Sieben Gründe warum Christen keinen „Zehnt“ geben müssen.

Ein Artikel von Thomas R. Schreiner:

Hinweis des Herausgebers: Dieser Artikel ist eine Hälfte der Serie „TGC Asks“ zur Frage: Müssen Christen heute den Zehnt geben?  Die Verteidigung des Zehnt stellt William Barcley im Artikel : The Bible Commands Christians to Tithe, dar. Bei der Begriffswahl „ZEHNT“ orientiere ich mich am Vorschlag von Wikipedia.

Viele denken, dass gläubige Christen den Zehnten von ihrem Einkommen spenden sollten, so dass auch von einem „Zehntopfer“ (engl. „thithes and offerings“) gesprochen wird. Andere sind gleichermaßen davon überzeugt, dass dieser Brauch für Gläubige nicht notwendig ist.
Welche Sicht ist näher an Gottes Wort?
Sicherlich ist dies keine Frage, an der christliche Gemeinschaft zusammenbrechen sollte. Die Liebe ist viel wichtiger als unsere Meinung über den Zehnt(1. Kor. 13). Dennoch würde ich behaupten, dass die Gläubigen an Jesus Christus  nicht ermutigt oder gar dazu aufgefordert werden, den Zehnt zu geben. Jedoch sollte ich meinen Standpunkt erläutern.

Der „Zehnt“ im Alten Testament

Was sagt das Alte Testament darüber? Abraham gab den Zehnten seiner Kriegsbeute an Melchisedek (1. Mo. 14,20) und der Hebräerbrief erwähnt diese Begebenheit um die Überlegenheit des Priesteramtes Melchisedeks über das Levis zu beweisen (Heb. 7,4-10). Gott traf Jakob in Bethel und versprach ihm die Bundessegnungen, der Patriarch versprach Gott den Zehnten von allem was er bekommen sollte (1. Mo. 28,22).
Der Zehnt von Israels Saaternte, der Früchte und der Herde wurde dem Herrn gegeben ( 3. Mo. 27,30-32; 5. Mo. 14,22-24, auch 2. Chr. 31,5-6 und Neh. 13,5.12). Die Menschen gaben einen Zehnten den Leviten um sie zu unterstützen (4. Mo. 18,21-24, auch Neh. 10,38 und 12,44). Und die Leviten wiederum mussten einen Zehnten Teil an die Priester abgeben (4. Mo. 18,25-28). Jene, die nicht den Zehnt gaben, unterlagen einem Fluch, während den Gehorsamen ein Segen zugesagt wurde (Mal. 3,8-10)

Obwohl wir annehmen könnten, dass Israel insgesamt 10% abgab, ist es in der Tat schwierig die genaue Menge der Abgaben zu ermitteln. Wir können nicht auf Details in einem solch kurzen Artikel eingehen, doch einige denken, dass die Israeliten 14 mal in sieben Jahren verzehnten, andere glauben, dass dies 12 mal geschah. Unabhängig davon, wird schnell deutlich, dass ein Zusammenzählen der Abgaben zehn Prozent deutlich übersteigt. Tatsächlich war die Zahl offensichtlich bei etwa 20% pro Jahr.

Warum der Zehnt heute nicht mehr gefordert ist

Es gibt sieben ausschlaggebende Gründe, warum der Zehnt heute nicht mehr von den Christen gefordert wird:

1. Die Gläubigen sind nicht mehr unter dem mosaischen Bund (Röm. 6,14-15; 7.5-6; Gal. 3,15-4,7; 2. Kor. 3,4-18).

Die im mosaischen Bund festgelegten Gebote sind für den Gläubigen nicht mehr in Kraft. Manche wenden hier eine Teilung zwischen bürgerlichen, zeremoniellen und moralischen Gesetzen an, um den Zehnt zu verteidigen. Ich würde jedoch einwenden, dass diese Unterteilung nicht die grundlegende Argumentation von Paulus um  das Gesetzt für uns heute anzuwenden. Und selbst wenn wir diese Unterteilung annähmen, so wird deutlich, dass der Zehnt nicht Teil des moralischen Gesetzes ist. Es ist zwar wahr, dass die moralischen Normen des Alten Testament auch heute in Kraft sind und wir nehmen sie vom Gesetz Christi im Neuen Testament wahr, doch der Zehnt ist nicht unter diesen Geboten.

2. Das Verhalten von Abraham und Jakob stellt kein normatives Muster dar.

Manche denken, dass der Zehnt gefordert ist, weil sowohl Abraham wie Jakob ihr Einkommen verzehnten, und beide vor dem mosaischen Bund lebten. Doch solche Beispiele beweisen kaum, dass damit der Zehnt für alle Zeit festgelegt wurde. Abrahams Geschenk an Mechisedek war ein einmaliges Ereignis. Es gibt keine Beweise dafür, dass er Gott regelmäßig den zehnten Teil abgab.

3. Der Zehnt wurde den Priestern und Leviten gegeben, doch im neuen Bund gibt es keine Priester und Leviten.

Leviten und Priester sind  mit dem Opfersystem des alten Bundes verknüpft. Nun sind alle gläubigen Priester (1. Pet. 2,9; Offb. 1,6; 5,10; 20.6), mit Jesus unserem melchisedekischen Hohepriester (Heb. 7).

