Falsche Zugänge zur Bibel

Falsche Zugänge zur Bibel erkennt man daran, dass sie rundum schlüssig sind. Denn die ganze Wahrheit kennt nur Gott – wir kennen lediglich Ausschnitte. Es sind unsere menschlichen Gehirne, die Symmetrie, Proportionalität und Kausalität bevorzugen. Doch die Realität schert sich nicht um unsere kognitiven Bedürfnisse. Die biblische Erzählung ist randvoll mit Wirklichkeit und ergo auch mit scheinbarer Widersinnigkeit. Je weiter die Geschichte von JHWH und seinem auserwählten Volk voranschreitet, umso mehr Fragen bleiben.
Ursprünglich gingen die Israeliten davon aus, dass sich anständiges Verhalten in diesem Leben auszahlt. Doch warum regieren dann einige der bösesten Könige – wie der Kinderschlächter Manasse – am längsten, und warum sterben einige der besten Könige – wie der Moral-Reformer Josia – so jung? Warum residieren schmeichlerische Fake-Propheten in schönen Landhäusern, während die echten Boten Gottes im Gefängnis schmachten? Warum schrumpft und dümpelt das auserwählte Volk Israel vor sich hin, während die gottlosen Staaten ringsherum bedrohlich expandieren?
Welcher Logik folgt das Leben also, wenn Glück Glückssache ist und Gottes Handeln unbegreiflich? Warum soll man überhaupt an Gott glauben?
Dieselbe Frage stellen sich die griechischen Philosophen, die daraufhin den überlieferten Göttergestalten die Gefolgschaft aufkündigen und stattdessen dem «Logos» oder einfach der Natur huldigen.
Die biblischen Autoren gehen einen anderen Weg, denselben, den schon Abraham und Jakob beschritten haben: Sie ringen mit ihrem Gott.
Markus Spieker in ‚Jesus. Eine Weltgeschichte.‘

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