VON DEN PSALMEN LERNEN – MIT DEN PSALMEN BETEN

Wie wir einen besonderen Schatz der Bibel neu entdecken Der Psalter ist ein besonderes und einmaliges Buch der Bibel. Natürlich gilt dies auch für andere Bücher im Alten und Neuen Testament. Aber was ist das Besondere des Psalters?
DER PSALTER – EIN GEBETBUCH?
Häufig wird der Psalter als das Gebetbuch der Bibel bezeichnet. Gewiss enthält fast jedes biblische Buch Gebete oder Ausführungen zum Gebet. Um nur ein Beispiel zu nennen: Die meisten Briefe von Paulus beginnen mit der Reflexion über sein Gebet für die Gemeinde oder für Personen. Kein anderes Buch der Bibel enthält jedoch so viele Gebete wie der Psalter und ist auch als Gebetssammlung zu verstehen. Und doch ist der Psalter nicht nur Gebetbuch. Nicht jeder Psalm ist ein Gebet. Es gibt auch eine Reihe von Lehr-Psalmen. Dies gilt gleich für die ersten beiden Psalmen. Streng genommen kann man einen solchen Psalm im Gottesdienst wohl sprechen – aber nicht beten. Man erkennt das an der Anredeform. Zum Gebet gehört die Anrede „Du“. Bei manchen Psalmen geht es ineinander über. So ist der bekannte Psalm 23 zunächst ein Bekenntnis (Vers 1), dann wird das Bekenntnis im Zeugnis entfaltet (V. 2-3), dann bricht der Psalm um in ein Gebet (V. 4-5) und endet mit der Aussage einer persönlichen Zukunftsgewissheit (V. 6). Das Neben- und Ineinander von Lehre und Gebet hat einen ganz tiefen Sinn. Die Lehre führt zum Gebet. Zum biblischen Glauben gehört in gleicher Weise die Rede von und über Gott und die Rede mit Gott. Das Gebet ist geradezu Antwort auf die Lehre. Was wir über Gottes Wesen und Handeln wissen, soll letztlich nicht nur zum glaubenden Annehmen, sondern auch zu Lob und Anbetung führen. Auf der anderen Seite korrigiert die Lehre das Gebet. Das Gebet soll der Lehre entsprechen. Auch im Gebet kann es Fehlentwicklungen geben. Bevor Jesus in der Bergpredigt das Vaterunser als Beispielgebet seinen Jüngern gibt, erklärt er ihnen, wie man nicht beten soll (Matthäus 6,5-13). Durch das Ineinander von Lehre und Gebet finden sich im Psalter Gebete, die ganz tiefe Theologie beinhalten und somit gleichzeitig wieder geeignet sind zur Lehre, nicht nur über das Gebet. Als Konsequenz daraus ergibt sich, dass wir Psalmen nicht nur beten können, sondern auch auslegen müssen. Wenn Lehre und Gebet im Psalter ineinander gehen, dann muss auch Auslegung und Gebet in der Anwendung des Psalters ineinander gehen.
DER PSALTER – EIN LEHR- UND GEBETBUCH MIT WEITE
Zwei persönliche Beobachtungen aus der Praxis stelle ich voran, ohne diese verallgemeinern zu wollen. Zum einen nehme ich in Gebetsgemeinschaften ein starkes Kreisen um die eigenen Belange wahr, zum andern beobachte ich eine große Stärke des Gebets in Bitte und Fürbitte, auch der Dank hat noch seinen Raum obwohl er oft kürzer ausfällt und offensichtlich mehr Mühe macht. Schwer tun sich viele mit Klage und Anbetung. Der Psalter führt uns sowohl in der Lehre als auch im Gebet in eine große Weite. Die Themen des Psalters können nur in Ansätzen benannt werden: Es geht um die Tora (das Gesetz oder besser das Wort Gottes) und um den Messias. Es geht um das Königtum der irdischen Könige aus dem Hause David und um Gottes Königsherrschaft. Es geht um Gottes Wirken in der Schöpfung und in der Geschichte. Es geht in verschiedenster Weise um Israels Ergehen in der Zeit des Alten Testaments, es geht um Belange des Einzelnen und des ganzen Volkes Israel. Es geht um die Verarbeitung von Gegenwart und Vergangenheit und um die Hoffnung auf das zukünftige Handeln Gottes. Es geht um Themen wie Sünde, Führung, Feinde, Sterben. Die ganze Breite des menschlichen Lebens kommt vor. Diese thematische Weite spiegelt sich auch in den Formen. Es gibt Gebete von Einzelnen und Gebete der Gemeinde. Es gibt liturgische Wechselgesänge und Tempelliturgien. Vor allem bietet der Psalter aber das weite Spektrum von der Klage bis hin zur Anbetung. Die Unterteilung der Gebete in Klage, Bitte, Fürbitte, Dank, Lob und Anbetung, die wir vornehmen, hat gerade im Psalter einen Anhaltspunkt, weil in ihm alle diese verschiedenen Gebetsformen vorkommen. Somit ist der Psalter im Blick auf die thematische Weite und im Blick auf die verschiedenen Gebetsformen ein Buch für Lehre und Gebet.