4. Der Zehnt ist mit dem Land verknüpft, das Israel unter dem alten Bund geerbt hat.

Israel sollte alle drei Jahre in Jerusalem zu einer „Zehntfeier“ zusammenkommen. Doch dies kann heute nicht für Christen angewandt werden. Dieser Brauch bezog sich auf die Juden als eine Nation – Juden, die im Land der Verheißung lebten. Mit dem Kommen Christi, ist die jüdische Nation nicht mehr der Locus des Volkes Gottes, obwohl einzelne Juden durch den Glauben an Jesus Teil der Gemeinde sind.

Das irdische Jerusalem ist nicht mehr zentral für Gottes Zweck (Gal. 4,25). Die Gläubigen sind Teil des himmlischen Jerusalems (Gal. 4,26) und erwarten die Stadt, die kommen soll (Heb. 11,10), und einen neuen Himmel und eine neue Erde (Offb. 21,1-22.5). Abraham ist nicht Erbe von Israel sondern der ganzen Welt (Röm. 4,13)

5. Wenn der zehnt heute verpflichtend ist, wie viel muss man dann geben?

Wie bereits oben ausgeführt, lag der Anteil der Abgaben bei deutlich mehr als zehn Prozent, eher bei zwanzig Prozent. Die, die am Zehnt bestehen, sollten diesen wahrscheinlich bei zwanzig Prozent ansetzen.

6. Als Jesus den Zehnt bestätigte, war es vor der Morgendämmerung des neuen Bundes.

Manche verteidigen den Zehnt, indem sie ausführen, dass Jesus diesen bestätigte, obwohl er sagte, dass er weniger wichtig sei als andere Dinge (Matth. 23,23; Luk. 11,42). Dieses Argument wirkt starkt ist aber nicht überzeugend. Jesus erwähnte auch die Opfer im Tempel (Matth. 5,23-24), doch Christen denken nicht – selbst wenn der Tempel wieder aufgebaut würde-, dass wir das tun sollten. Die Worte unseres Herrn werden verständlicher, wenn wir über seinen Platz in der Heilsgeschichte nachdenken.

Jesus sprach über die Opfer und den Zent vor dem Kreuz und der Auferstehung, vor der Morgendämmerung des neuen Bundes. Er verwendete den Zehnt und die Opfer als Illustrationen, als er sich an seine Zeitgenossen richtete. Er hielt das Gesetz, denn er war „unter dem Gesetz geboren“ (Gal. 4,4). Wir aber sehen seine Worte über den Zehnt genauso wenig als Gebot an, wie seine Rede über die Opfer.

7. Nirgendwo wird der Zehnt erwähnt, wenn das Neue Testament zum großzügigen Geben aufruft.

Wenn Christen gelehrt werden, den Armen zu geben, heißt es nie, sie sollen den „Armen den Zehnt geben“. Stattdessen werden sie zur Großzügiger Hilfe gegenüber Hilfsbedürftigen aufgerufen (Apg. 2,43-47; 4,32-37; 11,27-30; Gal. 2,10; 1. Kor. 16,1-4; 2 Kor. 8,1-9,15). Auch 1. Kor, 16-14 – Eine Stelle die oft zur Verteidigung des Zehnt zitiert wird – erwähnt diesen nicht. Es bezieht sich auf eine einmalige Gabe an die armen Heiligen in Jerusalem.

Gebe Großzügig

Auch wenn der Zehnt heute nicht gefordert wird, heißt das nicht, dass die Gläubigen ihre Besitztümer horten sollen.

Wir werden aufgefordert die zu unterstützen, die das Evangelium predigen (Matt. 10,10; Luk 10,7; 1 Kor. 9,6-14, 1. Tim. 5,17-18). Und während wir die guten Gaben genießen sollen, die Gott uns gibt, werden wir auch aufgerufen den Hilfsbedürftigen großzügig zu helfen (1. Tim. 6,17-19; 2. Kor. 8-9). Reichtum kann schnell zum Götzen werden, der uns vom Herrn wegführt. Weil Gott unser Schatz sein sollte, sollen Gläubige großzügig und frei geben. Für viele im Westen bedeutet das, mehr als zehn Prozent zu geben.

Dennoch gebietet die Schrift nicht, dass Christen den Zehnt geben sollen – Und die Schrift – nicht die Tradition –  ist unsere Regel und Autorität


thomas-r-schreiner

Dieser Artikel erschien zuerst am 28. März 2017 auf The Gospel Coalition.  Autor ist Thomas R. Schreiner. Er ist James Buchanan Harrioson Professor für Neues Testament und biblische Theologie, sowie Dekan für Bibelkunde und Hermeneutik am Southern Baptist Theological Seminary in Louisville, Kentucky. Folge ihm auf Twitter.

thegospelcoalition

Übersetzung mit freundlicher Genehmigung des Autors und The Gospel Coalition.
https://glaubend.com/2019/05/07/sieben-gruende-warum-christen-keinen-zehnt-geben-muessen/

Werbeanzeigen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s