Völkermord: Was nicht sein darf, kann auch nicht sein!?

Schuld einzugestehen fällt nicht nur einzelnen Menschen schwer, sondern zuweilen auch ganzen Staaten. Gewöhnlich zieht ein solches Eingeständnis Forderungen nach Wiedergutmachung nach sich. Außerdem kratzt es gehörig am eigenen Stolz.
Im Selbstbild der türkischen Regierung ist das eigene Land immer nur an Frieden und Gerechtigkeit interessiert; selbst wenn es tausende eigener Bürger auf vagen Verdacht hin inhaftiert oder völkerrechtswidrig Teile des Nachbarlandes Syrien besetzt. Deshalb kann es natürlich auch nicht sein, dass die Türkei bzw. dessen staatlicher Vorläufer, das Osmanische Reich, vor rund einhundert Jahren einen rücksichtslosen Völkermord an den Armeniern durchgeführt hat (1915-17).
Trotz zahlreicher Zeugenaussagen, unter anderem von deutschen Diplomaten die sich damals im Land aufhielten, wurde jahrelang geleugnet, dass es überhaupt einen solchen Vorgang gegeben habe. Als das schließlich nicht mehr möglich war, verlegte sich die türkische Regierung auf die wenig überraschende These, man habe in einer Art Selbstschutz lediglich einige tausend Terroristen töten müssen. Gegenwärtig wird diese Geschichte folgendermaßen modifiziert: Armenische Nationalisten hätten die türkische Bevölkerung dermaßen bedroht, dass man zu deren Schutz gewaltsam gegen diese Leute vorgehen musste. Dabei seien leider auch einige Unschuldige getötet worden, insgesamt um die 300 000 Menschen. Von einem „Völkermord“ könne man aber keinesfalls reden, so die offizielle Lesart. Jeder, der etwas anderes behauptet müsse als „Feind der Türkei“ betrachtet werden. Im eigenen Land kann die türkische Regierung jeden der von Völkermord redet problemlos ins Gefängnis werfen lassen; wegen „vergehen gegen das Türkentum“. So wundert es kaum, dass die jüngste US-amerikanische Entschließung zum Völkermord an den Armeniern, von der türkischen Regierung als vollkommen ungerechtfertigter Versuch politischer Diffamierung interpretiert wird (30.10.2019).
Abgesehen von einigen türkischen Publikationen sind sich Historiker allerdings ziemlich einig, was die Massaker an den Armeniern betrifft: Während des Ersten Weltkriegs wollten türkische Politiker, unter ihnen auch der spätere Staatsgründer Kemal Atatürk ein ethnisch einheitliches Land schaffen. Im Weg standen dabei vor allem Kurden, Armenier und Griechen. Nach detailliert ausgearbeiteten Plänen wurden in den folgenden Jahren die meisten Griechen vertrieben, die Armenier ermordet oder deportiert und die Kurden unterdrückt, sodass es lange schon als Verbrechen galt Kurdisch zu sprechen.
In einer ersten Phase hetze man kurdische Milizen gegen die Armenier auf. Wenig später schalteten sich auch offizielle türkische Truppen ein. Tatsächlich gab es kleinere Gruppen armenischer Nationalisten die Anschläge auf türkische Einrichtungen und Amtsträger durchgeführt hatten. Das lieferte einen willkommenen Vorwand, flächendeckend gegen alle Armenier im ganzen Land vorzugehen. Wer nicht sofort ermordet wurde, starb auf Todestrecks oder wurde in Lager nach Syrien deportiert. Türken, die den Armeniern helfen wollten, wurden kurzerhand selbst inhaftiert. Türkische Politiker, die sich weigerten die Befehle zum Völkermord umzusetzen wurden ihres Amtes enthoben. Augenzeugen berichteten von hunderten von Leichen, die sie in Flüssen schwimmend gesehen hatten. Die deutschen Beobachter unternahmen nichts, weil sie damals mit dem Osmanischen Reich verbündet waren. Am Ende der Aktion war die Türkei weitgehend frei von Armeniern. Hitler, der von den Massakern las, bezeichnete diesen Völkermord als Vorbild für sein Vorgehen gegen die Juden. Historiker schätzen, dass damals rund 1,5 Millionen Menschen ermordet wurden, unabhängig von Alter und Geschlecht. – Aber wie gesagt, nach türkischer Rechtslage hat dieser Völkermord nie stattgefunden.
Tragischerweise ist diese Gräueltat nicht die einzige der jüngeren Geschichte. Leider ist jeder Mensch jederzeit zu Ähnlichem in der Lage; dann natürlich gegen eine andere Gruppe der Gesellschaft. Mit ziemlicher Sicherheit können wir davon ausgehen, dass ähnliche Ungerechtigkeiten zukünftig wieder passieren werden, nur eben unter einem anderen Vorzeichen, mit anderen Begründungen. Eine echte Veränderung des Denkens und der Beziehung zu anderen Menschen kann nur durch eine geistliche Neuprägung Gottes geschehen. Michael Kotsch

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