Wie soll eine Predigt NICHT sein?

Ein Beispiel für eine Sprungbrettpredigt:
„Liebe Gemeinde!
Den Text für unsere heutige Predigt finden wir in unserem Volksliederbuch:
»Hänschen klein ging allein in die weite Welt hinein. Stock und Hut steh’n ihm gut, ist gar wohlgemut. Aber Mutter weinet sehr, hat ja nun kein Hänschen mehr: Da besinnt sich das Kind, läuft nach Haus geschwind.«
Soweit unser Text!
Wie wir sehen, geht es hier um einen Menschen wie du und ich. Es geht um »Hänschen«. Dieses Wort »Hänschen« kommt von »Hans«, und »Hans« kommt von »Johannes« – und wenn wir noch etwas weiter graben, merken wir, dass »Johannes« vom hebräischen Grundtext her »Jochanan« heißt – und das bedeutet: »Gott ist gnädig«! Dies eine steht also von Anfang an über dem Leben unseres »Hänschen«: Gott ist gnädig. Und genauso steht die Verheißung über dem Leben eines jeden Menschen, der auf diese Welt kommt, und damit auch über uns: Gott ist gnädig!
Dieses Hänschen ist noch »klein«. Vielleicht weiß er noch gar nichts von der Gnade, die über seinem Leben waltet. Aber er hat diese Gnade bereits nötig. Denn wir wissen: So klein ein Mensch auch sein mag, so sündig ist er doch schon. Das wird in unserem Text auch unübersehbar klar. Hier heißt es: Er »ging allein«. Genau das ist das Problem. Hänschen geht seinen Lebensweg »allein«, ohne Gott – meint, sein Leben noch selbst in die Hände nehmen und gestalten zu können. Und solch ein eigener Weg hat immer nur ein Ziel: »In die weite Welt hinein«! Der Weg »allein«, ohne Gott, führt immer schnurstracks »in die Welt«.
Was für ein Leben ist das dort in der »Welt«! Es ist das nichtige Gegenstück zu einem Leben mit Gott. Zwei Merkmale prägen dieses weltliche Leben. 1.) Da ist zunächst einmal die Eitelkeit: »Stock und Hut steh’n ihm gut […]«, so steht es hier. Diese äußeren Dinge wie »Stock« und »Hut« treten plötzlich in den Vordergrund, ganz so, als ob solche Eitelkeiten ins Zentrum unseres Lebens gehörten. 2.) Und zweitens ist das Leben in der Welt gekennzeichnet durch vergängliche Freude: »[…] ist gar wohlgemut«, so lesen wir. Wir müssen ja nicht glauben, den Menschen in der Welt ginge es immer schlecht! Ganz im Gegenteil. Wir wissen doch schon aus den Psalmen, dass es dem Gottlosen oft sehr gut geht. Er genießt die Welt und ist »gar wohlgemut«. Dass diese Freude vergänglich ist, steht auf einem anderen Blatt.
Und nun kommt die große Wende. »Aber«, so heißt es: »Aber Mutter […]«! Was haben doch gläubige Mütter nicht schon alles für ihre verlorenen Söhne getan, die draußen in der »Welt« waren! So ist es auch hier. Da ist von Tränen die Rede: Mutter »weinet sehr«. Der Grund ist jener tief empfundene Verlust, den jeder Gläubige spürt, wenn liebe Menschen eine ganz andere, weltliche Lebensrichtung einschlagen: »hat ja nun kein Hänschen mehr«. Doch da geschieht das Wunder. Es kommt zur Umkehr: »Da besinnt sich das Kind.« Es kommt zu einer Wende um 180 Grad, zu einem radikalen Umdenken, einer Neubesinnung! Ging bisher der Weg immer tiefer in »die Welt hinein«, so wird jetzt genau die entgegengesetzte Richtung eingeschlagen. Hänschen besinnt sich auf das Vaterhaus. Es »läuft nach Haus geschwind«.
Liebe Gemeinde, wenn heute jemand hier ist, der noch nicht daheim ist beim himmlischen Vater, den möchte ich doch dringend bitten: Komm zurück S 57 »nach Haus«. Schiebe die Entscheidung nicht auf! Ich möchte Sie einladen: Machen Sie es wie Hänschen, kommen Sie noch heute – »geschwind«! Amen.“
Quelle: Helge Stadelmann, Kommunikativ Predigen: Plädoyer und Anleitung für die Auslegungspredigt (2. Auflage.; Holzgerlingen, Gießen; Brunnen, Gießen: SCM R. Brockhaus, 2018), 55–57.

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