Welche Gebote gelten noch?

Zu den zentralen Inhalten des biblischen Glaubens gehört: Gott erschuf den Menschen nicht als Marionette, sondern als sein Ebenbild (1Mo 1,26+27). Daraus bezieht der Mensch seine Würde, aber auch eine besondere Verantwortung. 1Mo 2 erzählt, wie Gott eine Anweisung erlässt, die Freiräume und Grenzen zugleich setzt und diese auch begründet: „Du darfst essen von allen Bäumen im Garten, aber von dem Baum der Erkenntnis des Guten und des Bösen sollst du nicht essen; denn an dem Tag, da du von ihm isst, wirst du sterben.“ (1Mo 2,16b-17). Doch diese Anweisung, die dem Leben dienen soll, wird in Frage gestellt: „Sollte Gott gesagt haben …?“ Der Mensch lässt sich verführen, gegen das Gebot Gottes zu verstoßen. Nicht auf welche Gebote, sondern ob der Mensch überhaupt auf Gottes Gebot hört, zieht sich von da an als eine der Grundfragen durch das Alte Testament. Gott will, dass sein Volk ihm vertraut. Er schenkt durch Mose die Zehn Gebote als „Grundgesetz“ des Volkes Israel, das zum Segen für alle Völker werden soll. Gottes Weisungen in Frage zu stellen und zu missachten, allen voran das erste Gebot, gehört zu den ständigen Anfechtungen des Volkes Israel. Das Alte Testament lässt sich insofern auch als ein dauerndes Schwanken der Menschen zwischen Gehorsam und Ungehorsam gegenüber Gottes Geboten lesen. Die Unterscheidung zwischen Zeremonial- , Moral- und Zivilgesetz Die jüdische Tradition zählt in den fünf Büchern Mose insgesamt 613 Gebote, die in 365 Verbote und 248 Gebote aufgeteilt werden. Die Kirchenväter und viele Reformatoren unterscheiden innerhalb der Gesetze des Alten Testaments zwischen dem sogenannten Zeremonialgesetz, in dem die äußeren Zeremonien wie die Beschneidung sowie die Kleidungs-, Speise-, Opfer- und Reinigungsvor-schriften enthalten sind, dem Moralgesetz, dessen Kern die Zehn Gebote darstellen, und dem Zivil- oder Judizial-gesetz, in dem die Fragen der staatsbürgerlichen Ordnung geregelt werden. Das Zeremonialgesetz legt dabei besonderen Wert auf die Unterscheidung zwischen Heiligem und Profanem, zwischen Reinheit und Unreinheit. Diese Unterscheidung soll durch äußere Zeichen und Handlungen aufgezeigt werden. Das Zeremonialgesetz unterstreicht so die Heiligkeit Gottes und die Besonderheit der Zugehörigkeit zum Volk Gottes. Das Moralgesetz legt den Schwerpunkt auf das richtige, lebensdienliche Verhalten, während das Zivil- oder Judizialgesetz vor allem die Konsequenzen bzw. das Strafmaß bei Verstößen gegen das Zeremonial- oder Moralgesetz bestimmt. Das Zeremonialgesetz und das Zivilgesetz sind an vielen Punkten fest mit dem Tempel und Israel als politischem Gebilde in der Welt des Alten Orients verbunden. Für Juden in der Diaspora, aber auch in der Zeit der Zerstörung des Tempels, lag der Akzent eindeutig auf dem Moralgesetz. Dies wird von den Propheten unterstrichen: Ein rein äußerliches Befolgen ohne entsprechende innere Haltung widerspricht dem Sinn des Zeremonialgesetzes. So kann der Opferkult und der Gottesdienst im Tempel scharf kritisiert werden, wenn darüber das Moralgesetz außer Acht gelassen wird (Jes. 1,10ff.; Jer. 7; vgl. Ps. 50,7ff.; 51,18f.). Nicht die äußere Beschneidung ist maßgeblich, sondern die „Beschneidung des Herzens“ (5Mo 30,6; vgl. Röm. 2,29) als Ausrichtung der eigenen Wünsche, Urteile und Entscheidungen am Willen Gottes. In den Evangelien spiegelt sich diese Erkenntnis in der Kritik, die Jesus an den Pharisäern übt. Nicht zufällig kommt es gerade in der Frage nach der Einhaltung der Sabbatruhe und der Einhaltung der Reinheitsvorschriften zu Streitgesprächen (Mt 12,1ff.; 15,1ff.). In der Bergpredigt unterstreicht Jesus, dass er nicht gekommen ist, das Gesetz aufzulösen, sondern zu erfüllen (Mt 5,17-20) und führt exemplarisch an verschiedenen Geboten aus, welche innere Haltung der ursprünglichen Absicht der Gebote entspricht (Mt 5,21ff.). Das Apostelkonzil – ein Kompromiss der frühen Christenheit. Nach Pfingsten war unter den verschiedenen christlichen Gemeinschaften aus Juden- und Heidenchristen zunächst umstritten, inwiefern auch nichtjüdische Christen zur Einhaltung des Gesetzes verpflichtet seien. Vor allem in der Frage nach der Notwendigkeit der Beschneidung und im Blick auf die Speisegebote gab es unterschiedliche Ansichten. Apg 10 beschreibt zunächst, wie Petrus durch eine besondere Offenbarung klar wird, dass seit Ostern die Schranken zwischen Reinem und Unreinem aufgehoben worden sind. In Apg. 15 wird berichtet, wie die führenden Entscheidungsträger