Sitzet nicht im Rat der Gottlosen

Psalm 1 wird von vielen Auslegern als Einführung in die fünf Bücher der Psalmen verstanden (1–41; 42–72; 73–89; 90–106; 107–150). Tatsächlich gibt es zu Apg 13,33 im Grundtext eine Lesart, in der das Zitat aus Ps 2,7 mit dem Hinweis kommentiert wird, es handele sich um einen Vers aus dem Psalm 1. Unser Psalm 1 wurde demnach von einigen Gemeinden gar nicht gezählt, sondern der Sammlung vorangestellt. Auch der Reformator Johannes Calvin geht in seiner Psalmenauslegung davon aus, dass dieser dem Buch der Psalmen vorausgeschickt ist, also so eine Art „Eingangsportal“ bildet. Es handelt sich um einen Weisheitspsalm, der zwei verschiedene Wege oder Lebensweisen beschreibt, nämlich den Weg der Frommen und den Weg der Gottlosen. Er enthält drei Teile: Der erste Abschnitt (V. 1–3) beginnt mit einer Seligpreisung, die dem Manne gilt, der nachfolgend genauer beschrieben wird. Zunächst wird geschildert, was der glückselige Mann nicht tut. Dann wird gezeigt, woran er sein Gefallen hat. Im zweiten Abschnitt (V. 4–5) wird der Gottlose, besonders sein Ausgang, beschrieben. Der dritte Abschnitt besteht aus dem Vers 6 und liefert eine Art Quintessenz: Während der Gottlose an seinem Tun zugrunde gehen wird, kümmert sich der HERR selbst um den Weg der Frommen. Schauen wir uns die Abschnitte genauer an: Der erste Abschnitt umschreibt den frommen Mann in einer Gegenüberstellung. Es gibt Dinge, die der Gerechte nicht tut. Der Fromme wende sich ab vom Weg der Gottlosen. Der Psalm spricht von einer dreifachen Abkehr:  a) er wandelt nicht im Rat der Gottlosen; b) er tritt nicht auf dem Weg der Sünder; c) er sitzt nicht dort, wo sich die Spötter aufhalten.
Wir merken schnell: Es geht hier also um ein „Entweder-oder“, nicht um ein „Sowohl-als-auch“. Der Fromme kann nicht alles haben. Zu einem „Ja“ gehört das „Nein“. Dieses „Nein“ wird ebenfalls in Spr.4,26–27 eindringlich beschrieben: „Mache die Bahn für deinen Fuß gerade, und alle deine Wege seien bestimmt; weiche weder zur Rechten ab noch zur Linken, halte deinen Fuß vom Bösen fern!“ Dass der Fromme den Frevlern nicht folgen kann, erklärt sich aus dem Wesen der Gottlosigkeit. Gottlosigkeit ist die Grundorientierung jener Menschen, die sich von Gott abgewandt haben. Die Gottlosen leugnen Gott, sie tun so, also ob Gott nicht da sei oder eben nicht Gott sei. Sie setzen sich selbst ins Zentrum und machen ihre eigene Sicht der Dinge zur Grundlage für ihre Urteile über Gut und Böse. Der katholische Philosoph Robert Spaemann hat diese Grundorientierung wie folgt beschrieben: „Der Gottlose rückt sich selbst als Individuum oder als Kollektiv in den Mittelpunkt, von wo aus er urteilt, was gut und schlecht, was schön und hässlich, was zu tun und zu lassen ist. Der Psalm spricht vom ‚Rat der Gottlosen‘, in dem der Unselige aus- und eingeht. Die Menschen mit der gottlosen Perspektive bilden einen ‚Rat‘, das heißt eine Verständigungsgemeinschaft“ (Robert Spaemann. Meditationen eines Christen: Über die Psalmen 1–51. Stuttgart: Klett-Cotta, 2014. S. 14). Aus der Gottlosigkeit folgen sündige Taten. Wer Gott verleugnet, geht seinen eigenen Weg und steht sogar unter dem Zwang zur Sünde. In der Schöpfungsgeschichte (1Mose 1–3) wird uns überliefert, dass die ersten Menschen von Gott abgefallen sind und sich damit etwas sehr Grundsätzliches geändert hat. Sie haben ihre Ursprungsgerechtigkeit verloren und daher ein verdorbenes Herz. Der Prophet Jeremia beschreibt das menschliche Herz in Jer 17,9 mit drakonischen Worten: „Das Herz ist trügerisch, mehr als alles andere, und es ist unheilbar.“ Die Menschen mit der gottlosen Perspektive rufen uns zu: „Folge deinem Herzen!“, „Sei dir selbst treu!