DER PSALTER WEIST EINEN WEG   VON DER KLAGE ZUM LOB
Es ist vielleicht für Viele überraschend, dass die häufigste Gebetsform im Psalter die Klage ist. Über den Psalter hinaus begegnet die Klage an vielen anderen Stellen der Bibel und nicht nur im Alten Testament (Matthäus 27,46; Offenbarung 6,10). Dazu ein paar Überlegungen. Die Häufigkeit von Klagegebeten im Psalter und in der ganzen Bibel zeigt, dass diese Form des Gebets zum Gebetsleben der Frommen dazugehört. Beter, die angesichts von Leid Gott in seinem Handeln nicht verstehen, klagen dies vor Gott und bringen es in den Fragen „Warum“ und „Wie lange“ zum Ausdruck. Die Klagegebete sind von einer ganz tiefen Offenheit und Ehrlichkeit gegenüber Gott geprägt. Ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen, klagen die Beter ihr Unverständnis über Gottes Handeln. In den meisten Klagepsalmen kommt schon die Wende zum Lob zum Ausdruck (Psalm 13,6; 22,23-32). Die Frage, wie diese Wende zu erklären ist, ist bei den Auslegern umstritten. Ich gehe davon aus, dass man je nach Psalm und Situation von mehreren Erklärungsmöglichkeiten ausgehen muss. Die erste Möglichkeit ist, dass sich die äußere Not schon gewendet hat und die Klage ein unmittelbarer Rückblick auf die vergangene Not ist. Die zweite Möglichkeit ist, dass sich die Situation noch nicht geändert hat und sich vielleicht auch gar nicht mehr ändert, der Beter aber trotzdem zu einem neuen Vertrauensverhältnis zu Gott findet. Dies kann erfolgt sein durch einen inneren Wandel, dass nach ausgesprochener Klage früher oder später neues Vertrauen reift. Dies kann auch erfolgen durch den Zuspruch von außen, sei es durch einzelne Personen oder die Gemeinde. Wir sollen die Klage also nicht unterdrücken. Wo Grund zur Klage besteht, soll und darf auch geklagt werden. Wo echt geklagt wird, wird auch der Wandel zum Lob geschenkt. Der Zuspruch der Gemeinde, nicht die Ermahnung, ist dabei wichtig. Einen Weg von der Klage zum Lob zeigt auch die Zusammenstellung der Psalmen. Zunächst überwiegen die Klagepsalmen, gegen Ende überwiegt das Lob. Die letzten Psalmen 146 – 150 beginnen und enden jeweils mit „Halleluja“. Damit wird der Weg von der Klage zum Lob nochmals unterstrichen, der nicht nur individuell, sondern auch heilsgeschichtlich gilt.
