Waldenser: Keine Garantie für dauerhafte Bibeltreue

„Das Licht leuchtet in der Finsternis“, lautet der alte Wahlspruch der Waldenser. – Auf der Suche nach Gott ließ sich der wohlhabende Kaufmann Petrus Valdes Ende des 12.Jahrhunderts die Bibel ins Provenzalische, der Volkssprache seiner Region, übersetzen. Beim Lesen begeisterten ihn das Vorbild Jesu und seiner Jünger. Er motivierte seine Freunde, überall in ihrer Umgebung vom biblischen Evangelium zu predigen. Nach und nach begannen die „Armen von Lyon“, wie man sie nannte, die offizielle katholische Kirche zu kritisieren. In der Bibel fanden sie nichts von einer verpflichtenden Beichte, nichts vom materiellen Reichtum der Kirche, nichts von Heiligenverehrung, Ablass oder Fegefeuer. Wie Jahrhunderte später die Reformatoren setzten sie auf private Bibellese, Laienpriestertum und Erlösung durch göttliche Gnade allein. Lange wurden die vornehmlich in Südfrankreich und Norditalien lebenden Waldenser von katholischen Herrschern verfolgt. Im 16.Jahrhundert knüpften sie intensive Kontakte zu den süddeutschen und schweizer Reformatoren.
Nach der nationalen Einigung Italiens in der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts gingen die Waldenser daran, offen im ganzen Land für das Evangelium zu werben. Doch bereits eine Generation später öffnete man sich für die Tendenzen der Bibelkritik und suchte nach Akzeptanz durch die katholische Kirche.
Während der letzten Woche habe ich eine Studienreise nach Rom geleitet (13.-19.Oktober 2019). Unter anderem besuchten wir in diesem Zusammenhang die heutige Ausbildungsstätte der Waldenser. Voller Stolz berichtete uns dort Prof. Vogel wie anerkannt und vernetzt die Hochschule zwischenzeitlich sei. Er sei froh darüber, dass sich die Dozenten schon bald nach der Gründung des Seminars von der ursprünglichen frommen, erwecklichen Ausrichtung verabschiedet hätten. Heute sei man da wesentlich breiter aufgestellt, so Vogel. Man betreibe selbstverständlich historisch- kritische Theologie und Suche nach einer weiteren Annäherung an die katholische Kirche. Bereits vor vierzig Jahren habe man sich mit den italienischen Methodisten zusammengeschlossen und offiziell auf Mission unter Katholiken verzichtet. Auf die Frage, was denn heute das Besondere der Waldenser ausmache, wusste er keine Antwort. Eigentlich befänden sich die Waldenser in weitgehender Einigkeit mit der Bibelkritik an deutschen theologischen Fakultäten. Darüber hinaus stehe man in freundschaftlichem Austausch mit der katholischen Kirche. Zwar gäbe es für das ganze Theologiestudium nur noch 10 Studenten und die Mitgliederzahlen der Waldenserkirche schrumpften beständig, trotzdem glaubt Vogel seine Kirche auf dem richtigen Weg.
Schlussendlich ist es erschütternd, wie eine ehemals weitgehend biblisch orientierte Waldenserkirche, die den Glauben trotz katholischer Verfolgungen über Jahrhunderte hinweg erhalten hatte, heute aber auf ihre Selbstauflösung zusteuert. Solche Entwicklungen sollten ein warnendes Zeichen sein für alle heutigen evangelikalen Werke und Gemeinden. Bibeltreue und geistliches Glaubensleben lassen sich weder konservieren, noch für kommende Generationen garantieren. Zahllose Beispiele führen vor Augen, wie einst klarstehende Glaubenswerke untergingen oder ihre Existenzberechtigung verloren, nachdem sie sich der Bibelkritik oder dem Zeitgeist an den Hals warfen. Verantwortlich für seine Treue Gott und seinem Wort gegenüber ist natürlich jeder selbst, jeden Tag neu. Michael Kotsch
deutschlandfunk.de Waldenser-Museum in Italien – Ende der Häresie Italien war nie rein katholisch, auch wenn die italienische Verfassung bis…

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