Verflachtes Sündenverständnis

Durch Aufklärung und Idealismus wurde das Sündenverständnis verflacht. Sünde gilt als Störung der Natur, Entwicklungshemmung (Schleiermacher). Nach Hegel ist die Sünde eine notwendige Durststrecke auf dem Weg der Entwicklung des Menschen. Nietzsche bezeichnet sie als ein jüdisches Gefühl und eine jüdische Erfindung, Troeltsch als Gesinnungsfehler.
Für den modernen Menschen ist alles machbar und reparabel. Sünde ist für ihn nur noch Sand im Getriebe der Technokratie, eine Störung des reibungslosen Ablaufs, aber keine Zerstörung. Das Nivealächeln der Reklamepsychologie suggeriert ihm eine heile Welt.
Trotzdem ist das Bewusstsein des Bösen präsent, gerade in der modernen Literatur: Im Urvatermord (Freud), dem Bösen als Urtatsache (Frey-Rohn), dem Menschen als hochgekämpften Affen (Benn); Menschen, die als Verbrecher auf die Welt kommen (Sartre); das Böse, das den Menschen kerkert (Camus); das Böse, das nicht besiegt, sondern durchlitten werden muss (Solschenizyn); Menschen, die Sklaven haltende Sklaven, fromme Heuchler, Ausbeuter, ohne Natur, grausam deshalb sind (Grass).
Es gibt verschiedene Strategien für den Umgang mit der Sünde: Behagen am Unbehagen, gepflegte Tristesse, Faszination, Koketterie mit dem Underground, Schwelgerei in Disharmonien, Sucht, das Schrille zu artikulieren, die Abwertung der Sünde zum Markengütezeichen.
Aus: Horst Georg Pöhlmann. Abriss der Dogmatik. Chr. Kaiser Gütersloher Verlagshaus: Gütersloh 2002.

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