damals einen Kompromiss ausgearbeitet hatten. Man traf sich um das Jahr 48 zum sogenannten Jerusalemer Apostelkonzil. Auf diesem Konzil wird durch Petrus theologisch klar formuliert und unumstritten festgehalten, dass der Mensch nicht durch die Einhaltung der Gebote gerecht vor Gott werden kann, sondern allein aus Gnade errettet wird (Apg 15,7-11). Was das praktische Zusammenleben betrifft, orientierte man sich an den vier Forderungen, die in 3Mo 17-18 ausdrücklich auch für die Fremdlinge geltend gemacht werden, die in Israel leben. Diese vier Forderungen galten im Mittelmeerraum auch als Mindeststandard für das Miteinander von Juden und den sogenannten „Gottesfürchtigen“, also für diejenigen Nichtisraeliten, die die Synagogengottesdienste in der Diaspora besuchten, Interesse am jüdischen Glauben zeigten und in freundschaftlichem Kontakt mit der jüdischen Gemeinde standen, jedoch ohne zu konvertieren. Diese Minimalforderungen betrafen vier Bereiche (vgl. Apg 15,20.29): das Verbot des Götzendienstes (Achtung des ersten Gebots), das Befolgen der in den fünf Büchern Mose niedergelegten Sexualmoral (Beschränkung von Sexualkontakten auf den heterosexuellen Ehepartner, wobei der Wahl des Ehepartners verwandtschaftliche und soziale Grenzen gesetzt werden; vgl. 3Mo 18,1-30) sowie den Verzicht auf den Verzehr von Blut und nicht geschächtetem Fleisch. In dem Schreiben, das Paulus, Barnabas, Judas und Silas den Gemeinden in Antiochien, Syrien und Kilikien überbringen, werden die Heidenchristen gebeten, sich diesen Geboten zu beugen, um die Gemeinschaft mit jenen Judenchristen nicht unmöglich zu machen, die sich immer noch an die alttestamentlichen Gebote gebunden wussten. Daran wird deutlich, dass dieser Kompromiss auf die besondere Situation der frühen Christenheit zugeschnitten war und sich auch nicht generell an alle Heidenchristen richtete, sondern auf eine bestimmte Region, in der das Problem auch entstanden war – was nicht heißt, dass diese Lösung nicht prinzipiell für ähnliche Konflikte übertragbar war. Wo sich Heidenchristen nicht daranhielten, ging für Außenstehende der Bezug zur jüdischen Wurzel des christlichen Glaubens augenfällig verloren.
Freiheit vom Gesetz
Im Brief an die Galater und die Römer setzt sich Paulus gründlich mit der Frage auseinander, inwiefern das Gesetz für diejenigen, die zum Glauben an Christus gekommen sind, noch bindend ist. Paulus unterstreicht dabei ebenfalls, dass der Mensch aus eigener Kraft die Gebote Gottes nicht zu halten vermag (vgl. Röm 1,18-3,20) und er warnt vor einem Rückfall in eine nur am Äußeren orientierte Gesetzlichkeit (Gal 3-4). Stattdessen betont er die Freiheit vom Gesetz. Der Hebräerbrief stellt vor allem heraus, dass das Zeremonialgesetz durch Christus erfüllt wurde. So ist etwa der Opferdienst ein für allemal durch das Opfer Jesu am Kreuz aufgehoben (vgl. Hebr 7,27). Dasselbe gilt für die Vorstellung der rituellen Reinheit: Die Reinheits-vorschriften und Waschungen sind nicht mehr erforderlich, weil das Blut Jesu uns von der Sünde reinigt (1Joh 1,7): Durch die Vergebung, die Christus durch seinen Tod am Kreuz bewirkt hat, ist die trennende Macht der Sünde überwunden worden. Dennoch sind die Gebote Gottes des Alten Testaments nicht überholt oder gar überflüssig. Paulus hält fest:  Die Gebote Gottes bleiben heilig, gerecht und gut (Röm 7,12). Erst durch das Gesetz lernen wir, wie sehr wir in Schuld und Sünde verstrickt sind (Röm 7,7ff.).
Und insbesondere das Moralgesetz ist notwendig, um auf dem Weg der Nachfolge die Richtung zu bestimmen. So nennt Paulus das Gesetz auch einen „Pädagogen“, einen „Zuchtmeister“ und Lehrer auf Christus hin (Gal 3,24). Sämtliche Gebote haben einen bleibenden Wert als Hinweise auf ein Leben mit Christus. Das neue Gebot der Liebe: Freiheit zum Dienst am Nächsten Jesus sah sämtliche Forderungen des Gesetzes im Liebes-gebot zusammengefasst (Mt 22,34-40; Joh 15,9-17). Liebe meint dabei im Sinne des griechischen Wortes Agape die dienende Hingabe an Gott und den Nächsten. Doch auch für dieses „neue“ Gebot gilt wie für das ganze Gesetz: Aus eigener Kraft ist der Mensch nicht in der Lage, diesem Anspruch gerecht zu werden. Nur aus der Verbindung zu Christus heraus, aus der Einheit mit ihm, die der Heilige Geist schenkt, können wir den tieferen Sinn der Gebote erkennen, Nachfolge leben und Frucht bringen (Joh 15,5-17; Röm 8; Gal 5).
Rainer Holweger, Pfarrer, Geschäftsführer der Christus Bewegung, Herrenberg
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