Josef und seine Brüder

Reisen, lieben, Geld verdienen
„Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erleben.“ So schrieb es der deutsche Dichter Matthias Claudius 1796. Auf der Hitliste von Jugendlichen und Erwachsenen stehen oft drei Wünsche. Man will etwas von der weiten Welt sehen und erotische Abenteuer erleben. Dazu braucht man eine ansprechende Stellung. Befriedigung in der Welt der Freizeit wechselt sich mit Befriedigung in der Welt der Arbeit ab.
Josef erlebte alle drei Dinge: Er unternahm eine weite Reise, er bekleidete anspruchsvolle Positionen und er bekam das Angebot einer attraktiven Frau zu einem Liebesabenteuer. In diesem Beitrag stelle ich euch Josef vor.
Josef: Ein Portrait
Zuerst interessiert uns, wann der Mann Josef gelebt hat.
Wo befinden wir uns? Der Anfang der Geschichte spielt sich in Palästina ab. Damals war dieses Land von verschiedenen Volksstämmen besiedelt.
Josef lebte nicht als Einzelkind mit einem eigenen Fernseher in einem eigenen Zimmer im Dachgeschoß wie wir städtisch geprägten Menschen im Europa des 21. Jahrhunderts. Sein Leben spielte sich mitten in einer Großfamilie mit zahlreichem Gesinde ab.
Josef war der elfte von zwölf Söhnen (1Mose 30,23f). Zudem war er der erste Sohn von Jakobs Lieblingsfrau Rahel und der „Sohn des Alters“ von Jakob (1. Mose 37,3). Das heißt, seine Brüder waren wohl wesentlich älter als er. Seine Mutter starb bei der Geburt des jüngsten Bruders Benjamin (1. Mose 35,16-21).
Josef lebte das harte Leben eines Kleinviehhirten in einer halb­noma­dischen Sippe. Obwohl er von seinem Vater bevorzugt wurde, war er sicher nicht der verwöhnte Liebling eines alternden, reichen Daddys.
Mit der Brille der modernen Psychologie auf der Nase ist man schnell geneigt, in Josef einen verwöhnten, unerzogenen und tratschsüchtigen Liebling eines alternden, reichen Daddys zu sehen. Werfen wir nochmals einen Blick in die Geschichte der Sippe. Jakob war die Führung seines Clans anscheinend weitgehend entglitten. Josef wuchs bei den beiden Nebenfrauen auf.
Die Familien­chronik von Josefs Sippe ent­hielt einige dunkle Taten, sei es die Unzucht von Ruben, die Rache für Dina, den Versuch, Josef endgültig loszuwerden und die Lügengebäude in diesem Zusammenhang.
Jetzt können wir uns besser vorstellen, was Josef mit 17 Jahren schon alles erlebt haben musste. Er war in einer angenehm-unangenehmen Position des bevorzugten Sohnes.
Zudem bekam er zwei Träume, in denen ihm von Gott offenbart wurde, dass sich einmal alle Brüder wie auch Vater und Mutter vor ihm verbeugen würden. Im streng hierarchischen Gefüge der Sippe war dieser Anspruch unerhört, so dass selbst Vater Jakob seinen Sohn öffentlich rügen musste. Es wird aber auch vermerkt, dass er sich diesen Traum merkte (1. Mose 37,11).
Für die Brüder war die Situation jedoch so unerträglich geworden, dass sie ihn töten wollten. Brudermord war bei seinen Vorfahren nichts Unbekanntes. Nach dem Bundesbruch Adams und Evas im Garten Eden brachte die Sünde Verderben in die Familie. Aus demselben Motiv wie Josefs Brüder, nämlich Eifersucht, hatte Kain seinen jüngeren Bruder Abel erschlagen (1. Mose 4).
Als die Brüder Josef alleine bei sich auftauchen sahen, schmiedeten sie Pläne um den verhassten Bruder aus der Welt zu schaffen (1. Mose 37,18).
