Psalm 13

Hilferuf eines Angefochtenen
1 Ein Psalm Davids, vorzusingen.
2 HERR, wie lange willst du mich so ganz vergessen? Wie lange verbirgst du dein Antlitz vor mir?
3 Wie lange soll ich sorgen in meiner Seele / und mich ängsten in meinem Herzen täglich? Wie lange soll sich mein Feind über mich erheben?
4 Schaue doch und erhöre mich, HERR, mein Gott! Erleuchte meine Augen, dass ich nicht im Tode entschlafe,
5 dass nicht mein Feind sich rühme, er sei meiner mächtig geworden, und meine Widersacher sich freuen, dass ich wanke.
6 Ich traue aber darauf, dass du so gnädig bist; / mein Herz freut sich, dass du so gerne hilfst. Ich will dem HERRN singen, dass er so wohl an mir tut. Martin Luthers 2017,
Der Psalm kann nicht auf eine besondere Begebenheit oder Zeit in Davids Geschichte zurückgeführt werden. Alle Versuche, seine Geburtsstätte ausfindig zu machen, sind nur Mutmaßungen. Was er sagt, ist ohne Zweifel mehr als einmal die Sprache dieses vielgeprüften Gottesmannes gewesen und will den Gefühlen des Volkes Gottes in den stets wiederkehrenden Anfechtungen Ausdruck geben. Wenn der Leser noch nie Anlass gefunden hat, sich die Sprache dieses kurzen Liedes zu eigen zu machen, so wird es nicht lange währen, bis er dazu Gelegenheit hat, wenn anders er ein Mann nach dem Herzen Gottes ist. Das Stichwort des Psalms ist: Wie lange?
Wie lange? Diese Frage wird nicht weniger als viermal wiederholt. Sie drückt ein heftiges Sehnen nach Errettung und große Herzensangst aus. Und wenn ein wenig Ungeduld dabei mit untergelaufen wäre, ist es dann nicht ein umso treueres Bild unserer eigenen Erfahrung? Es ist nicht leicht, die feine Grenzlinie zwischen starkem Verlangen und Ungeduld innezuhalten. Wolle uns Gott nur bewahren, dass wir nicht beim sehnlichen Harren auf Gottes Hilfe einem Geist des Murrens Raum geben.
Der aufmerksame Leser wird also merken, dass die Frage „Wie lange “ in vierfacher Gestalt erscheint. Des Dichters Kummer wird dargestellt, wie er zu sein scheint, wie er ist, wie er nach innen auf ihn selbst und nach außen auf seine Feinde wirkt. Wir alle sind geneigt, auf der schlechtesten Saite am meisten zu spielen. Wir errichten Denksteine über den Gräbern unserer Freuden; wer aber denkt daran, Denkmale der Lobpreisung für empfangene Gnaden zu erbauen?
Der ganze Psalm besteht aus Du, Dein, und Ich, Mein, Mir, Mich. Das Du ist ein Ausruf, es steht im Vokativ, jedes Mal verbunden mit der bohrenden Frage: Wie lange? Vier Fragezeichen – in fast allen Übersetzungen, die ich gefunden habe -, dazu zwei oder drei Ausrufezeichen.
Erzväter-Geschichten, Evangelien-Erzählungen, Propheten-Reden, Paulus-Briefe: die sind an uns adressiert, das kann und soll man predigend auslegen, diskutieren, lehren. Aber Psalmen? Sie sind und bleiben an Gott adressiert, deswegen gehören sie nachgesprochen, angeeignet. Sie sind Formulare für meine Sprachlosigkeit und deinen stummen Schrei, für meine Bitten und deinen Dank, für meinen Jubel und deine Verzweiflung. Deswegen werden sie immer neu übersetzt, nachgedichtet und vertont.
Wenn wir sie als Texte hören, die an uns gerichtet sind, dann verlieren sie den Adressaten: aus dem Ich und dem Du werden er und sie und es, aus dem Vokativ werden alle anderen Fälle, womöglich doppelte Genitiv-Konstruktionen. Aus Fragezeichen und Ausrufezeichen werden Punkte, die übergehen in theologische Behauptungen.
Also singen und beten wir die Psalmen! Wir sprechen sie nach, wir eignen sie uns an, wir fühlen uns hinein – und stellen fest: sie geben wieder, was unser Herz bewegt, wovon auch unser Mund überläuft – nicht jeden Tag, nicht jede Stunde, aber in den wirklich bewegenden Situationen jedenfalls!

 

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