Warum geht der Theologe ins Kino? Zweiundzwanzig Antworten

Es gibt viele Gründe, ins Kino zu gehen.
Der Theologe geht ins Kino,
weil er keine Predigten schreiben will, die wie Kirchenschlaftabletten wirken.

weil er Popcornraschler hasst.

weil er seine Predigten gerne im Dunkeln vorbereitet.

weil er Scarlett Johannson in den Filmen Woody Allens mag.

weil er manchmal gern mit anderen Menschen zusammen ist, ohne mit ihnen zu reden.

weil er froh ist, manche Erfahrungen (Seelenwanderung, Einschlag eines fremden Planeten auf der Erde, Geburt und Tod eines Kaiser-Pinguins) nicht selbst machen zu müssen.

weil er gern mit den Augen anderer über die Schöpfung staunt, inklusive Pinguine, Scarlett Johannson und die Küstenlandschaft in „Melancholia“.

weil er nach dem Film das Gefühl mag, vom wiederkehrenden Alltag zugleich enttäuscht und fasziniert zu sein.

weil er neidisch ist, wie viele Menschen vor der Leinwand sitzen.

weil er sehr gerne laut über den Film tuschelnde alte Damen in der Reihe hinter ihm zurechtweist.

weil er hofft, dass der einundachtzigjährige Edgar Reitz noch mindestens drei weitere Teile seiner „Heimat“-Serie dreht.

weil ihm die Nervosität gefällt, die ihn überkommt, wenn er ein Kino besucht, in dem die Plätze nicht nummeriert und darum nicht garantiert sind.

weil er noch keinen Gottesdienst besucht hat, in dem der Pfarrer so attraktiv aussah wie George Clooney.

weil er hofft, einmal wieder einen Film zu sehen, in dem er die Musik so wunderbar findet wie in der Scheunenbau-Szene von Peter Weirs „Der einzige Zeuge“.

weil er in manchen Filmen Großartiges und Professionelles über Kasualien, Liturgie, Predigt und Pastorenhabitus  lernen kann (Rowan Atkinson in „Vier Hochzeiten und ein Todesfall“.

weil er sich „Das Leben des Brian“ lieber noch einmal anschaut als die Szenen zum viertausendsechshundertdreiundneunzigsten Mal in der Predigt nacherzählt zu bekommen.

weil die Dolby-Surround-Anlage akustisch mehr leistet als die jahrzehntealten Stereolautsprecher in der Kirche, die Liturgen und Prediger unverständlich tönen lassen.

weil er manchmal gern die Schauburg gegen die feste Burg im Choral eintauscht.

weil das Rascheln mit Chips vor dem Fernseher noch viel schlimmer ist als das Rascheln mit Popcorn vor der Leinwand.

weil er nicht wie Eutychus aus dem Fenster stürzen kann, wenn er während der Predigt einschläft.

weil ein Sperrsitz in der ersten Reihe manchmal bequemer ist als eine ungepolsterte Kirchenbank.

weil er schlechte Filme besser findet als schlechte Predigten.
https://www.theomag.de/86/wv06.htm#_edn13

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