“. Das ist es, was die Kultur einfordert. Wir wissen aus der Bibel und aus der Erfahrung, was das heißt. Wenn wir unserem verdorbenen Herzen gehorchen, folgen daraus unreine Taten. Es ist heute nicht einfach, sich dem Rat der Gottlosen zu entziehen. Der christliche Philosoph Herman Dooyeweerd spricht davon, dass unsere Lebenskultur von einem abgöttischen Geist erfüllt ist. Zitat: „Das Wesen eines abgöttischen Geistes besteht darin, dass er das Herz des Menschen dem wahren Gott entfremdet und an die Stelle Gottes das Geschaffene stellt. Durch die Vergötterung des Geschaffenen verabsolutiert die Abgötterei das Relative und erachtet das Abhängige als unabhängig“ (H. Dooyeweerd, Roots of Western Culture, 2003, S. 12–13). Der Geist, der diesen Rat bestimmt, dröhnt von allen Kanälen auf uns ein. Die Frommen ordnen sich diesem Geist jedoch nicht unter. Sie freuen sich nicht an der Gottlosigkeit und am Spott, sondern folgen einem anderen Weg. Das Erste, was der Psalmdichter über den Frommen sagt, ist, woran er sich freut: Er hat seine Freude oder Lust am Gesetz des Herrn. Eine wunderbare Formulierung, macht sie doch deutlich, dass es hier um ein durchaus auch emotional besetztes Eintauchen in das göttliche Wort geht. Der Gerechte ist nicht Zuschauer, sondern Zuhörer (vgl. R. Spaemann). Obwohl er Gott nicht sieht, hört er ihn. Er hört ihm im Gesetz des Herrn. Mit dem Gesetz ist hier nicht nur das mosaische Gesetz gemeint, sondern das alttestamentliche Wort Gottes als Anleitung zum glücklichen Leben. Stellen wir uns vor, wir hätten uns in der kanadischen Wildnis verirrt und fänden in einer abgelegenen Jagdhütte eine alte Landkarte, die uns zeigte, wie wir den Anschluss an das Leben fänden. Wir hätten unsere Lust an dieser Karte. Wir würden sie Tag und Nacht studieren und wir würden dem eingezeichneten Weg tatsächlich folgen. Die Karte wäre uns das Liebste, was wir bei uns trügen. Der Fromme wird uns als ein Mensch vorgestellt, der seinen Gefallen an der Weisung Jahwes hat und der bei Tag und bei Nacht über diese Weisung murmelnd nachsinnt. Der Fromme liebt Gottes Weisung. Er misstraut seinem eigenen Herzen. Er weiß darum, dass sein Herz die Wahrheit nicht in sich trägt, sondern die Wahrheit diesem Herzen zugesprochen werden muss. Und weil er auf Gott hört, läuft er nicht in das Verderben. Er ist wie ein Baum, gepflanzt an Wasserbächen. Seine Blätter verwelken nicht. Was er tut, gerät wohl. Er wird Frucht bringen. Zu seiner Zeit. Gelingt dem Frommen wirklich alles? Wird alles zu Gold, was der Fromme anfasst? Nein, natürlich nicht. Das: „Alles was er tut, gelingt“ bezieht sich auf das Ziel, Gott gefällig zu leben. Die Gottlosen erwartet dagegen ein schlimmes Ende. Sie werden wie Spreu vom Winde verweht. Sie können vor dem Gericht Gottes nicht bestehen. Als von Gott Begnadigte haben wir keinen Gefallen am Weg der Gottlosen, der in das Verderben führt. Wir haben unsere Freude am Gesetz des Herrn. Das Wort Gottes ist unsere Landkarte. Wir haben Lust an der Unterweisung des HERRN und betrachten sie Tag und Nacht. Um nichts in der Welt wollen wir sie eintauschen gegen den Rat der Gottlosen und den Sarkasmus der Spötter. Wir haben unseren Weg gefunden und wir gehen diesen Weg mit Freude. Augustinus hat einmal davon gesprochen, dass sich der Sohn Gottes selbst für uns zum Weg in das Vaterland gemacht hat. Jesus ist der Weg zum Vater (vgl. Joh 14,6); er ist unser Evangelium. Er ist derjenige, der Gott in allem Gehorsam war, der, dem alles wohl geraten ist (vgl. Ps 1,3). Dieser Jesus „erniedrigte sich selbst und ward gehorsam bis zum Tode, ja zum Tode am Kreuz“ (Phil 2,8). Er, der uns liebt, hat uns von unseren Sünden durch sein Blut erlöst (vgl. Offb 1,5). Wir folgen ihm, unserem Weg „Jesus“, und lassen uns durch nichts mehr davon abbringen.
Ron Kubsch https://www.bucer.de/fileadmin/_migrated/tx_org/gudh_017b_01.pdf

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