„Du hast mir mein Herz gestohlen…“ (1Mo 31,20 Begriffe zum Menschsein im Alten Testament I

In der Liste der am meisten missverstandenen Wörter des Alten Testaments steht an oberster Stelle ohne Zweifel das „Herz“. Zwar meint das hebräische Wort lev tatsächlich dasjenige Organ bei Mensch und Tier, das wir mit Herz bezeichnen. Doch hören hier die Gemeinsamkeiten bereits auf.
Liste der missverstandenen Wörter
Symbolisch verstanden ist für uns das Herz der Sitz der Gefühle, und zwar insbesondere der Liebe. Besonders seit der Zeit der Romantik wird das Gefühl dem Verstand gegenübergestellt. Anstatt Prinzipien einzuhalten, sollen wir „unserem Herzen folgen“. Biblisches Wissen muss „vom Kopf ins Herz rutschen“, damit es für den Alltag wichtig wird. Wir sollen „mit den Augen des Herzens sehen“, den „Weg zum Herzen eines Menschen“ finden, das „Vaterherz Gottes“ entdecken usw. Natürlich ist gegen diese bildliche Redeweise an sich nichts einzuwenden. Die Schwierigkeiten beginnen da, wo man biblische Aussagen über das Herz aufgreift, ohne zu fragen, wie das Wort dem biblischen Verständnis nach zu füllen ist.
Mit den Augen des Herzens
Tatsächlich gibt es Stellen, an denen auch das Alte Testament mit „Herz“ das Gefühl beschreibt, etwa wenn es in Psalm 25,17 heißt: „Die Enge meines Herzens mache weit“. Dieses Gefühl steht allerdings nicht dem Verstand gegenüber. Im Gegenteil: An den meisten Bibelstellen meint „Herz“ tatsächlich in erster Linie den Verstand und den Willen des Menschen, wobei das Gefühl mitgemeint sein kann.
Herz = Verstand
Beispielsweise heißt es in 1Mo 31,20 wörtlich: „Jakob stahl das Herz Labans“. Offensichtlich handelte es sich hierbei nicht um eine Romanze. Vielmehr täuschte Jakob den Laban bezüglich seiner Reisepläne. „Gestohlen“ wurde also nicht das Gefühl, sondern der Verstand! Aufschlussreich ist auch die folgende Stelle: „Aber der HERR hat euch bis zum heutigen Tag weder ein Herz gegeben zu erkennen noch Augen zu sehen, noch Ohren zu hören“ (5Mose 29,3):
So wie man mit den Augen sieht und mit den Ohren hört, so erkennt man im biblischen Sinne mit dem „Herzen“. Salomo bekommt von Gott „Weite des Herzens“ (1Kön 5,9), womit aber nicht so etwas wie Großherzigkeit gemeint ist, sondern ein weiter Verstand. Dementsprechend übersetzt Luther zutreffend mit „Weite des Geistes“. Auch die häufig im Predigerbuch benutzte Formulierung „Ich richtete mein Herz auf…“ lässt sich auf diese Weise entschlüsseln. Sie bedeutet: „Ich dachte nach über…“. Und wo es heißt, Abraham „sprach in seinem Herzen“ (1Mo 17,17), ist zu lesen: Abraham „dachte für sich“.
Von Salomos „Weitherzigkeit“
Werden diese Zusammenhänge nicht beachtet, kommt es zu Missverständnissen. Gerade die Psalmen leiden häufig unter einer „romantisierenden“ Auslegung. Wenn uns beispielsweise gesagt wird: „er gebe dir, was dein Herz wünscht“ (Ps 20,5), so bezieht sich dies nicht im engen Sinne auf Herzenswünsche, etwa der romantischen Art, sondern insgesamt auf Pläne, die wir verwirklichen wollen. Und der Satz „Die Weisung Gottes ist in seinem Herzen“ (Ps 37,31) meint nicht die gefühlsmäßige Annäherung an Gott, sondern ein auch verstandesmäßiges, ganzheitliches Verinnerlichen seines Willens.
Herzenswünsche
Meiner Ansicht nach können wir das Alte Testament und uns selbst besser verstehen, wenn wir Kopf und Herz nicht gegeneinander ausspielen, sondern uns bewusstmachen, wie eng Verstand, Wille und Gefühl miteinander verknüpft sind
Julius Steinberg – Christsein Heute 01/2013
http://steinberg-theologie.de/wp-content/uploads/2014/12/CH-2013-01-Begriffe-1-Du-hast-mir-mein-Herz-gestohlen.pdf

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s