Boris Palmer ist konsequent

Und liegt konsequent falsch.
Der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer hat heute Morgen offenbar folgendes gesagt: „Wir retten in Deutschland möglicherweise Menschen, die in einen halben Jahr sowieso tot wären – aufgrund ihres Alters und ihrer Vorerkrankungen“. Das sei nicht hinnehmbar, wenn man es gegen die durch den lockdown zusätzlich zu erwartenden Hungertoten, darunter viele Kinder, verrechne.
Das kann man, das muss man kritisieren. Viele tun das auch. Was jedoch übersehen wird, das ist die Tatsache, dass Boris Palmers Auffassung von der – im weitesten Sinne – politischen Praxis gar nicht so weit entfernt ist. Im Grunde ist das, was Boris Palmer sagt, sehr zeitgemäß. Denn längst ist das Kosten-Nutzen-Kalkül, auf dem seine Position basiert, Bestandteil vieler Entscheidungen, auch der mit existenzieller Bedeutung. Menschenwürde ist damit etwas, das nicht mehr unbedingt gilt, sondern bei diesem Kalkül als Konstante veranschlagt wird. Damit verwässert sie das utilitaristische Ergebnis etwas, sie macht aber keinen Strich durch die Rechnung. Genau das wäre aber ihre Aufgabe, schlüge sie tatsächlich als unantastbar zu Buche, wie das Grundgesetz gleich zu Beginn verheißt.
Wenn wir den Kreis der Konsequenzen etwas enger ziehen und uns dazu die Handreichung für den Umgang mit Ressourcen in der Corona-Krise anschauen, die von vielen großen Einrichtungen des Gesundheitswesens mitgetragen wird, kommt genau dieser Gedanke der Abwägung von „Leben gegen Leben“ zum Ausdruck. Und wer bei der Prüfung von „Komorbidität mit deutlicher Einschränkung der Langzeitprognose“ durchs Raster fällt, sollte klar sein: die „Menschen, die in einen halben Jahr sowieso tot wären – aufgrund ihres Alters und ihrer Vorerkrankungen“. Insoweit basiert Palmers Position auf einem Denken, auf dem auch eine Empfehlung basiert, nach der alle Krankenhäuser in Deutschland arbeiten, wenn es eng wird.
Nun wird es aber nicht in Deutschland eng, sondern weltweit. Palmer verrechnet deutsche Senioren und afrikanische Kinder. Ist das der eigentliche Skandal? Ich hoffe nicht. Ich wünschte mir, die Kritik wäre fundamental. Denn das Problem von Palmers Position ist ein grundsätzliches: Er wählt den falschen ethischen Ansatz, er folgt der „schlechten Lehre vom guten Zweck“ (Robert Spaemann). Genau die ist aber Basis des utilitaristischen Kalküls, bei dem der Nutzen (mindestens) größer sein muss als die Kosten und idealerweise durch die „richtige“ Handlung maximiert wird.
Das Problem: Kann ich – als Entscheider im Gesundheitswesen oder in der Politik – wissen, ob ich der Maxime einer „universalen Nutzenmaximierung“ gerecht geworden bin? Und angenommen ich hätte einen Katalog an Folgen vor Augen – leitet mich dieser tatsächlich zu moralischem Verhalten an? Also, angenommen, ich wüsste aufgrund der statistischen Erwartung, dass für jeden durch Kontaktbeschränkung geretteten deutschen Senior zwei Kinder in Afrika mehr verhungern als gewöhnlich – hätte ich dann aus moralischen Gründen einem Lockdown widersprechen müssen? So etwas meint Palmer offenbar. Und es ist ja erstmal nachzuvollziehen: zwei Menschen sind „mehr wert“ als ein Mensch – wenn wir eben „Leben gegen Leben“ verrechnen. Selbst bei einem „Gleichstand“ könnte man über die Berücksichtigung der Restlebenserwartung und der Maßgabe „universaler Nutzenmaximierung“ zu dem gleichen Resultat kommen: die Kosten des Lockdown überwiegen den Nutzen. Auch das scheint Palmer zu bejahen. Das heißt aber, dass ich über die Folgen meiner Entscheidung bzw. Handlung genau Bescheid weiß, damit ich in die Rechnung die richtigen Faktoren und Konstanten einsetze.