Die Brüder Josefs wollten um keinen Preis, dass ihr jüngerer Bruder über sie herrschen sollte. Das entsprach jedoch genau Gottes Bestimmung für ihn; er hatte ihm dies in seinen beiden Träumen angekündigt. Einige Jahre später würden sich alle Brüder vor Josef verneigen – in einem ganz anderen Umfeld, mit völlig vertauschten Karten (1. Mose 42,6).
Josef wurde aus Neid den Ismaeliten überliefert, die ihn als Sklaven mit nach Ägypten nahmen.
Josefs Brüder mussten seine Gefangennahme und Entführung vertuschen.
Wie geht es weiter mit Josef?
Josef ist dann Prototyp des Tellerwäschers, der sich zum Millionär hocharbeitete. Er wird zum Inbegriff des Ausländers, der an die Schaltstellen der Macht gelangt. Der Häftling, der sich mit Tapferkeit und Hartnäckigkeit die Aufmerksamkeit des Gefängnisdirektors erarbeitete. Doch halt: So einfach war es ja nicht. Es wird mehrmals vermerkt: Gott war mit ihm (1. Mose 39,3 etc.). Hier schlage ich die Brücke zu uns: Es geht wie bei Josef nicht um das Drehbuch eines einzelnen Lebens. Die Weltgeschichte dreht sich nicht um mich.
Eine unfreiwillige Reise, eine abgewiesene Frau und ein Gefängnisaufenthalt
Der 17-jährigen Josef klickte sich durch die Angebote im Netz, Last Minute. Nach Ägypten soll der Urlaub gehen, tauchen und schnorcheln am Meer. Nein, bei weitem gefehlt. Er unternahm zuerst eine weite Reise zu seinen Brüdern, ein gefährliches Unternehmen. Die Brüder werfen Josef in eine leere Zisterne.
Eine Karawane nahte, aus der ersten spontanen Aktion wurde ein definitiver Plan. Verkaufen würde man den Bruder. Dann hätte man ihn eindeutig los. Juda, der Vierte, meinte: „Also, so schlecht können wir mit ihm auch nicht umgehen. Er ist schließlich unser Fleisch und Blut.“ So geschieht es, dass er nach Ägypten verkauft wurde. Die Ereignisse scheinen sehr ungünstig mitgespielt zu haben. Der Mann wusste noch nichts von seiner zukünftigen Aufgabe in Ägypten. Er hatte von Gottes großem Rettungsplan für die Linie der Verheißung keine Ahnung. Vorerst zog er durch die Steppe hinunter nach Ägypten. Keine First Class, wahrscheinlich zu Fuß, womöglich noch schlecht ernährt und erniedrigend behandelt. Auf dem Sklavenmarkt wurde er vom Chef der Palastwache Pharaos gekauft.
Blenden wir in unser Leben. Vielleicht hast du große Pläne. Du siehst dich im Sportwagen umherfahren, den Arm lässig im geöffneten Fenster, die trendige Frisur im Fahrtwind, im Kofferraum den Golfschläger. Neben dir sitzt eine schlanke, gut aussehende Frau, die dir zu Diensten steht; die dich bewundert. Das eigene Geschäft hat die Anfangsphase überstanden. Nicht nur das, du hast es gar zu einem guten Preis verkaufen können. Privatier willst du nicht sein, du beschäftigst dich jetzt mit dem Bau von Mehrfamilien­häusern. Das Geld will schließlich angelegt sein. Die Jacht steht in Südfrankreich im Hafen. Vielleicht ist das alles viel zu abgehoben. Du planst in kleineren Einheiten. Vielleicht ist es das Eigenheim, die nächste Beförderung. Oder für Kinder und Jugendliche: Das neue elektronische Gerät, die Wunsch-Lehrstelle, die hübsche Freundin, der lange Asienaufenthalt mit dem ersten ersparten Geld.
