„Priorisierung bei Ressourcenknappheit“

Die richtige Allokation im Gesundheitswesen ist immer ein ethisches Problem. Soll man eine bestimmte Summe Geld für die Erforschung einer seltenen Krankheit ausgeben, um deren Behandlung zu ermöglichen und damit das Leben einiger Menschen viel besser zu machen, oder soll man das gleiche Geld für die Entwicklung von verbesserten Medikamenten für Volkskrankheiten ausgeben und damit das Leben vieler Menschen etwas besser machen? Das hinter solchen Fragen lauernde konsequenzialistische Kalkül mag man – aus Prinzip – ablehnen, doch Entscheidungen müssen trotzdem fallen. Ein Doktorand kann nur an einer Sache forschen: Neues Medikament für selten vorkommende Krankheit, oder: Weniger Nebenwirkungen bei vorhandenem Medikament für häufige vorkommende Krankheit.
Zeiten einer Pandemie sind Zeiten einer außergewöhnlichen Belastung für das Gesundheitswesen. Im Moment erleben wir in Italien und Spanien, was das bedeuten kann: Menschen werden nicht mehr nach Stand der Heilkunst behandelt, weil dafür die Mittel fehlen. Es wird damit gerechnet, dass Plätze auf der Intensivstation auch in Deutschland knapp werden könnten. Daher gibt es seit gestern klinisch-ethische Empfehlungen der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv-und Notfallmedizin (DIVI), der Deutschen Gesellschaft für Interdisziplinäre Notfall-und Akutmedizin (DGINA), der Deutschen Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin (DGAI), der Deutsche Gesellschaft für Internistische Intensivmedizin und Notfallmedizin (DGIIN), der Deutsche Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin (DGP), der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin (DGP)und der Akademie für Ethik in der Medizin (AEM), die eine Grundlage für Entscheidungen über die Zuteilung von Ressourcen in der Notfall- und der Intensivmedizin im Kontext der Corona-Pandemie schaffen sollen.
Ich tue mich, was die Bewertung des Papiers betrifft, etwas schwer. Einerseits werden sachlich begründete Fallunterscheidungen vorgenommen, mit hochvernünftigen Entscheidungsregeln, die schließlich in Gestalt eines sehr anschaulichen Diagramms für die Praxis aufbereitet werden, um so Entscheidungen in wenigen Minuten zu ermöglichen, mit etwas Routine hinsichtlich der „Priorisierung im Mehr-Augen-Prinzip“ anhand von „Indikatoren“ auch schneller. Andererseits dreht sich mir der Magen um, wenn ich daran denke, wer bei der Prüfung von „Komorbidität mit deutlicher Einschränkung der Langzeitprognose“ alles durchs Raster fällt.
Jede und jeder sollte das Papier lesen – unter besonderer Berücksichtigung der „Anlagen“ für die Praxis. Damit man weiß, was auf uns, eine jede und einen jeden von uns, zukommen kann.
(Josef Bordat) https://jobosblog.wordpress.com/2020/03/26/priorisierung-bei-ressourcenknappheit/

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