„Was in meinem Haus klassisches Latein ist, bestimme ich“ Friedrich Dürrenmatt in Drama und Roman von Sergej Pauli

Dürrenmatt ist ein Schriftsteller, der es mir in der Schulzeit besonders angetan hat. Der Roman „Der Richter und sein Henker“ und die Komödien „Die Physiker“ und „Der Besuch der alten Dame“ waren Pflichtlektüre. Im Vergleich zu Schiller schnitt Dürrenmatt bei uns Schülern deutlich besser ab. Ich war damals so angetan von Dürrenmatt, dass ich fast sein vollständiges Werk durchgearbeitet habe. Dieses gibt es übrigens für wenig Geld zu erwerben oder in so gut wie jeder Bibliothek (selbst in der Bibliothek unserer technischen Hochschule fand man diese). Dennoch schlich sich mir mehrfach der Verdacht auf, dass man gezielt die „konservativeren“ Werke Dürrenmatts nicht in die Schullektüre aufnahm, wie dieser kurze Überblick zeigen soll:

Prosa:

  • „Der Richter und sein Henker„‘ erzählt die Geschichte von Kriminalkommissar Bärlach, der einen bisher ständig davon gekommenen Verbrecher nicht anders zur Strecke bringen kann, als durch eine kompliziert Intrige. Gerechtigkeit scheint sich auf legalem Wege nicht durchsetzen zu können
  • Was viele nicht wissen ist, dass Komissar Bärlach einen weiteren Fall löst. (Ich hätte es mir gewünscht, dass die Lehrerschaft wenigstens mit einem Satz darauf aufmerksam gemacht hätte). In „Der Verdacht“ geht es um die Entlarvung eines KZ-Arztes. Sicherlich weniger tiefsinnig als der erste Teil, dafür näher an der Realität (zumindest der Nachkriegszeit).
  • Thematisch reiht sich der Roman „Das Versprechen“ an. Sehr sensibel bespricht Dürrenmatt das Thema des Kindesmissbrauchs. Auch hier kommt ein Komissar nur „falsch ermittelnd“ zum „richtigen Ergebnis“. An der sehr sehenswerten Verfilmung „Es geschah am helllichten Tage“ war Dürrenmatt ebenfalls beteiligt.
  • Ich denke, in „Die Panne“ wird Schuld uns Sühne, Verbrechen und Strafe am tiefgründigsten besprochen. Ein allzu durchschnittlicher Vertreter kommt vor ein Galgengericht. Bereits auf den ersten Seiten erahnt man das tragische Ende
  • In den späteren Jahren wird Dürrenmatts Werk bizarrer, was „Im Auftrag oder Vom Beobachten des Beobachters der Beobachter“ beweist. 24 Kapitel: Jedes nur einen Spagetti-Satz lang.
  • Schließlich muss noch das „Durcheinandertal“ erwähnt werden. Viele Stränge führen in ein kleines Schweizer Dorf. Doch die Idylle täsucht. Ein riesiges Hotel benutzt der schmierige Prediger „Moses Melker“ (welch Ironie) dazu, den Reichen dieser Welt die Armut zu zeigen. Im Winter jedoch dient das Hotel als Versteck für ein Verbrechersyndikat. Als ein 14jähriges Mädchen vergewaltigt wird, sucht man nicht das Nahe liegende, sondern vermutet lieber eine sowjetische Invasion. So viel Chaos kann natürlich nur in einer schlimmst möglichen Wendung enden.

Theaterstücke

  • „Die Physiker“: Sind Einstein, Newton und Möbius (mit siener Weltformel) eine Gefahr oder bleibt Ihnen nichts anderes übrig als sich vor den Verbrechern dieser Welt in einem Irrenhaus zu verstecken. Erstaufgeführt 1962 als sich die Großen Staaten dieser Welt von einer Megabombe zur Nächsten steigerten.
  • „Der Besuch der alten Dame“. Die Bürger eines heruntergekommen Schweizer Ortes werden doch nicht so gierig sein, jegliche Tugend zu vergessen, um an eine Großzügige Spende der alten Dame zu kommen? Leider ja!
  • „Romulus der Große“. Die letzten beiden Tage des römischen Reiches verbringt der Kaiser Romulus lieber mit Hühnerzucht. Man kommt nicht umhin Sympathie mit einem Tyrann zu entwickeln.

Hörspiele:

Die Nachkriegszeit war die Blütezeit des Hörspiels. Für Fernseher gab es (noch) nicht genug Geld, dafür war jeder mit Radios versorgt. Auch Dürrenmatt beteiligte sich kräftig, da vieles im öffentlichen Rundfunk erschien, finden sich viele Hörspiele immer noch auf youtube. Zumeist handelt es sich um Bearbeitungen von vorher oder parallel erschienen Theaterstücken.Der Prozess um des Esels Schatten: Ein Eselstreiber kann es nicht dulden, dass man auch den Schatten seines Esels nutzen will. Gier vermehrt sich bekanntlich schnell und endet in einer grausigen Zerstörung.

Stranitzky und der Nationalheld. Der Kriegsinvalide Adolf Josef Stranitzky sieht seine große Chance der Machtübernahme, als der Nationalheld Möwe aussätzig wird.

Herkules und der Stall des Augias: Der alternde und von Gerüchten und Schulden umgebene Herkules scheitert daran, die Statt Elis vom Pferdemist zu befreien.

Abendstunde im Spätherbst: Ein spannender kurzweiliger Krimi für zwischendurch.

Auch „die Panne“ und „Romulus der Große“ und „der Besuch der alten Dame“ wurden von Dürrenmatt höchstpersönlich als Hörspiele realisiert.

Besprechung

Eine ausführliche Dokumentation über Dürrenmatt findet sich auf youtube.

Dürrenmatt schaut tief in die menschliche Seele: Regelmäßig deckt er auf, dass in jedem auch so „frommen“ Spießbürger ein Tyrann steckt. Selbst wenn man diese innewohnende Tyrannei hinter großem Durcheinander und vielen Argumenten verstecken möchte, kann man vor Schuld nicht weglaufen.  Viele der Protagonisten unternehmen die verrücktesten Dinge um ihren Schein und Namen zu wahren. Alles also allzu menschlich. Wie oftmals wagt sich auch in diesem Fall ein Nichtchrist an eine aufrichtigere Analyse, als viele Christen es tun würden. Definitiv wird es dem Werk Dürrenmatts nicht gerecht, die Schuldfrage auf die Geschehen des dritten Reichs zu reduzieren.
https://www.nimm-lies.de/was-in-meinem-haus-klassisches-latein-ist-bestimme-ich/13588?fbclid=IwAR3mJEfd_whVP7jvBeHmebQsGPNCK1kDkgZej1C4G_ziXBC_8DiYId9haAI

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