„Ich stehe vor der Tür und klopfe an.“

„Ich stehe vor der Tür und klopfe an.“ Das ist die Botschaft in dem Sendschreiben an die christliche Gemeinde in Laodicea, in dem siebten und letzten Sendschreiben, das die Offenbarung des Johannes enthält. Eine schneidende Bußpredigt ist dieser Brief, eine Abfuhr sondergleichen: „Du bist weder kalt noch heiß. Wärest du doch kalt oder heiß! Weil du aber lau bist, weder heiß noch kalt, will ich dich aus meinem Mund ausspeien.“ An wen richtet sich dieses vernichtende Urteil? Wer ist diese Gemeinde, an die so geschrieben wird, gegen Ende des ersten christlichen Jahrhunderts?
Ein kurzer Steckbrief könnte ungefähr so heißen: Laodicea, eine im dritten Jahrhundert vor Christi Geburt gegründete Stadt, ist im kleinasiatischen Phrygien gelegen. Mehrere wichtige Handelsstraßen treffen hier zusammen; unter römischer Herrschaft wird Laodicea zur Provinzhauptstadt. Banken, Textilindustrie und pharmazeutische Industrie lassen sich hier nieder. Bekannt ist die Stadt vor allem für schwarze Wollteppiche und eine hervorragende Augensalbe, die hier hergestellt wird. Im Jahr 60 nach Christi Geburt sucht ein Erdbeben die Stadt heim. Die Nachricht erreicht auch die Hauptstadt Rom. Von dort bietet man finanzielle Hilfe an. Doch stolz und kühl antworten die Stadtväter von Laodicea: Wir sind reich und wohlhabend, uns fehlt nichts.
Genau diese abweisende Antwort nach der Erdbebenkatastrophe des Jahres 60 nach Christi Geburt wird in dem Sendschreiben an die Gemeinde in Laodicea zitiert: „Du behauptest: Ich bin reich und wohlhabend, und nichts fehlt mir. Du weißt aber nicht, dass gerade du elend und erbärmlich bist, arm, blind und nackt.“ Die unbedachte Äußerung der Stadtväter, dieser Ausdruck hochfahrenden Stolzes gilt nun als charakteristisch für die Stadt im Ganzen, auch für die christliche Gemeinde in ihren Mauern. Ironisch wird aufgegriffen, was die Laodicener für ihre Stärke halten: die Textilindustrie, die doch nicht verhindern kann, dass sie nackt dastehen, die berühmte Augensalbe, die ihnen doch nicht sehen hilft. „Gerade du bist elend und erbärmlich, arm, blind und nackt.“ Und so wird es bleiben, bis sie von ihrem hohen Ross heruntersteigen und zugeben: Textilindustrie und pharmazeutische Industrie nützen uns nichts. Gottes weiße Kleider bewahren allein davor, nackt dazustehen. Weine Salbe erst öffnet uns die Augen, dass wir sehen können.
(Ihr habt Augen, und sehet nicht, und habt Ohren, und höret nicht, und denket nicht daran, Markus 8,18)
Nur wer Halt in Jesus sucht, findet klare Orientierung. Wer sich auf die Antworten im Vorletzten verlässt, geht in die Irre.
„Ich stehe vor der Tür und klopfe an.“ Von allen sieben Sendschreiben des Sehers Johannes trifft keines so unmittelbar in unsere eigene Situation wie dieses. Menschen sind hier angesprochen, die sich im Wohlstand eingerichtet haben, ja mehr noch: die Wohlstand und Glück verwechseln. Genau das macht sie blind. Der Reichtum an Verfügbarem macht sie blind für ihre Armut im Unverfügbaren.
Offenbarung 3,20 abgeleitet: „Siehe, ich stehe an der Tür und klopfe an; wenn jemand meine Stimme hört und die Tür öffnet, zu dem werde ich hineingehen und mit ihm essen und er mit mir.“ Dieser Vers bezieht sich jedoch nicht auf den Herzenszustand einer einzelnen Person, sondern ist ein Aufruf an die Gemeinde in Laodizea, Buße darüber zu tun, dass sie von der Verkündigung des Evangeliums abgewichen sind.