DER PSALTER WEIST ÜBER SICH  HINAUS AUF CHRISTUS
Jesus wird im Psalter nicht ausdrücklich genannt. Christen lesen jedoch das Alte Testament und somit auch die Psalmen von Jesus Christus her und stellen fest, dass sich diese Worte in einem letzten und tiefsten Sinn in Jesus erfüllt haben. Am deutlichsten wird dies an den messianischen Psalmen 2 und 110, die im Neuen Testament aufgenommen und entsprechend gedeutet werden, man denke an die wörtliche Aufnahme von Psalm 110,1 durch Jesus in Matthäus 22,44. Auch direkte Bezüge in einzelnen Psalmen auf das Leben Jesu sind nicht zu übersehen (Psalm 22). Über diese direkten Bezüge hinaus ist jedoch an eine weitere Erfüllung zu denken. Obwohl ihre theologische Tiefe nicht zu leugnen ist, fehlt den Psalmen doch in vielen Fragen eine letzte Klarheit, die nur von Christus herkommen kann. An zwei Beispielen möchte ich dies zeigen. Psalm 51 ist ein Bußgebet, in dem theologisch die wichtigsten Aspekte von Sünde und Vergebung angesprochen werden. Allerdings ist der letzte theologische Schritt nicht vollzogen, warum denn Gott gnädig ist und Sünde vergibt. Vom Neuen Testament her wird die Antwort klar. Gott vergibt um Christi willen. Psalm 90 ist eine theologisch tiefgreifende Abhandlung über den Tod und dessen Ursache. Die Vergänglichkeit der Menschen ist begründet in Gottes Zorn aufgrund menschlicher Sünde. Trotz dieser Einsicht wendet sich der Beter Mose an Gott und bittet ihn um Gnade. Die Gewissheit dieser Gnade Gottes ist aber letztlich nur durch das stellvertretende Sterben von Jesus gegeben. Die theologische Tiefe der Psalmen wird also durch Jesus gefüllt und damit in ihrem Verständnis vollendet. Dies gilt allerdings in einer noch anderen Weise. Manche Textpassagen der Psalmen können nicht mehr einfach ohne Erklärung nachgesprochen werden, ohne ein falsches Verständnis zu erwecken. Auch hier nenne ich zwei Beispiele. Ein Reinheitseid wie in Psalm 24,3-6 kann von der Gemeinde Jesu nur von Jesus her verstanden und gesprochen werden. Er macht uns rein, deshalb können wir vor Gott treten. Die Feindklage wie etwa in Psalm 139,19-24 ist vom Neuen Testament her zu ergänzen durch den Aspekt der Feindesliebe. Die Gemeinde Jesu nimmt die Psalmen auf, ist dankbar für ihre theologische Weite und Tiefe und versteht sie von Jesus her in einer christologisch vertieften und heilsgeschichtlich neuen Weise.
DER PSALTER –  EIN LEHRBUCH DES GEBETS
Wir können von den Psalmen für Lehre und Gebet sehr viel lernen und werden damit nie fertig sein. Wie prägend die Psalmen sind und waren, zeigt sich an ihrer vielfältigen Aufnahme. Jesus und die Apostel haben mit den Psalmen gelebt. In vielen Liedern wurden und werden Psalmen nachgedichtet und mit zeitgenössischen Melodien versehen. Wer den Reichtum des Psalters für Lehre und Gebet entdecken möchte, muss sich auf ihn einlassen. Das heißt zunächst, Psalmen regelmäßig lesen, beten, meditieren. Sodann sind die Psalmen auszulegen, zu erklären. Dabei stellt sich in einem ersten Schritt die Frage, wie ein Psalm in und aus seiner ursprünglichen Situation zu verstehen ist. In einem zweiten Schritt stellt sich die Frage, wie ein Psalm sich von Jesus her erschließt und wie die Gemeinde Jesu den Psalm heute verstehen und beten kann. Psalmen sind wie andere Lieder und Gebete eine große Hilfe, wenn die eigenen Worte zum Beten fehlen (vor allem bei der Klage und der Anbetung) oder wenn wir merken und darunter leiden, dass der Horizont unserer Gebete oft sehr eng ist. Und Psalmen können uns einladen, entlang von einzelnen Psalmen mit eigenen Worten persönliche Lebenspsalme zu schreiben.  Hartmut Schmid THEOLOGISCHE ORIENTIERUNG No.:141 Januar – März 2006


 

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