Eberhart Schockenhoff hat an solchen Kalkülen erhebliche Zweifel: „Konsequentialistische Ethikansätze wie der Utilitarismus oder die teleologische Ethik schreiben dem Menschen die Verantwortung für sämtliche vorhersehbaren Folgen seiner Handlungen zu. Wenn dem Menschen die grenzenlose Optimierung seiner Handlungsfolgen aufgetragen ist, stellt dies in vielen Fällen eine rigoristische Überforderung der Handelnden dar“. Und er spricht hier nur von den „vorhersehbaren Folgen“. Weiß ich, ob das alle sind, die letztlich eintreffen? Und weiß ich sicher, dass sie wirklich eintreffen? Schön wär’s, ein solches Wissen zu haben! Nur dann – d.h. für klar umrissene, überschaubare Dilemma-Situationen, wie sie in Gedankenexperimenten vorkommen, nicht aber in der Wirklichkeit – hätte das utilitaristische Denken überhaupt ansatzweise irgendeinen Sinn.
Doch der Mensch weiß nicht alles, er ist nicht dafür gemacht, in die Rolle eines „Herrn der Geschichte“ (Spaemann) zu schlüpfen. Darum gilt: „Eine Moraltheorie, die den Verantwortungsspielraum, innerhalb dessen ein Mensch sein Handeln bedenken soll, nicht differenzierter umschreiben kann als es durch die Zuschreibung sämtlicher Handlungsfolgen geschieht, wird im Ergebnis hypertroph; sie scheitert an der Endlichkeit des Menschen, der nicht für die Optimierung von Weltläufen, sondern für das verantwortlich ist, was er innerhalb seiner Grenzen vernünftigerweise tun oder unterlassen kann“ (Schockenhoff).
Menschliche Verantwortung kann also immer nur eine „abgestufte“ sein, wobei es „nach oben und nach unten hin eine Grenze gibt, jenseits derer wir unsere Verantwortung nur noch negativ, durch Unterlassen wahrnehmen können, dies allerdings dann auch müssen, und zwar mit einer Eindeutigkeit und Striktheit, die bei der aktiven Verantwortlichkeit fast nie gegeben ist. Die Obergrenze liegt dort, wo das Ganze des Universums beziehungsweise der Welt und der Menschheit ins Spiel kommt, die untere Grenze dort, wo die Würde der einzelnen Person tangiert wird“ (Spaemann). Die utilitaristische Ethik, so Spaemann, ist sich nicht der Beweislast bewusst, die sie übernimmt, und über das Ausmaß der Last, die sie dem Menschen aufbürdet, wenn sie die universalteleologische Orientierung ihres Konzepts, die in der theologischen Tradition immer als göttliche Prärogative gedacht ist, auf den handelnden Menschen überträgt.
Und da wären wir wieder beim Zeitgemäßen von Boris Palmers Auffassung: Wenn wir in so vielen Bereichen „Gott spielen“, warum nicht auch bei der Festlegung eines „universalen Nutzenmaximums“? Das wäre – wie Palmers Position – konsequent. Konsequent falsch, wenn wir die Argumente Spaemanns und Schockenhoffs betrachten. (Josef Bordat)
https://jobosblog.wordpress.com/2020/04/28/boris-palmer-ist-konsequent/

2 Gedanken zu „Boris Palmer ist konsequent

  1. Wäre nett, wenn der Bibelkreis München kurz fragt, ob er meine Texte hier einstellen kann, bevor er sie hier einstellt. Und wenn er dann redaktionelle Veränderungen (z.B. Hervorhebungen) auch als solche kenntlich macht. Das wäre ganz prima. Vielen Dank! Ihr JoBo

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