Bei Josef kam alles ganz anders als erträumt. Das tolle Gewand das Geschenk seines Vaters war schnell vom Leib gerissen. Fertig war es mit der Aussicht auf das väterliche Erbe, auf das Hauptzelt und die großen Herden. Erst einmal lag er im trockenen Loch, vielleicht mit Schürfungen. Dann wurde er herausgeholt und unter hämischem Lachen der Brüder an die Händler verkauft. Ein tage- bzw. wochenlanger Gewaltmarsch nach Ägypten. Dann die Präsentation auf dem Sklavenmarkt, ein neuer Herr. Dienen, nicht herrschen. Hungern, nicht satt sein. Fern von der Heimat. Fern vom Vater. In einer komplett anderen Kultur, einer anderen Sprache, mit anderen Gepflogenheiten, einer anderen Religion. Jetzt würde es klar werden, wie Josef sich verhalten würde.
Es kam noch viel dicker. Josef bewies sich als tüchtiger Arbeitnehmer. Er arbeitete sich bis zum Hausvorsteher seines Herrn hoch. Damit war er über Dutzende, wenn nicht Hunderte anderer Sklaven gesetzt. Sein Herr kümmerte sich um gar nichts mehr. „Gott war mit ihm.“ Das war alles. Das genügte. Josef bewährte sich im neuen Umfeld. So hätte es weitergehen können. Dann kommt der zweite Schlag: Die Frau des Herrn begehrt den jungen, gut aussehenden Fremden. Er soll ihr gefügig werden. Nicht nur ein toller Job, auch noch ein heißes Liebesabenteuer folgte auf dem Fuß. Josef reagiert konsequent. In der Versuchung wird seine Gesinnung offenbar. Er weist die Frau ab. Weshalb? Weil er sonst gegen Gott gesündigt hätte. Das sagt alles. Er lebte vor Gott. Was zählte, war sein Gesetz.
Die Frau lässt das nicht auf sich sitzen. Sie ergreift die nächste Gelegenheit, als die beiden alleine im Haus waren. Jetzt oder nie! Bis jetzt war sie noch immer an ihr Ziel gekommen. Josef flüchtet, die einzige Möglichkeit, die ihm übrigbleibt. Wieder ließ er sein Gewand fahren. Wieder wendet sich sein Geschick. Die Frau verklagt ihn. Die Täterin stellt sich geschickt als Opfer hin. Josef fliegt hochkant aus dem Haus – direkt in den Hochsicherheitstrakt des Pharaos. Dunkles Verlies, enge Zellen, Ungeziefer, Feuchtigkeit, Hunger, schreiende Häftlinge, Exkremente, wohl auch Sterbende. Im Psalm steht: Der Herr presste seine Füße in einen Stock und seinen Hals in ein Eisen. Weshalb tat er das? Er läuterte ihn. Er testete seinen Glauben. Er bereitete ihn für seine Aufgabe zu.
Es gibt Etappen unseres Lebens, in denen wir ratlos dastehen. Josef wurde aus der Familie, aus seinem Besitz, aus seinem Land und auch aus seiner neuen Stelle herausgerissen und ins Gefängnis geworfen. Es kann noch ärger werden. Es muss nicht, aber es kann.
Steht deine Treue auf dem Prüfstand?
So wie Gott Josef läuterte, so stellt er auch unseren Glauben auf die Probe. Stehst du in der Versuchung aufzugeben? Lebst du in zwei Welten: Die fromme ab und zu am Sonntag und die andere in der restlichen Zeit? Er sieht deine Gedanken, deine geheimen Blicke, deine versteckten Projekte. Er schafft Situationen, um dein Herz zum Vorschein kommen zu lassen. Vielleicht entdeckst du auf diese Weise, dass du einen Erlöser brauchst. Bringe dein Gewissen nicht zum Schweigen!
Bitte, gehe nicht vorschnell an Josefs Geschichte vorüber. Ohne Erhalter des Lebens wirst du für immer am Hungertuch nagen! Du entbehrst des Wichtigsten. Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen. Was möchtest du am Ende deines Lebens einmal erzählen können?
Aus Bibel und Gemeinde 3/2020, Seite 19-26 Der Original Artikel ist von Hanniel Strebel

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