daraus folgen drei wichtige Einsichten: Erstens bedeutet es, dass jede Arbeit, selbst die scheinbar niedrigsten Tätigkeiten, eine große Würde haben. In unserem Arbeiten sind wir Gottes Hände und Finger, durch die er diese Welt erhält und versorgt. Zweitens zeigt es uns, dass wir Gott in unser Arbeit vor Allem dadurch zufrieden zu machen können, indem wir sie einfach gut machen. Manche haben diese Haltung als „den Dienst der Kompetenz“ bezeichnet. Was die Passagiere zuallererst von einer Flugzeugpilotin brauchen ist nicht, dass sie mit ihnen über Jesus redet, sondern dass sie eine tolle, fähige Pilotin ist. Drittens bedeutet es, dass Christen eine große Wertschätzung für die Arbeit der Menschen haben können und sollen, die zwar vielleicht nicht unseren Glauben teilen, aber ihre Arbeit gekonnt verrichten.
Viertens gibt uns der christliche Glaube eine neue Sicht auf die Welt und das Leben, durch welche der Charakter unserer Arbeit geprägt wird. Jede gut verrichtete Arbeit, die dem Wohl der Menschen dient, gefällt Gott. Aber was genau ist denn das „Allgemeinwohl“? Es gibt viele Aufgaben, bei denen wir nicht besonders viel über diese Frage nachdenken müssen. Alle Menschen müssen essen, also ist es ein guter Dienst an den Menschen, Nahrung anzubauen und anzubieten. Doch wie sieht es aus, wenn du eine Grundschullehrerein oder ein Bühnenschriftsteller bist? Wie genau sieht gute Bildung aus – also was solltest du den Kindern beibringen? Oder welche Stücke solltest du schreiben – also welche Art von Geschichten brauchen die Menschen? Die Antworten auf diese Fragen hängen zum Großteil davon ab, wie du die grundlegenderen Fragen beantworten würdest: Was ist der Sinn und Zweck menschlichen Lebens? Worum geht es im Leben eigentlich? Wie sieht ein gutes menschliches Leben aus? Dass unsere Berufe durch unsere bewussten oder unbewussten Überzeugungen im Bezug auf diese Fragen geprägt werden ist unvermeidbar. Deswegen muss ein Christ/eine Christin wirklich darüber nachdenken, wie sein/ihr Glaube die eigene Arbeit spezifisch prägen wird.
Ich bin dankbar, dass das Evangelium in jedem Bereich wirkt – in unserem Verstand, unserem Willen und unseren Gefühlen! Denn so befähigt es uns, sowohl eine tiefe Wertschätzung für die Arbeit von Nichtchristen zu haben, als auch zu versuchen, den eigenen Job auf spezifisch christliche Weise zu denken und auszuüben. Fasst man diese vier Aspekte zusammen, so wird klar, dass Christ zu sein uns dahin führt, Arbeit nicht nur als eine Möglichkeit zum Geldverdienen oder für das persönliche Weiterkommen zu sehen, sondern als eine echte Berufung: Gott zu dienen und den Nächsten zu lieben.“ (Der englische Originalbeitrag findet sich hier.) Timothy Keller
http://www.soulfirekoeln.de/2018/04/30/eine-theologie-der-arbeit-timothy-keller/

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