Viele Gelehrte weisen darauf hin, dass die Stadt Laodizea keinen Zugang zu eigenem Trinkwasser besaß und daher auf heiße Quellen angewiesen war, dessen Wasser über Kanäle in die Stadt geleitet wurden. Aber oftmals war das Wasser, wenn es dann in der Stadt angekommen war, verschmutzt, lauwarm und unbrauchbar. Jesus vergleicht den geistlichen Zustand der Gemeinde mit diesem lauwarmen Wasser. So wie sie selbst ihr eigenes Wasser manchmal ausspuckten, so verheißt Jesus ihnen, dass Er sie ausspucken wird, weil ihre Werke für sein Reich unbrauchbar sind.
Das eigentliche Problem in Laodizea
Was war das eigentliche Problem in der Gemeinde in Laodizea? Jesus sagte, dass die Gemeinde sich selbst als reich bezeichnete. Die Menschen dort erkannten ihre geistliche Armut nicht und weigerten sich zu glauben, dass sie „Elende und bemitleidenswert und arm und blind und bloß“ waren (Offb 3,17). Die Gemeinde in Laodizea genoss ihren Reichtum, aber vergaß das Evangelium. Ihr Dienst war geprägt von Stolz und Selbstzufriedenheit. Dabei fehlte ihnen die Abhängigkeit von Jesus für ihr geistliches Leben und Glaubenszeugnis. Ihre Botschaft fing an, ihre Selbstbestimmung widerzuspiegeln. Der Dienst der Versöhnung – die Verkündigung von Jesu Leben, Tod und Auferstehung – stand nicht länger im Zentrum.
Stattdessen konzentrierten sie sich lieber auf ihre eigenen Pläne, Möglichkeiten und Vorstellungen, wie die Gemeinde ihrer Meinung nach aussehen sollte. Ihr Dienst führte nicht dahin, dass Menschen Jesus als den Retter von ihren Sünden erkannten, sondern wurde ein selbstgerechter Dienst. Sie hatten vergessen, dass Jesus nicht gekommen war, um die Gerechten zu rufen, sondern Sünder zur Umkehr (vgl. Lk 5,32).
In diesen Kontext spricht Jesus seine ernste Warnung an die Gemeinde aus: „Siehe, ich stehe an der Tür und klopfe an.“ Dieses Klopfen ist ein Klopfen der Zurechtweisung und des Gerichts über eine Gemeinde, die ihre Mission vergessen hatte. Wenn Jesus zur Gemeinde nach Laodizea kam, was würde er vorfinden? Wenn die Gemeinde sich weigerte auf Ihn zu hören, würde Er die Tür öffnen und zum Gericht eintreten. Aber wenn die Gemeinde die Tür öffnete und auf seinen Ruf hin Buße täte, dann würde Er zu ihnen hineinkommen, um mit ihnen zu essen und Gemeinschaft zu haben.
In Offenbarung 3,20 sehen wir Jesus nicht an der Tür auf den Knien, wie er um Einlass bettelt. Wenn wir hier eine Anwendung für den Einzelnen ableiten, dann ist es eine Warnung an alle, die vorgeben, an Christus zu glauben, verbunden mit dem Aufruf Buße zu tun, wenn sie nicht hart von Gott erzogen werden möchten.
Im Kontext jedoch ist der Vers eine Aufforderung an die gesamte Gemeinde, Buße darüber zu tun, dass man sich zu sehr auf den Wohlstand verlassen hat, während man die Botschaft, die einer verlorenen Welt das Leben bringt, vernachlässigt hat. Die Weigerung, davon Buße zu tun, wird Jesu Züchtigung der Gemeinde sein.
Wenn die Botschaft von Jesu Leben, Tod und Auferstehung zugunsten des Vertrauens in die eigenen Möglichkeiten vernachlässigt wird, dann handeln wir nicht länger als die wahre Gemeinde und riskieren es, ausgestoßen zu werden. Diese Warnung ist für die heutige Gemeinde noch genauso aktuell wie damals für die Gemeinde in Laodizea im ersten Jahrhundert. Dienen alle unsere Gebäudeprojekte und Anstrengungen, um die Gemeinde zu vergrößern unserem Zeugnis, dass wir treue Zeugen im Namen Jesu sind oder sollen sie lediglich dazu dienen, dass wir uns besser fühlen? Es war genau diese Sorge in Offenbarung 3,20, die Jesu dazu veranlasste, an die Gemeindetür in Laodizea zu klopfen. Die Gemeinde sollte niemals vergessen, warum sie existiert – um das Evangelium einer verlorenen Welt zu verkündigen.

 

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