Die atheistische Kontingenzbewältigung ist radikaler als die religiöse.

Der Gedanke, die Welt könnte anders sein, als sie ist, ja sogar die Naturgesetze sein kontingent, konnte erst entstehen auf dem Hintergrund des Gedankens eines Ursprung der Welt aus einer freien Entschließung. Gottesglaube als Kontingenzbewältigung kann deshalb nichts anderes heißen, als dass die Wunde nur geheilt werden kann durch das Eisen, das sie schlug. Darum taugt dieser Gedanke kaum für eine funktionalistische Religionsbegründung. Die atheistische Kontingenzbewältigung ist radikaler als die religiöse. Sie ist Kontingenzbeseitigung. Dies ist allerdings vielleicht aus psychologischen Gründen unmöglich. Menschen können sich schwer von dem Gedanken trennen, etwas könnte anders sein, als es ist. Aber das heißt vermutlich nur, daß Menschen sich schwer vom Gedanken an Gott trennen können.

[Robert Spaemann. Das unsterbliche Gerücht]

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