Wie Zion zur Tochter wurde

Ein Junge will von mir wissen: Wer ist denn dem Zion seine Tochter? Ich merke: Er stellt sich ein Mädchen vor, das laut jubelt und eben die Tochter eines gewissen Zions ist. Und – so fragt der Junge weiter – der Sohn vom David, heißt der Hosianna? Auch ein komischer Name.
Ich kläre ihn auf: Es gibt keinen Zion, dessen Tochter jubelt, und es gibt keinen David mit einem Sohn namens Hosianna. Tochter Zion ist ein biblischer Begriff. Er bezeichnet einfach die Stadt Jerusalem. Die Belege für die Personifikation beschränken sich auf die Prophetenbücher, und einige Psalmen. Hosianna ist ein Ruf der Freude, und des Jubels.
Es ist eigentlich ein Weihnachtslied, das ursprünglich überhaupt kein Weihnachtslied war. Eher im Gegenteil. Die Melodie klaute der Barockkomponist Georg Friedrich Händel zunächst einmal bei sich selbst: Er recycelte einen Chorsatz aus dem Oratorium „Josua“ für seinen „Judas Maccabaeus“. Dieses „Siegesoratorium“ widmete Händel einem, den man bis heute in Schottland in unguter Erinnerung hat: Wilhelm August, Herzog von Cumberland, englischer Sieger in der blutigen Schlacht von Culloden, in der das alte Schottland der Clans unterging. Zur Melodie von „Tohochter Zion“ bejubelte das Volk in England das Ende des Jakobitenaufstands von 1745/46, die Niederlage der nördlichen Nachbarn und das Desaster des Hauses Stuarts: „See the conqu’ring hero ­comes“ – seht, der erobernde Held kommt, ging der Text.
Die Verse von „Tochter Zion“ aber stammen aus dem Jahr 1826 und gehen auf den evangelischen Theologen Friedrich Heinrich Ranke zurück – übrigens einen Bruder des großen, später geadelten Historikers Leopold von Ranke (1798-1876). Bedient hat sich Ranke beim Propheten Sacharja (9,9), wo es heißt: „Du, Tochter Zion, freue dich sehr, und du, Tochter Jerusalem, jauchze! Siehe, dein König kommt zu dir…“
Mit „Tochter Zion“ ist die Stadt Jerusalem gemeint, die sich freuen soll, weil der Sohn Davids, also Jesus, als Friedensbringer zu ihr kommen wird. Der Einzug Jesu in Jerusalem (Matthäus 21,1-9) und die Zuschreibung als „Friedefürst“ sowie als Kind des ewigen Vaters (Jesaja 9,5).
Zwischen dem vierstimmigen Chorsatz von Händel und dem Lied von Ranke bestehen einige wenige Unterschiede. Händels Chorsätze aus Judas Maccabäus und Joshua stehen in G-Dur. Auf den Chorsatz von Händel legte und zwei weitere Strophen beifügte, die das kommende, ewige Friedensreich Jesu Christi besingen. Ranke entwarf es für den musikalischen Salon von Karl Georg von Raumer. Dessen Schwägerin Louise Reichhardt veröffentlichte das Lied 1826 in ihrer in Hamburg herausgegebenen Sammlung Christliche, liebliche Lieder, unter der Überschrift „Am Palmsontage“. Über diese Publikation gelangte das Lied in Schulliedersammlungen und wurde populär.
Friedrich Heinrich Ranke hat übrigens auch den Text für ein anderes bekanntes Weihnachtslied besorgt. 1823 schrieb er „Herbei, o ihr Gläubigen“, wobei er auf das lateinische Original „Adeste Fideles“ zurückgriff.
Das Lied „Tochter Zion“ kann an drei Stationen des Kirchenjahres erklingen. Entstanden ist es für den Palmsonntag, Advent und Weihnachten. In der NS-Zeit war das Lied mit seinem „jüdischen“ Titel verpönt.

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